Den Dschungel inszenieren
Eine Stimme, 15 Mikrofone, sieben Sprechhaltungen. Ulrich Lampen hat den mehrfach preisgekrönten Roman „Die Holländerinnen“ der Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elminger verhörspielt. Trotz handwerklicher Präzision wirkt das Hörspiel seltsam distanziert.
Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
SWR Kultur, So, 25.10.2026, 18.20 bis 20.00 Uhr
Wenn man über Filme spricht, kommen selten die verwendeten Kameras oder Brennweiten zur Sprache. Ebenso selten redet man beim Hörspiel über Mikrofonierung oder Richtcharakteristiken – es sei denn, es geht um Kunstkopfstereophonie, 3D-Audio oder wie hier um die Hörspielfassung des mehrfach ausgezeichneten Romans „Die Holländerinnen“ der Schweizer Autorin Dorothee Elminger.
In einem hörenswerten „Making-of“ von Christian Batzlen für das „lesenswert“-Magazin des Südwestrundfunks (SWR) erzählen Regisseur Ulrich Lampen und Toningenieur Andreas Völzing von den Aufnahmen mit etwa 15 verschiedenen Mikrofonen, die verwendet wurden, um die Stimme einer einzigen Schauspielerin einzufangen, nämlich die von Britta Hammelstein.
Ein Monolog auf sieben Positionen
Der mit gleich drei Literaturpreisen ausgezeichnete Roman (dem Bayerischen, dem Schweizer und dem Deutschen Buchpreis) ist ein weitgehend im Konjunktiv erzählter, 160-seitiger Monolog, den Ulrich Lampen zu einem 75-minütigen Hörspiel verarbeitet hat. Lampen hat die Sprecherhaltungen auf sieben Positionen im Stereopanorama verteilt, von „Zorn“ ganz links über „Analyse“ und „Liebe“ bis zu „Headset“ und „Erzählung“ im Zentrum sowie „Monolog“, „Bericht“ und „Wut“ ganz rechts.
Die Positionen und Sprechhaltungen wechseln oft mitten im Satz, aber man sollte die Emotionen nicht mit schauspielerischen Exaltationen verwechseln, denn Britta Hammelstein agiert eher zurückgenommen. Lediglich der „Zorn“ von ganz links macht sich stimmlich bemerkbar.
Ebenso zurückgenommen sind die akustischen Atmosphären, die die Handlung verorten, vom Flughafen bis zum Dschungel, wo die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, die einen Text über die „Geschichte des Auges“ (Georges Bataille) „an die Wand gefahren“ hat, von einem Theaterregisseur für eine Recherche zu den beiden im Dschungel Panamas verschwundenen Holländerinnen engagiert worden ist.
Die große Wiederholung
„I‘m going to direct the jungle“, sagt allerdings weder der Hörspiel- noch der Theaterregisseur im Stück, sondern jemand, der sich damit auskennt: Werner Herzog – und natürlich muss Klaus Kinski dazwischenplärren. Die „Rekonstruktion der großen Wiederholung“, wie der Theaterregisseur sein Projekt auf den Spuren der zu Tode gekommenen Holländerinnen beschreibt, führt ihn und seine Crew immer tiefer in den Dschungel – eine irre Landschaft, „unfertig und von Gott im Zorn verlassen“, wie es bei Herzog heißt. Und natürlich wird man seinem Ziel nicht näherkommen.
Gefunden wurden die Mobiltelefone der Holländerinnen, mit denen sie vergeblich versuchten, Notrufe abzusetzen, und 91 Fotos vom Nachthimmel gemacht haben, auf denen aber im Wesentlichen nichts (das Nichts?) zu sehen ist. Erzählt wird diese Geschichte, die auf einer realen Begebenheit basiert, von der namenlosen Ich-Erzählerin im Rahmen einer Poetikvorlesung, in die immer wieder Geschichten von Mitgliedern der Theatertruppe geschachtelt werden.
Tragische Seitengeschichten
So wird auch die Geschichte einer Schweizerin erzählt, die eine der Holländerinnen spielen soll. Bei einem Aushilfsjob auf einem Bauernhof kommen die trächtigen Ziegen reihenweise nieder und ihre Neugeborenen sterben gleich wieder – eine dystopische Szenerie, die gleich in einen kulturellen Kontext eingebettet wird: „Übrigens, sagt sie, habe sie im Zusammenhang mit dieser Geschichte selbstverständlich daran denken müssen, dass es die Ziege (tragos) – die männliche Ziege – sei, die der Tragödie ihren Namen gegeben habe. Es sei außerdem im griechischen Mythos oft die Ziege, die bei Mädchenopfern – Mädchentragödien – die junge, noch jungfräuliche Frau vertrete, um an ihrer Stelle getötet und dargebracht zu werden.“
Warum und wofür die Holländerinnen geopfert worden sein könnten, bleibt im Hörspiel unklar, wie überhaupt Ausgangspunkt und Weg der Figuren nachvollziehbar sind, nicht jedoch ihr Ziel oder worauf die Geschichte hinauslaufen soll. Motivisch hat sich Ulrich Lampen in seiner Bearbeitung auf die Tiergeschichten konzentriert. So kommt neben den Ziegen auch der Stierkampf vor – mit den berühmten O-Tönen von Thomas Bernhard, der die Ambivalenzen der hochformalisierten Grausamkeit des Tötens beschreibt.
Ebenso dialektisch kommen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zu Wort. Außerdem wird eine Dokumentation über die „Mustang Makeover Challenge 2011“ zitiert, in der man 100 Tage Zeit hat, einen wilden Mustang zu zähmen, um den Prozess der Zivilisation als Domestizierung zu illustrieren.
„Jeder Tatort, jeder Schauplatz, jeder Gegenstand enthält in sich eine unendliche Zahl potenzieller Geschichten“, wird der Theaterregisseur im Hörspiel zitiert. Doch all die Seitengeschichten und all die nächtlichen Fotos, auf die hier Bezug genommen wird, kreisen um ein leeres Zentrum, von dem behauptet wird, dass es die Angst sei. Als Hörspiel ist das eine hochprofessionell absolvierte Übung, die einen aber letztendlich kalt lässt.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 28.10.2026
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