Ein Hörspielfestival ohne Hörspiele
Die 18. ARD-Hörspieltagen 2022 in Karlsruhe
Insgesamt fünf Preise wurden auf den 18. ARD-Hörspieltagen vergeben, darunter der Deutsche Hörspielpreis der ARD, der an Rebekka Davids Hörspielfassung des Romans „Der Termin“ von Katharina Volckmer ging. Sonst gab es allerdings vergleichsweise wenig zu hören.
Seit 2004 veranstaltet die ARD ihre Hörspieltage, seit 2015 sind der österreichische Rundfunk (ORF) und das Schweizer Rundfunk und Fernsehen (SRF) mit dabei. Auf der seit der Corona-Pandemie deutlich abgespeckten Veranstaltung konkurrieren zwölf Hörspiele um den von einer Fachjury vergebenen Deutschen Hörspielpreis der ARD. Der Publikumspreis „ARD-Online-Award“ wurde dieses Jahr nicht ausgeschrieben. Insgesamt hat die Veranstaltung seit letztem Jahr ihren Festivalcharakter weitgehend verloren, werden doch die von den Rundfunkanstalten nominierten Wettbewerbsstücke nicht mehr öffentlich vorgeführt und im Anschluss auf offener Bühne diskutiert und durch Gespräche mit den Autoren vertieft, sondern lediglich online gestellt. Ein Stück fehlte ganz, nämlich „Landunter“ von Wilke Weermann (Radio Bremen), dass erst am 4. Dezember urgesendet wird.
Stattdessen gab es nur die zwei 90-minütigen Jurydiskussionen mit jeweils dreiminütigen Ausschnitten aus den Hörspielen. Ein Hörspielfestival ohne das gemeinschaftliche „Kampfhören“ der Wettbewerbsbeiträge und die Publikumsreaktionen büßt doch heftig an Attraktivität ein. Die rein weiblich besetzte Fachjury mit Anna Bergmann (Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe), Kersty Grether (Sängerin und Songschreiberin), Bernadette La Hengst (Sängerin, Theater- und Hörspielmacherin), Nathalie Singer (Professorin für Experimentelles Radio an der Bauhaus Universität Weimar) unter Vorsitz der Kulturjournalistin und Leiterin der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ der Berlinale, Jenni Zylka, zeichnete Rebekka Davids Hörspielbearbeitung von Katharina Volckmers Roman „Der Termin“ (SWR) mit dem mit 5.000 Euro dotierte Deutschen Hörspielpreis der ARD aus (vgl. MD 33/22).
Sie begründeten das wie folgt: „Es ist ein einziger, voluminöser, grotesker, unerhörter, diskursiver, bitterer und todkomischer stream of conciousness, den eine junge deutsche Frau auf ihren jüdischen, stoisch schweigenden Arzt Dr. Seligmann niederprasseln lässt. Der Text und seine kongeniale, vielstimmig-chorische Audio-Darstellung durch fünf Interpret*innen mit unterschiedlichem Alter, Geschlecht und kulturellem Hintergrund fürchtet sich vor gar nichts: Nicht vor Provokation, nicht vor Fettnäpfchen, nicht vor Absurditäten, und schon gar nicht vor Genderdiskursen. Mutig, radikal-genital und rhythmisch mischt das Stück Debatten um Schuld, Misogynie und Buttercremetorte zu einem im besten Sinne gigantischen und hochaktuellen Hörerlebnis.“
Eine lobende Erwähnung sprach die Jury für das Hörspiel „Pig Boy 1986 – 2358“ von Gwendoline Soublin (Produktion: NDR und SRF) aus: „Im Schweinsgalopp rast das Stück in drei auditiv aufregenden und unterschiedlichen Teilen vom Verhältnis zwischen Mensch und Tier bis hin zur Medienkritik“, heißt es. „Pig Boy“ sei eines der kühnsten Stücke der diesjährigen Auswahl an Hörspielen.
Der mit 3.000 Euro dotierte Preis für die beste schauspielerische Leistung ging an Abak Safaei-Rad für die Hauptrolle in der NDR-Produktion „Pisten“ von Penda Diouf, deren „versatile Stimme“ laut der Jury „sowohl Authentizität als auch Trauer, Unbekümmertheit und berechtigte Wut auszudrücken“ vermag (vgl. MD 25/22).
Der mit 5.000 Euro dotierte Deutsche Kinderhörspielpreis ging an die WDR-Produktion „Clevergirl – Mit Angstmän auf intergalaktischer Mission“ von Hartmut El Kurdi, der, zwanzig Jahre nachdem er den Preis mit „Angstmän“ gewonnen hatte, seiner Figur eine Schwester beigesellt hat. „Mit diesem Paar gelingt dem Autor ein unangestrengter Beitrag zur Genderdebatte und ein Spiel mit den Geschlechterklischees, das sich mit viel Witz an Science-Fiction-Vorbildern orientiert und diese gleichzeitig durch den Kakao zieht“, begründete die Jury den von der Film- und Medienstiftung NRW und der ARD ausgelobten Preis.
Der von einer Kinderjury der Karlsruher Hans-Thoma-Schule vergebene und mit 2.000 Euro dotierte Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe ging an die sechsteilige Science-Fiction-Serie „Cryptos“ nach dem gleichnamigen Roman von Ursula Poznanski von Radio Bremen.
Der Preis für maximal 15-minütige Produktionen aus der freien Szene, der früher „ARD PiNball“ (für „Premiere im Netz“) hieß und jetzt in „max15“ umbenannt und mit 1.000 Euro dotiert wurde, ging an das im Mikrokosmos eines Freibads spielende „Landi kommt runter“ von Milena Michalek und Moritz Geiser.
Neben den Preisen veranstalteten die ARD-Hörspieltage noch einen „Event-Tag“, der sich unter dem Titel „Das hat Folgen“ Serienformaten im Hörspiel widmete. Sieben verschiedene Formate wurden vorgestellt, von der unter Krimivorbehalt stehenden, aber konzeptionell weit darüber hinausgewachsenen Serie „Alice“ von Feo Frank vom Deutschlandradio, über die von vier verschiedenen Autoren erstellte Serie über weibliches Begehren „10 Atemzüge“ vom Hessischen Rundfunk bis hin zu einem Ausblick auf das Schüler-Mystery-Format „Forever Club“ vom Westdeutschen Rundfunk.
Hörspieldramaturg und -regissuer Gerrit Booms vom WDR stellte „Forever Club“ als streng zielgruppenorientiertes Projekt vor, das erst nach Bedürfnis- und Konkurrenz- und Plattformanalyse überhaupt in die Konzeption ging. Herausgefunden hatte man, dass für ein junges Publikum, dass in der Regel nebenbei über mobile Endgeräte hört, ein Coming-of-Age-Format in der Gattung Mystery am attraktivsten sei. Was dabei rausgekommen ist, kann man demnächst auf einschlägigen Podcast-Plattformen und in den Mediatheken hören. Der Trailer klang jedenfalls genau so, wie man ihn sich nach der Präsentation vorgestellt hatte. Ob das junge Publikum die Absicht spürt und verstimmt ist, oder ob man es mit so designtem Fastfood für die akustischen Künste begeistern kann, bleibt abzuwarten. Im inhaltlich oder künstlerisch motivierten Fachpublikum spürte man jedenfalls hörbar das Entsetzen ob dieser Vorgehensweise.
Jochen Meißner – KNA, 17.11.2022
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