Die Strategie der Kiefer

Leon Engler: Satellitenbilder deiner Kindheit – Annäherung an den Vater

WDR 3, So, 06.02.2022, 19.04 bis 20.00 Uhr

In Martin Englers neuem Hörspiel bemüht sich ein namenloser Sohn die Lebensgeschichte seines Vaters nachzuzeichnen, der als hilfloser Spielball der Marktkräfte so gar nicht von den Freiheitsversprechen der neoliberalen Wirtschaftsideologie profitiert. Der literarisch ambitionierte Text erzählt lakonisch von der großen Traurigkeit, in der ein Leben vergeht.

Wie von den Verheerungen, die der Neoliberalismus anrichtet erzählen, ohne ins trivial Thesenhafte abzugleiten? Wie von dem Klassenkrieg, den die Warren Buffets dieser Welt führen und den diese Großinvestoren im Begriff sind zu gewinnen? Wie beschreibt man ein Schicksal, dass den Marktkräften unterworfen ist, ohne in sentimentale oder anklagende Klischees abzudriften? Der Dramatiker und Hörspielautor Leon Engler träumt von „einem bescheidenen Text, der die Verhältnisse nicht verzwergt, auf Kampfbegriffe und lineare Erklärungen zusammenschrumpft, und dann wieder zur Weltformel aufbläst.“ Mit seinem 53-minütigem Hörspiel „Satellitenbilder deiner Kindheit“  hat er so einen Text geschrieben.

Im Gegensatz zu seinen früheren Hörspielen „Bier“ (WDR 2019) und „Hummer und Durst“ (DLF Kultur 2020), die sich auf satirisch-komödiantische Weise mit Absurditäten von Ökonomie und Politik beschäftigt haben, ist Englers neues Stück sehr ernsthaft und völlig unironisch. Das monologisch angelegte Stück handelt von der Annäherung seines namenlosen Protagonisten an dessen Vater. Engler braucht nur wenige Sätze, um Figur und Situation zu zeichnen, wie beispielsweise: „Der Fiesta ist älter als ich“, oder „Die Klamotten, die du trägst, kenne ich seit meiner Kindheit“. Das Leben hat es offenbar nicht gut gemeint mit dem Vater. Das Leben, das ist jene ökonomische Ideologie, die Freiheit und Eigenverantwortung propagiert, sie aber den Wenigsten wirklich ermöglicht. Der freie Wettbewerb bedeute für die ihm unterworfenen Massen eine größere Tyrannei als die des Staates, sagte schon 1944 George Orwell als er das Werk des neoliberalen Vordenkers Friedrich von Hayek kritisierte.

Engler montiert diese Aussage auf Englisch in sein Hörspiel ein – zusammen mit Aussagen von Hayek bis Milton Friedman, von John Maynard Keynes bis Adam Tooze, von Maggie Thatcher bis Ronald Reagan – die meisten ebenfalls auf Englisch. Leider sind sie meist schon wieder vorbei, bevor man sie recht verstanden hat. Das Timing ist nicht optimal in diesem Stück, das der Autor zusammen mit dem WDR-Regisseur Jörg Schlüter zusammen inszeniert hat und für das er auch den elektronisch-melodiösen Soundtrack geliefert hat, der weite Strecken des Stückes untermalt. Sämtliche Zitate der berühmten Ökonomen kulminieren in dem Satz des britischen Politikwissenschaftlers Mark Blyth: „Facts never disconfirm a good ideology.“

Doch die Ideologiekritik ist nur eine Ebene des in sieben Abschnitte unterteilten Hörspiels. Eine andere besteht in der Metaphernwelt der Kiefer. Dieser immergrüne Nadelbaum kann praktisch überall wachsen, bis zu 50 Meter hoch und 1.000 Jahre alt werden – was er aber so gut wie nie tut. Denn es fehlt ihr an Konkurrenzkraft. Die Kiefer braucht extrem viel Licht und ist so ständig auf Nischensuche – „auf der Flucht nach Extremstandorten und Katastrophenflächen.“ Der Lebensweg des Vaters verläuft nach der Strategie der Kiefer. Von der Mutter zur Adoption freigegeben, von den Pflegeeltern zu Hilfsarbeiten angehalten und mit Schuldbewusstsein geimpft, hatte er nie die Freiheit, seinen Traumberuf zu ergreifen. Er schlug sich von Job zu Job durch und sein Weg führte immer weiter nach unten – immer den niedrigsten Mietpreisen hinterher bis er in einem heruntergekommen Dorf in Brandenburg landet. „1990 wird der seit 1851 etablierte gemeinnützige Wohnungsbau aufgehoben. Der Wohnungsmarkt wird liberalisiert und privatisiert. Privare, lateinisch: berauben“, kommentiert der Autor.

Es geht also eigentlich um das pure Elend, das mit einer gewissen Zwangsläufigkeit eintritt, aber ebenso lakonisch geschildert wird, wie auf der anderen Seite der Lebenshunger des Vaters. Der spart jeden Cent um einmal in Asien zu überwintern und mit einem Moped durch Laos zu knattern. Er lernt sogar heimlich Laotisch. Aber leben wird er dort natürlich nie.

GPS 48.02406, 15.89625

Die GPS-Kooradinaten 48.02406, 15.89625 in Leon Englers Hörspiel „Satellitenbilder deiner Kindheit“ verweisen auf einen Tischler namens Johann Singraber, allerdings nicht in Brandenburg, sondern im niederösterreichischen Kaumberg.

Fast die gesamte Last dieses literarisch ambitionierten Textes, der sympathischerweise seinen Kunstwillen und sein Bemühen um Genauigkeit offenlegt, liegt auf den Schultern des jungen Schauspielers Niklas Draeger in der Rolle des Sohnes. Draeger hat nicht so ganz den professionell-routinierten Radioton drauf, der allzu oft den Sound eines öffentlich-rechtlichen Hörspiels bestimmt, andererseits klingt seine Stimme aber auch schon zu trainiert, als dass man dem Ich-Erzähler eine gewisse ‚Authentizität‘ zuschreiben würde. Man merkt der Inszenierung an, dass sie einerseits um jeden Preis eine falsche Gefühligkeit vermeiden wollte, ebenso wie andererseits die Kälte der Satellitenperspektive auf ein Leben. Doch was den feinen Grat überwölbt, auf dem die Inszenierung entlang balanciert, ist die hoffnungslose Traurigkeit ihrer Figuren, die sich trotzdem und sehr eindrücklich zwischen den Zeilen mitteilt.

Jochen Meißner – KNA 17.02.22

 

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