Deutscher Hörspielpreis der ARD 2015

Gewinnerstück des Deutschen Hörspielpreises der ARD ist „Das Projekt bin Ich“ von Ulrike Müller  (meine Kritik hier) [1]. Der Preis wurde von einer Fachjury (Ursula Krechel, Diemut Roether, Jan Linders, Frank Olbert unter dem Vorsitz von Hermann Beil) am 14. November im Medientheater des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) vergeben. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und mit der Wiederholung des Stückes in den Kulturradios der ARD verbunden.

Die Jury sagt in ihrer Begründung:

Ulrike Müller hat am 14. November 2015 bei den ARD Hörspieltagen in Karlsruhe den Deutschen Hörspielpreis der ARD erhalten.

Ulrike Müller
Bild: SWR/Peter A. Schmidt

„Das Projekt bin Ich!“ ist nicht nur als Hörspielerstling der Autorin und Regisseurin Ulrike Müller überraschend, es überzeugt durch seinen improvisatorischen Ton und mit seiner selbstverständlichen Balance von genauem unaufdringlichem Handwerk und politischer Aktualität. Die Urheber des Hörspiels spielen sich und ihre eigene Lebensgeschichte. Indem sie unspektakulär und unsentimental spielen, erzeugen sie Anteilnahme. Die kollektive Autorenschaft schafft spielend ein authentisches Zusammenspiel und gleichzeitig eine kunstvolle Komposition. Die Lebensgeschichten und Lebensentwürfe der Schauspieler berühren emotional, weil sie nicht als anekdotische Nabelschau daherkommen. Sie gewinnen eine gesellschaftliche Dimension, sie erzählen nüchtern, lakonisch über prekäre Lebenssituationen, denen heute viele Künstler, Kulturschaffende und Selbstständige ausgesetzt sind, deren Arbeit permanente Selbstausbeutung bedeutet. Den Schauspielern Martina Hesse, Franziska Kleinert, Katrin Steinke, Ernestine Tzavaras, Alexander Schröder und der Autorin Ulrike Müller gelingt mit „Das Projekt bin Ich!“, ein Hörspiel, das auch den Titel haben könnte „Das Projekt bist Du!“

 

Ulrike Müller, geboren 1981 in Cottbus, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Nach Engagements am Staatsschaupiel Dresden und am Stadttheater Bielefeld folgte ein Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Seit 2010 inszeniert Ulrike Müller Stücke an verschiedenen Theatern von Berlin bis Dessau. Von der Zeitschrift „Theater heute“ wurde sie 2012 zur besten Nachwuchsregisseurin nominiert. Hier ein Interview mit der Autorin.

Zu den Top 3 der Jury gehörten außerdem „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz und „Orpheus in der Oberwelt – eine Schlepperoper“ von andcompany&Co. Außerdem hat die Jury zwei besondere Erwähnungen ausgesprochen. Hier der Wortlaut:

Bei zwei weiteren Hörspielen möchte die Jury die künstlerische Arbeit besonders hervorheben: Bei „The King is Gone. Des Bayernkönigs Revolutionstage“, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, ist es die kongeniale Musik von Markus Acher und Micha Acher – eine Musik, die dem Hörspiel Kraft und historische Dimension verleiht. Und in Sibylle Bergs Hörspiel „Und jetzt: Die Welt!“, eine Produktion des MDR, ist es die höchst virtuose und ungemein reale Sprechkunst von Marina Frenk, die diesen Monolog zu einem packenden Lebensporträt macht.

 

Andreas Ammer. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Andreas Ammer. Bild: SWR/Peter A. Schmidt.

Der Publikumspreis der Hörspieltage, der ARD Online Award, ging an das Stück „The King is gone – Des Bayernkönigs Revolutionstage“ von Andreas Ammer, Markus und Micha Acher nach einem Text von Josef Benno Sailer. Der Preis wurde in einer Online-Abstimmung ermittelt und ist mit 2.500 Euro dotiert. Insgesamt abgegebene Stimmen: 1512. Der zweite Platz ging an Sibylle Bergs Hörspiel 2. Platz „Und jetzt: die Welt!“ (321 Stimmen), der dritte an die Schlepperoper  „Orpheus in der Oberwelt“ (177 Stimmen) der Theaterperformancegruppe andcompany&Co.

 

NDR-Intendant Lutz Marmor, Autoren: Stella Luncke und Josef Maria Schäfers, die Hauptdarstellerinnen Meta und Olga. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

NDR-Intendant Lutz Marmor, Autoren: Stella Luncke und Josef Maria Schäfers, die Hauptdarstellerinnen Meta und Olga. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Der Preis für unabhängig produzierte Stücke, der ARD PiNball (früher Premiere im Netz), ging an das Kurzhörspiel „Wo sind die bloß“ von Stella Luncke und Josef Maria Schäfers. Der Preis wurde von Vertretern aus den Landesrundfunkanstalten, Deutschlandradio, ORF, SRF, dem ZKM und der HfG vergeben.

Die Begründung der Jury:

Flüchtlingskrise trifft auf Bildungsbürgertum, unbefangener Altruismus auf mögliche Abschiebung, Improvisation auf präzise Konstruktion: Wie in einer Art Reportage verfolgt der Hörer von Stella Luncke und Josef Maria Schäfers Kurzhörspiel „Wo sind die bloß“ kindliche Suchbewegungen zur Flüchtlingsfrage und stößt mit ihnen auf schonungslose Realität.
Schritte auf Kies, Tonnendröhnen, Glasklirren, Flugzeuglärm: „Es ist schon schrottig hier“, konstatiert die 10jährige Meta. Mit ihrer gleichaltrigen Freundin Olga bahnt sie sich den Weg über ein altes Bahnhofsgelände in Berlin Pankow. Vor einigen Tagen haben die beiden hier Flüchtlinge gesehen, die jetzt verschwunden sind. Die Kinder wollen sie finden und ihnen helfen. Denn wenn man den Ort ein bisschen verschönert, könnten die Flüchtlinge hier doch dauerhaft wohnen. Ein Brief an die Bundeskanzlerin soll helfen, diese Idee in die Tat umzusetzen.
Olga und Meta wagen sich auf dem Bahnhof und mit dem Brief in unsichere Gefilde vor. Und bleiben in ihrem Anliegen doch unerschüttert. Ihr emphatischer Pragmatismus ist entwaffnend und steht im Kontrast zum ungeklärten Verschwinden der Flüchtlinge. Der authentische Gestus das Hörspiels, das improvisierte Spiel, die natürlichen Stimmen nehmen den Hörer sofort ein und sind zugleich eingebunden in fein gestaltete akustische Räume und eine genaue Schnittdramaturgie. Bei aller Naivität der Kinder gegenüber einem komplexen Gegenstand gelingt es den Hörspielmachern Luncke und Schäfers durch die Parallelisierung von unbefangenen Integrationsideen und ungeklärter Abwesenheit der Flüchtlinge Spannung und Reibung zu erzeugen.
„Wo sind die bloß“ ist ein konsequent konzipiertes und unterhaltsames, ein politisches und spannendes, ein charmantes und doch brisantes Stück, das ein Schlaglicht wirft auf eine höchst konfliktträchtige aktuelle gesellschaftliche Situation, die der Lösung durch Politik und Gesellschaft noch harrt.

[1] Hier der Einstieg: „Es ist Sommer. Die Theater machen Ferien und die Kulturwellen der ARD werden ab 20.00 Uhr zusammengeschaltet. Zwischen dem 19. Juli und dem 13. September 2014 verzichten die einzelnen Landsrundfunkanstalten auf ihre Programmhoheit, sparen sich ihre abendlichen Hörspieltermine und nennen das ungeniert „Radiofestival“. Nebenbei demonstrieren sie damit, wie wenig Programm man mit den Einnahmen aus den Rundfunkbeiträgen machen kann, ohne dass sich jemand aufregt. Weniger Sendetermine, das heißt weniger Neuproduktionen, weniger Übernahmen und damit auch weniger Wiederholungshonorare. Subventioniert wird das System gesellschaftlich finanzierter Kultur (nicht nur im Radio) vom künstlerischen Personal, das für die Erfüllung des Kulturauftrags sorgt, und zwar durch Gehaltsverzicht, wiederkehrendem Hartz-IV-Bezug und künftige Altersarmut. Wie das im Einzelnen aussieht, erzählen in Ulrike Müllers 55-minütigem, halbdokumentarischem Hörspiel „Das Projekt bin Ich“ vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler …“

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