Ein Konzeptalbum als Hörspiel

Dietmar Dath / Thomas Weber: Larissa oder Sprich diesen Tod nicht aus

SWR 2, Di 07.05.2013, 23.05 bis 0.00 Uhr

Es beginnt mit einem leichten Schreck. Da rezitiert ein Schauspieler die in Jamben und Trochäen gesetzten Texte von Dietmar Dath, als hätte er im Blixa-Bargeld-Ähnlichkeitswettbewerb den zweiten Platz gemacht. Doch der Eindruck verflüchtigt sich schnell. Dass weite Teile von Dietmar Daths Hörspiel „Larissa oder Sprich diesen Tod nicht aus“ (Komposition: Thomas Weber mit dem Kammerflimmer Kollektief) in gebundener Sprache verfasst sind, verführt natürlich zu gewissen Manierismen. Die kann man entweder als Verbeugung oder ironisches Zitieren des Sängers der Gruppe Einstürzende Neubauten verstehen. Auch die Grundierung mit flächigem Gitarrensound erinnert an Songs der Neubauten von Ende der 1980er Jahre. Doch gegen die rhythmisierte Struktur von Daths Sprache arbeitet der Soundtrack des Kammerflimmer Kollektiefs immer wieder an, so dass die Musik für eben jene (Herz-)Rhythmusstörung sorgt, die der Band den Namen gegeben hat.

„Larissa oder Sprich diesen Tod nicht aus“ ist denn auch ein gut durchhörbares Konzeptalbum im Gewand eines Hörspiels. Laut Manuskript gliedern insgesamt 22 Lieder, Duette und ein Schlussterzett das Stück, wobei drei der Lieder und ein paar kleinere Textabschnitte wohl der Gewalt des Sendeschemas zum Opfer gefallen sind, das maximal Formate von 55 Minuten zulässt. Bleiben also 19 Songs, die, in der Regie von Thomas Weber und Iris Drögekamp, die Geschichte von Sema (Judith Rosmair), Larissa Lenhard (Jana Schulz) und Herrn Schwarzhund (Alexander Scheer) erzählen.

Larissa und Herr Schwarzhund wollen sich bei der pharaonenhaften Sema, „der jüngsten Großaktionärin von Ägypten“, das Honorar dafür abholen, dass sie den Musterteufel getötet haben. Denn der wusste das Wort, mit dem er Sema hätte vernichten können. Doch weil man nicht durch Geldausgeben reich wird, verweigert Sema die Honorierung des Auftragsmordes und vermählt sich lieber mit Herrn Schwarzhund. Der ist – wie der Name schon vermuten lässt – ebenfalls ein Teufel, und zwar der Bruder des getöteten Musterteufels. Außerdem kennt er seinerseits das Wort, das Larissa töten wird. Deren Name wiederum verweist auf eine Figur aus der griechischen Mythologie, die lieber den Selbstmord wählte, als sich Zeus zu ergeben.

Die unkorrumpierbare Larissa fällt also – ganz klassisch-tragisch gedacht – den Familienverhältnissen zum Opfer, die in der klassischen Antike immer auch Gewaltverhältnisse waren. Bei Dietmar Dath sind diese Familienverhältnisse durch Geld und Politik zusätzlich kontaminiert. Ägypten, das klassische Griechenland und das spätkapitalistische Deutschland werden übereinander geblendet. „Wie greift man Zustände an, in denen das Richtige nicht verboten ist, sondern vergiftet?“, fragt sich Larissa. Und weiter: „Wie befreit man Leute, die sich für frei halten, weil ihre Fesseln so tief ins Fleisch schneiden, dass sie für Bestandteile der Leiber gehalten werden?“ Obwohl er ihr Agent ist, wird auch Herr Schwarzbach in dieser wesenhaft korrupten Gesellschaft nicht heimisch werden – da hilft nicht einmal der Honorarverzicht.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 19/2013

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