Deutscher Hörspielpreis der ARD 2018 – Die Gewinner

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD 2018 geht an „Die Schuhe der Braut“ von Magda Woitzuck. Musik: Peter Kaizar, Regie: Peter Kaizar und Philip Scheiner, Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann, Produktion: Österreichischer Rundfunk (ORF 2017). Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und das Preisträgerstück wird von allen deutschsprachigen Sendern übernommen. Der Preis wurde am 10. November auf den 15. ARD Hörspieltagen im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM)  vergeben.

Die Preisträgerin Madga Woitzuck und der Juryvorsitzende Thomas Böhm.

Die Preisträgerin Madga Woitzuck und der Juryvorsitzende Thomas Böhm.

Die Begründung der Jury

Jurybegründung ARD Hoerspieltage 2018.Ein Stück, das die Hörenden in ein Loch stürzen lässt – in die bodenlose, ekelerregende Grausamkeit des menschenfressenden Menschen. Ein Hörspiel, das uns konfrontiert mit dem plappernden Ich Europas.

Ein Text, der die Schrecken des Realen überformt und durch seinen grotesken Humor Distanz schafft, indem er ein ästhetisches Spannungsverhältnis zu einer oberflächlichen Betroffenheit herstellt.

Das Werk reißt Leerstellen zwischen poetischer Suggestion, Entsetzen und Ergriffenheit auf. In diesen erkennen wir die großen Herausforderungen im Umgang mit Tätern, die sich  unfassbarer Verbrechen an der Menschlichkeit schuldig gemacht haben.

Die subtil gesetzte Langsamkeit der Inszenierung wie auch die klangliche Gestaltung, die zwischen klaustrophobischer Abgeschlossenheit und ironischen Wohlfühlklängen oszilliert, unterstreichen die befremdende Wirkung dieses gleichermaßen alptraumhaften wie faszinierenden Hörspiels.

Ein Stück, das uns nahezu körperlich angreift.

Die Jury: Thomas Böhm (Vorsitz), Bibiana Beglau, Kirsten Fuchs, Ludger Brümmer, Jochen Meißner.

Unter den Top 3 waren außerdem „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche von Christoph Buggert (Musik und Regie: Liquid Penguin Ensemble), eine Produktion von Saarländischem Rundfunk (SR) mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und „Das Bad im Knall“ von Hermann Kretschmar, eine Produktion des Südwestrundfunks (SWR).

Felix Kubin. Bild: NDR.

Felix Kubin. Bild: NDR.

Der Publikumspreis ARD Online Award 2018 ging an Felix Kubins freie Adaption der Erzählung „Die Maschine steht still“ von Edward Morgan Forster vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) vor dem Hörspiel „Bei Trost“ von Naema Gabriel (HR) und „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ von Christoph Buggert (SR/MDR). Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.

 

Der mit 5.000 Euro dotierte Deutsche Kinderhörspielpreis ging an die Autorin Gudrun Hartmann für ihre Hörspielbearbeitung „Eine Hand voller Sterne“ nach dem gleichnamigen Buch von Rafik Schami (Produktion: HR/WDR).

Eine Kinderjury der Klasse 4c der Waldschule Karlsruhe zeichnete das Hörspiel „Ab nach Paris!“ von Bernd Gieseking (Produktion: HR/BR) mit dem Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe aus. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Der mit 1.000 Euro dotierte Preis „ARD PiNball“ für freie Produktionen ging an Nick-Julian Lehmann, Till Großmann und Marie-Charlott Schube für ihr Kurzhörspiel „Nur Berlin ist auch zu viel #3“.

Der mit 3.000 Euro dotierte „Deutsche Hörspielpreis für die beste schauspielerische Leistung“ geht an Schauspieler Aljoscha Stadelmann. Er wird für seine darstellerische Leistung in dem Hörspiel „Alles Rumi“ von Radio Bremen (RB) gewürdigt. Alleinige Jurorin war Schauspielerin und Jurymitglied Bibiana Beglau.

Die Begrüdung der Jury

Eine Abend, zwei Männer im Bett, offensichtlich ein Liebespaar. Eine Nacht, und die Gedanken verdichten sich zu Fragen. Fragen unter anderem über und nach Amerika … Aber auch Fragen über die Zeit … Und die werden immer größer. „Je suis Amerika“- und wohin soll man aus dem Internet auswandern? Damit eröffnet die Figur, die Aljoscha Stadelmann interpretiert, das Gespräch in dem Hörstück ALLES RUMI von Christine Wunnike in der Regie von Ulrich Lampen.

Aljoscha Stadelmann ist dabei die treibende Kraft des Fragenden nach diesem Amerika, nach dieser Zeit, die ihn nicht schlafen lassen, während der andere Mann – gesprochen von Sebastian Blomberg – eigentlich nur müde ist und den Tag beenden will.
Aljoscha Stadelmann beginnt immer wieder ein Gespräch, verirrt sich im Labyrinth der Fragen, die im Kopf seiner Figur zwischen Wachsein und Schlaf auftauchen. So beschäftigt und verführt er seinen Partner und uns Zuhörer zum Mitdenken und assoziieren. Denn er stellt die Fragen und sucht das Gespräch in einer Art, als fiele es ihm eben erst ein. Gleichzeitig erzeugt er etwas Zwischenmenschliches, das mich daran erinnert, wie man vor dem Einschlafen ein Gespräch anfängt. Möglicherweise einfach nur, um Nähe mit Jemandem herzustellen. Aljoscha Stadelmann zieht uns Zuhörer zu sich, in dem er sich dem Charakter in voller und liebevoller Neugierde hingibt. Immer ist er in Erwartung, dass diese Nacht noch etwas anderes als den dunklen, vergessenden Schlaf mit sich bringen könnte. Und mit seinem wunderbaren Humor entsteht eine große Leichtigkeit. Liebevoll, uneitel, frei von Zynismus und schauspielerischer Besserwisserei folgt er seiner Figur, und dadurch folgen wir der Figur auch in ihren Gedankensprüngen und eigenartigsten dadaistischen Momenten. Stadelmann erhebt sich nicht über den Text, und genauso wenig duckt er sich vor ihm weg. Er gibt uns als Zuhörern die Möglichkeit selber nach Antworten zu suchen und uns einem eigenen Gedankenstrudel hinzugeben; er verführt uns als charmante Nervensäge in zum Teil herrlich absurde Zwischenzustände von Kommunikation. Diese Verführung gelingt ihm, weil er den Text nie didaktisch greift oder belehrend wird, sondern ihn in bester Weise naiv und klug durch sich hindurch läßt. Dadurch erleben wir Zuhörer seine Welt und Schlaflosigkeit als einen erfrischend inspirierenden Zustand. Die Fragen der Zeit weben sich in unsere Vorstellung mit der Sanftheit seiner Stimme und seinem Atem. Eine freche Freude des Schauspielers schwingt darüber mit, dass sein Gegenüber ihm zuhören muß – sowohl sein Spielpartner als auch wir Zuhörer. Aljoscha Stadelmann hat die Fähigkeit einen Text soweit an sich heran zu lassen, daß er wie eine Neuerfindung, ein Teil eines realen Menschen klingt, er schafft immer wieder erfrischende Ansätze eines nicht aufhörenden Gespräches. Jedesmal neu gegriffen, als wenn es wieder der Anfang wäre, durch das gesamte Hörstück hinweg, mit derselben Leidenschaft und Neugierde. Doch wahrt er den Abstand zu dem, was er da als Sprecher mit seinem Gesprächspartner treibt. Lieber Aljoscha, Bravo! und Danke, Du hast meiner Schlaflosigkeit mit deiner Kunst einen neuen Sinn gegeben!

 

Update 12.11.18: Magda Woitzuck auf Facebook.

 

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