Hinabgestiegen in das „Reich des Todes“

Rainald Goetz ist in seinem Hörspiel hinabgestiegen in das „Reich des Todes“. Es handelt von der Folter und vom Ende des Westens. Ausgehend von den Anschlägen des 11. September 2001 zieht er eine Linie über Abu Ghraib bis in die Gegenwart. Dabei überblendet Goetz historische Ereignisse, Figuren und Zeiten.

Rainald Goetz: Reich des Todes

NDR Kultur, Sa, 05.09.2026, 18.00 – 20.00 Uhr

Mit Rainald Goetz’ Hörspiel „Reich des Todes“ ergänzt die ARD ihren Themenschwerpunkt mit Fernseh- und Radiodokumentationen zum 25. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001. Zusammen mit Regisseur Henri Hüster hat Rainald Goetz seinen Theatertext, der am 11. September 2020 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in einer Inszenierung von Karin Baier Premiere hatte, für das Radio bearbeitet.

„Reich des Bösen“ ist nicht das erste Hörspiel zu 9/11. Das erste entstand sogar unmittelbar bevor islamistische Terroristen die Flugzeuge in die Twin-Towers lenkten: „Bombsong (untitled)“ von Thea Dorn (HR), in dem eine Frau mit einem roten Koffer aus westlichem Selbsthass alles in die Luft sprengen wollte. Während die Komponistin Ulrike Haage an der Hörspielmusik arbeitete, flimmerten die Fernsehbilder der Realisierung dieser literarischen Fantasie über die Bildschirme. Der dänische Autor Christian Lollike porträtierte 2006 für den Dänischen Rundfunk den Attentäter Mohammed Atta ebenfalls als Exekutor westlichen Selbsthasses. Titel des Stücks: „Underværket („Das Wunderwerk“) – The Re-Mohammed-Ty-Show“. Ronald Steckel collagierte in seinem Soundstück „Undeutlich Landschaft“ (SWF, 2002) O-Töne aus dem New York des 11. September zu einem „akustischen Palimpsest“.

Was geschah am 4. November 2003?

Der 11. September ist für Rainald Goetz eher der Auslöser als der Fluchtpunkt seines Hörspiels. Das Datum, dem Rainald Goetz mehr Bedeutung beimisst, ist der 4. November 2003. Am 28. April 2004 wurde im CBS-Magazin „60 Minutes“ gezeigt, was in der Nacht zu diesem 4. November im US-amerikanischen Foltergefängnis Abu Ghraib den Insassen angetan wurde. Es war der Moment, in dem der Westen – verstanden als eine auf Achtung der Menschenrechte basierende Ordnung – für alle sichtbar zu Ende ging. Es entstanden ikonische Bilder der Menschenfeindlichkeit, auf denen männliche und weibliche Soldaten stolz mit ihren Opfern posierten und ein Gefangener auf einer Holzkiste stehend mit einer spitzen Mülltüte über dem Kopf an Händen und Genitalien an Elektrokabel angeschlossen war.

Charaktermasken des Bösen

Die rechtliche Basis für diese Akte der Unmenschlichkeit wurde nach dem 11. September in einem Geheimmemorandum unter der Regierung von George W. Bush gelegt. Doch Rainald Goetz’ Hörspiel ist keine historische Rekonstruktion, sondern eine hybride Überformung, die auf mehreren Zeitebenen spielt. Der Präsident in seinem Stück heißt nicht Bush, sondern Grotten und wird von Fabian Hinrichs gespielt. Der Vizepräsident ist nicht Dick Cheney, sondern heißt Selch (Burkhardt Klaußner) und auch die anderen Akteure haben allesamt deutschen Namen, die reale Figuren miteinander überblenden.

So trägt einer der willfährigen US-Juristen den Namen Schill (Gabriel Schneider) – nach dem ehemaligen Hamburger Innensenator –, einer in der Nachbetrachtung ebenso gefährlichen wie lächerlichen Figur des Rechtspopulismus. Seine Gegenfigur im Stück ist Kelsen (Jens Harzer), benannt nach dem liberalen Rechtswissenschaftler Hans Kelsen, einem der Lieblingsfeinde des NS-Apologeten Carl Schmitt, der ganz nebenbei in einer furiosen Tirade sein Fett wegkriegt. All die Thurgaus, Banzhafs, Sebalds und Roons, die im Weißen Haus, das gleichzeitig ein Führerbunker ist, ihr Unwesen treiben, haben reale Vorbilder. Und doch sind sie keine Figuren in einem Schlüsselroman, sondern Charaktermasken des (manchmal banalen) Bösen.

Die Verbalität der weltgerichteten Negation

„Welche Haltung muss der Text also einnehmen gegenüber TÄTERN und OPFERN, um seine textspezifische Welterfassungskapazität zu erreichen?“ fragt sich Rainald Goetz, der die Figur des Autors in seinem Stück selbst spricht, und gibt sich gleich die Antwort: „Dazu genügt es nicht, die Opfer zu ZEIGEN, das Mitgefühl mit ihnen zu triggern, Mitgefühl ist nicht genug, […] um das Geschehene über Empörung hinaus auch in seinen Gründen zu erfassen, muss gerade der Text vom TÄTER ausgehen, das Nein ihm gegenüber das NACHDENKEN ermöglichen, die verstehende Betrachtung der Geschichte.“ (Versalien im Manuskript)

Das fast zweistündige Hörspiel ist in fünf Teile mit mehreren Unterkapiteln gegliedert „Schlucht“, „Leviathan“, „Was geschah am 4. November 2003?“, „Desastres de la Guerra“ und „Der Prozess“. Es ist im Wesentlichen ein Stück über die Folter. Schon kurz nach Beginn des Stücks tritt ein Folterer auf – ein „sympathisch fleischiger Kraftkerl mit Vollbart“, der brutal und lustvoll seiner Arbeit nachgeht. Denn es ist die unerträgliche Geilheit der Macht gegenüber den absolut Ausgelieferten, die Rainald Goetz hier artikuliert und Henri Hüster inszeniert.

Travestie des Schreckens

Doch die Momente, in denen der Aufschrei, das Wimmern, das Schnaufen, das Stöhnen, Schnauben, Atmen, Ächzen aus dem Manuskript Eins-zu-eins ins Akustische übersetzt wird, konterkarieren den beabsichtigten Effekt. Statt auf die Kraft der Sprache zu vertrauen, liefert das Hörspiel hier eine Travestie des Schreckens, bei der man eher sich abmühende Schauspieler hört als das Elend der geschundenen Kreatur.

In seinem künstlerischen Feature „Königreich des Schweigens – Stimmen aus syrischen Gefängnissen“ (WDR 2020) hat Jakob Weingartner zum gleichen Thema dafür die überzeugendere Lösung eines abstrakteren Sounddesigns gefunden, denn, so heißt es dort: „Diese Schreie kann man nicht simulieren. Niemand kann sich das vorstellen.“

Demgegenüber sind die Passagen, in denen sich die Autorfigur (Goetz) mit der Erzählerin (Edith Saldanha) und die Figuren in quasi-chorischen Momenten gegenseitig überlagern, die angemessene Form für einen Text, dessen Konstruktionsprinzip die Überlagerung ist. Wenige O-Töne von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld („Known unknowns“) bis zum deutschen Außenminister Joschka Fischer („I’m not convinced“) wirken ähnlich wie die Folterbilder nur als ikonische Marker, weniger als historische Verortung. Eine ähnliche Funktion haben die extrem reduzierten Versionen von John Philip Sousas pompösen Militärmarsch „Stars and Stripes Forever“, die die Komponisten Florentin Berger-Monit und Johannes Wernicke als Leitmotive eingesetzt haben.

Erziehung zur Grausamkeit

Im Verlauf des Hörspiels wird klar, dass sein Titel „Reich des Todes“ keine metaphorische Ortsangabe ist, sondern aus christlichem Kontext stammt: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ ist Jesus nach seinem Tod am Kreuz. Abu Ghraib wird als das Golgatha des gefolterten Atta (Cino Djavid) bezeichnet, und der Gott, den er anruft, ist der christliche, nicht der muslimische. Derselbe, zu dem US-Präsident Grotten betet. Neben den Figuren und Zeiten überblendet Goetz auch die religiösen Kontexte.

Die dritte zeitliche Ebene, auf der das Hörspiel spielt, erschließt sich im Zuhören. Es ist die Jetztzeit, in der die Mächtigen ihre, so Goetz, „Faszination für das VERBRECHERISCHE der Amoral,“ exekutieren und „das politisch Verbrecherische von Staatsverachtung, Propaganda für Institutionenzerstörung und diktatorische Herrschaft“ vorantreiben.

Im Vergleich zur Entstehung des Theatertextes im Jahr 2020, als nach der Abwahl Donald Trumps eine kurze Atempause einkehrte, ist mit dessen Wiederwahl 2024 die „offensiv zur Schau getragene Allüre von Niedrigkeit und Ordinärheit“ zurückgekehrt und zwar als „triumphal vorgeführte Souveränität“. Jetzt posieren nicht mehr nur Soldatinnen vor ihren Folteropfern, sondern die damalige Ministerin für Heimatschutz Kristi Noem vor halbnackten Gefangenen in einem Knast in El Salvador. Die „Erziehung zur Grausamkeit“, so der Titel des neuen Buches des österreichischen Autors Robert Misik über „Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“, ist seit 2003 in Amerika offensichtlich weit fortgeschritten.

Im Hörspiel gibt es dazu eine auf den 8.6.26 datierte Notiz von dem Tag, an dem in Hamburg die Aufnahmen zur Hörspielproduktion begannen – einer „Stadt ohne Krieg aktuell“. Goetz erinnert sich darin an die Schlachtfelder des 19. Jahrhunderts, die Francisco de Goya in seinen Grafikzyklus „Desastres de la Guerra“ ins Bild gefasst hat. Er reflektiert die Freiheit, sich vorzustellen „wie es ist im Krieg zweitausend Kilometer östlich in der Ukraine, im Nahen Osten doppelt so weit weg, in Tel Aviv, Jerusalem, in Gaza, Teheran –“ und geht dann doch „weg von den Bildern hin zum WORT, der Imagination, dem komplizierten Umweg der Verbalität, der weltgerichteten Negation.“

Trotz einiger vermeidbarer Manierismen entwickelt das Hörspiel eine beunruhigend abgründige Aktualität, die man in der pflichtschuldigen Jahrestagsprogrammierung so nicht erwartet hätte.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 03.09.2026


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