Ein Aufmupf

 Zum Tod von Friedrich Knilli

Friedrich Knilli: Das Hörspiel„Das Hörspiel ist immer Kampf“ sagte Friedrich Knilli im Jahr 2011, genau 50 Jahre nachdem sein 140 Seiten dickes Buch „Das Hörspiel – Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels“ erschienen war. Es gibt in der Hörspielgeschichte wenige kanonische Werke, die das Genre reflektieren und voranbringen, das „Schallspielbuch“ gehört zweifellos dazu und wenige haben solch eine Wirkung entfaltet. In ihm verabschiedete Knilli das „alte“ Hörspiel der „inneren Bühne“ und versetzte es in den akustischen Raum des Hörers, wo es schon immer stattgefunden hatte. Außerdem interessierte er sich für die Technik, für die Sounds der Apparaturen und für die Rezeption – kurz für die aus Schallereignissen bestehende Eigenwelt des Hörspiels und seine Außenwelt, zu der unter anderem der Hörer mit seinen vorstellungspsychologischen oder literarischen Vorprägungen gehört.

Bei den Apologeten einer literarischen, wortzentrierten Innerlichkeit und jenen, die das Hörspiel als „ein episch-lyrisches Zwittergebilde oder als ein episch-dramatisches Zwittergebilde oder als eine lyrisch-episch-dramatische Dreiheit“ verstehen wollten, stieß der polemische Aufmupf Knilli dementsprechend auf erbitterten Widerstand. Besonders heftig erregte sich Heinz Schwitzke, damals Hörspielleiter des Norddeutschen Rundfunks. Der gerne als „Hörspielpapst“ apostrophierte Förderer von Günter Eich („Träume“) wütete 1961 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Nr. 49 vom 1. Dezember) gegen den „jungen Steiermärker“, der am 14. Februar 1930 als Friedrich Venier im österreichischen Dorf Fehring geboren wurde, in Graz Maschinenbau studiert und 1959 in Psychologie promoviert hatte. „Ein Sektierer“, so Schwitzke, „polemisiert darin gegen alles, was in 38 Rundfunkjahren als Hörspiel bezeichnet wurde und kann, genau genommen, nicht ein einziges Beispiel, nicht einen einzigen Zeugen nennen für das, was er will.“ Schwitzke unterstellte Knilli sogar böswillig eine „kaum verhüllte Vorliebe für Sprechchorexperimente und sogar für gewisse NS-Propagandaspiele.“

Knilli, der in den 70er Jahren zu einem der Erfinder der Medienwissenschaft werden sollte, prognostizierte in seinem Buch (1961!) eine Sendeanlage, die

nur von einer kybernetischen Maschine gesteuert, ununterbrochen läuft und nach einem eingestellten Programm Spielnummern speichert, kombiniert, auswählt und ausstrahlt und gleichzeitig die in Millionen gehenden Reaktionen, Wünsche und Impulse der Empfänger mitverarbeitet. Ein solch gigantisches, elektronisches Sende- und Empfangssystem könnte eine Art extemporiertes Totalfunkspiel hervorbringen, eine ‚Commedia dell’arte’ des technischen Zeitalters.

Helmut Heißenbüttel stellte 1970 dieses Knilli-Zitat in den Mittelpunkt seiner berühmten Radiocollage „Was sollen wir überhaupt senden?“ (SDR/SFB) Inzwischen haben Spotify und andere Musikstreaming-Plattformen Knillis Maschine virtuelle Realität werden lassen und ihre Funktionsweise in Algorithmen gegossen. Einzig das lineare Radio stellt sich Heißenbüttels Frage noch immer – und es wird an ihr scheitern, wenn es das digital Konstruierte in Analog-Linearen nachbauen will. Friedrich Knilli verharrte aber nicht auf der Reflexionsebene, sondern begann auch selbst Hörspiele zu machen, zum Beispiel mit seinem zusammen mit Erwin Reiss verfassten und als „Radiodeklaration“ untertitelten Stück „Die Lust am Kapitalismus“ (WDR) aus dem Jahr 1969. Außerdem schrieb er das Drehbuch zu einem Fernsehspiel über das deutsche Arbeitertheater von 1867 bis 1918 („Auf, Sozialisten, schließt die Reihen!“), das 1971 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

In den 1970er Jahren wandte sich Knilli in seiner Forschertätigkeit ganz dem Film zu. 1972 habilitierte er sich als Literaturwissenschaftler und lehrte an der Technischen Universität in Berlin am Institut für Sprache im Technischen Zeitalter Medienwissenschaften. Die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus war einer seiner Schwerpunkte. Seine fiktive Autobiografie des Schauspielers Ferdinand Marian „Ich war Jud Süß“ diente Oskar Roehler als Vorlage für den Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“. Doch auch seine eigene Geschichte, beziehungsweise die seines in die Arisierung eines jüdischen Kleidergeschäftes verstrickten Onkels Josef Knilli, erzählte Friedrich Knilli 2018 in seinem Medienexperiment „Höllenfahrt“ (DLF Kultur), das als Hörspiel im Radio wie auch im Internet stattfand.

Doch so heftig Friedrich Knilli 1961 den Hörern das Hörspiel aus dem Kopf geschlagen hatte, so engagiert wollte er später wieder in die Köpfe seiner Hörer hinein. Mittels eines „Media Kit for Kids“ aus bassverstärkten In-Ear-Kopfhörern und Sensoren, die Hautwiderstand, Herzschlag und Puls messen, wollte er ausgerechnet einen Hörspielklassiker von Günter Eich, nämlich „Die Mädchen aus Viterbo“ aus dem Jahr 1953, den er für kitschig hielt, körperlich erfahrbar machen.  An seinem letzten Text hat Friedrich Knilli zusammen mit seiner Tochter, der Dokumentarfilmerin und Regisseurin Maria Knilli, bis kurz vor seinem Tod gearbeitet. Der Arbeitstitel lautet „Radio im Kopf – Gespräch zwischen Tochter und Vater“, es sollte wieder ein Hörspiel werden. Am 1. Februar ist Friedrich Knilli kurz vor seinem 92. Geburtstag in Berlin gestorben. Er kann sich nun von seinen Kämpfen ausruhen, die im und um das Hörspiel gehen weiter.

Jochen Meißner – epd medien 7/2022

Der Medienwissenschaflter Siegfried Zielinski zum Tod von Friedrich Knill im DLF

Der ehemalige Hörspielchef von Deutschlandradio Berlin Götz Naleppa auf DLF Kultur

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