Die Furcht des Larry Fink

Barbara Eisenmann / Frieder Butzmann: P = Φ (A, B, γ). Ein Schuldenwiderstandsoratorium

SWR 2, Di 08.12.2015, 20.05 bis 21.00 Uhr /
NDR Kultur, Di 08.12.15, 20.00 bis 20.55 Uhr /
D-Kultur 06.01.2016, 0.05 bis 1.00 Uhr

Der Obertitel von Barbara Eisenmanns und Frieder Butzmanns „Schuldenwiderstandsoratorium“ ist die Kurzform einer Wahrscheinlichkeitsgleichung zur Berechnung von Ausfallrisiken: „P gleich Phi von A B Gamma“ – eine mathematische Funktion, in der das Gamma den Autoren zufolge jedoch eine willkürliche Größe darstellt. Es handelt sich hier also eher um Finanzesoterik als um Finanzmathematik. Nach ihrem Hörstück „Schnuppertag – Gesänge aus der Welt der Discounter“ (vgl. FK 22-23/09) haben sich Eisenmann und Butzmann jetzt erneut in musikalischer Form einem Wirtschaftsthema gewidmet, jedoch einem ungleich abstrakteren. Das 55-­minütige Stück ist eine Koproduktion des SWR (federführend) mit dem NDR und dem Deutschlandradio Kultur.

Mussten im „Schnuppertag“ die Schauspieler noch alleine singen, stehen dem fast identischen Ensemble (Sven-Åke Johansson, Judith Engel, Britta-Ann Flechsenhar, Ute Kannenberg, Lennard Körber, Angelo Marinis, Daniel Mattar, David Moss, Lars Rudolph) diesmal zwei veritable Chöre zur Seite: der Ölberg-Chor der Emmaus-Ölberg-Kirchengemeinde aus Berlin-Kreuzberg als Chor der Gläubiger und der Frauenchor ‚Judiths Krise‘ als Chor der Schuldner. Und mittendrin eine Sprechrolle: Es ist die von „Larry Everywhere“, will heißen: Laurence Douglas Fink (David Moss), genannt Larry, Vorstandsvorsitzender und CEO von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Institutionelle Anleger, Pensions- und Staatsfonds, Versicherungen und ein paar Superreiche lassen insgesamt 4,65 Billionen US-Dollar von Blackrock managen.

Larry Fink ist derjenige, der seit Ende der 1980er Jahre den eher langweiligen Hypothekenmarkt durch Verbriefungen so aufgemischt hat, dass sich durch Weiterverkauf aus schlechten Krediten gutes Geld machen ließ – jedenfalls bis zur Finanzkrise 2007. Ab da machte Blackrock richtig Geld, denn man kannte sich mit den toxischen Papieren bestens aus und war gerne engagierter Berater. Außerdem verfügte Blackrock über ein Werkzeug, um das den Vermögensverwalter damals vielleicht sogar der US-Geheimdienst NSA beneidete, nämlich ein Großrechnersystem zur Risikobewertung namens „Asset Liability and Debt and Derivative Investment Network“, kurz: ALADDIN. Schöner kann man ein Tool zur wundersamen Geldvermehrung wohl kaum benennen.

Dass Finanzdienstleistungen nicht im virtuellen Raum imaginären Geldes erbracht werden, sondern am Ende jemand dafür bezahlen muss, wird am Fallbeispiel einer spanischen Kassiererin gezeigt, die für ihr Häuschen eine Versicherung gegen variable Zinsen und schwankende Rückzahlungsbeträge abgeschlossen hatte. Doch dieses als Versicherung etikettierte Finanzprodukt war eigentlich eine Wette auf den steigenden Referenzzinssatz Euribor. Wäre der Euribor gestiegen, hätte die Kassiererin die Wette gewonnen und die Bank die Differenz gezahlt. Aber der Euribor ist gefallen und so musste sie die Differenz zahlen. Statt 800 Euro im Monat wollte die Bank 1400 Euro, was die Kassiererin jedoch nicht zahlen konnte. Die Folge: Zwangsversteigerung und Schulden für ein Haus, das ihr nicht mehr gehört.

Barbara Eisenmann und Frieder Butzmann beenden ihr chorisch durchkomponiertes „Schuldenwiderstandoratorium“, das wie schon das „Schnuppertag“-Stück auf einem Feature-Sendeplatz lief, mit Larry Finks Furcht vor einem schwarzen Schwan. Der ehemalige Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb bezeichnet mit diesem Bild ein seltenes, unwahrscheinliches und unvorhersagbares Ereignis. Larry Fink fürchtet sich vor „massiven sozialen Unruhen“, die disruptive Veränderungen bewirken würden. Doch angesichts der bedingungslosen Kapitulation Griechenlands vor einer Macht, die man „die Finanzmärkte“ nennt, ist die Wahrscheinlichkeit P (= Probability), dass ein schwarzer Schwan auf­taucht, nicht größer geworden. Da rettet man sich dann in einen zynischen Witz: „Was ist der Unter­schied zwischen dem Griechenland zur Zeit der Perserkriege und heute? Damals wurden 300 geopfert, um den Rest des Landes zu retten. Heute verhält es sich umgekehrt.“ Und der Chor skandiert dazu abfällig „Pah! Pah! Pah! Pah! Pah! Pah! Pah! Pah!“

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 26/2015

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