Hermann Bohlen: Erfolgreicher Jammerlappen

Am 2. Juli 2026 wurde auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig zum elften Mal der Günter-Eich-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig an den Hörspiel-Autor Hermann Bohlen für deren Gesamtwerk verliehen (Video hier). Die Jury bestand aus Thomas Fritz (Ex-MDR), Diemut Roether (epd-medien) und Wolfgang Schiffer (Ex-WDR). Frühere Preisträger waren Andreas Ammer und FM Einheit, Jürgen Becker, Alfred Behrens, Ulrike Haage, das Liquid Penguin Ensemble, Friederike Mayröcker, Eberhard Petschinka, Paul Plamper, Hubert Wiedfeld sowie Ror Wolf.
Wir dokumentieren hier die Jurybegründung und Hermann Bohlens Dankesrede:

Die Begründung der Jury

Hermann Bohlen kam mit der aufblühenden Independent-Szene in den 90er Jahren zum Hörspiel und er ist dem Geist und dem Elan, der Inspiriertheit und dem Freimut jener Hörspielabenteurer treu geblieben, die ihre Stücke selbst schrieben, selbst inszenierten, selbst produzierten und in stundenlanger Millimeterarbeit an ihrem heimischen – neuerdings zu digitaler Audiobearbeitung befähigten – Computern zusammenfrickelten, wie Hermann Bohlen das mit dem für ihn so typischen, verschmitzten Understatement nennt.

Nicht selten waren sie außerdem auch noch die Hauptdarsteller, und doch das hat Hermann Bohlen mitgenommen auf seiner inzwischen an die 30 Stationen, sprich Hörspiele, umfassenden Erkundungs- und Entdeckungsreisen durch das weitläufige Hörspiel und Radiogelände. Neugierig auf dessen sich immer weiter ausdehnende Ränder, aber auch auf das geheime Zentrum, auf die dramaturgisch ausgefuchsten Genres und Unterhaltungsformate, aber auch auf die vom Novitäten-Humor nicht zu verwüsten Klassiker.

Kein Zufall, dass Herman Bohlen es war, der 2007 mit der vierstündigen von allen ARD Sendern ausgestrahlten Sondersendung zum hundertsten Geburtstag von Günter Eich betraut worden ist. Unter den Avantgardisten war er der mit der größten Aufgeweckt, dem feinsten Gespür für die aufregende Vielgestaltigkeit der Tradition. Unter den Hörspielenzyklopädisten war er auf seine schalkhafte Art der verwegenste Um- und Neudenker. Der vergnügte Einfallsreichtum, der formale Wagemut, die Perfektion der technischen Realisierung und der unerschöpfliche äußerst trockene Humor seiner stets hintergründigen und stets augenzwinkernden, unverwechselbaren Hermann-Bohlen-Stücke sind mit vielen Preisen gewürdigt worden. Zuletzt 2025 mit dem „Deutschen Preis für Audio Stories“, der 70 Jahre lang als „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ Literatur- und Mediengeschichte geschrieben hat. Mit Dank an die Hörspielabteilung des Schweizer Radios und Fernsehens, die ihn nominiert hat, wird Hermann Bohlen in einer einmütigen Entscheidung der Jury nun für sein bisheriges Gesamtwerk mit dem Günter-Eich-Preis 2026 geehrt.

Die Preisrede

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jury, liebe Medienstiftung, liebe Familie!

Vor sechs Monaten stand ich unter Hochspannung. Ich saß im Zug nach Köln, war nominiert worden für den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Rechnete mir aber kaum Chancen aus, denn die Verleihung folge der Idee der Nachwuchsförderung hieß es in der Pressemeldung. Ein paar Stunden später fuhr ich mit der Ehrung wieder nach Hause. Nach 6 Monaten Nachwuchsförderung darf ich heute für mein Lebenswerk den Günter-Eich-Preis mit nach Hause nehmen. Flutscht doch! Oder?

Nicht ganz von alleine. Ich habe drei Jahre lang gejammert. Das wird oft übersehen. Über diesen Jammer hab ich Buch geführt. Erste Spalte: Datum des Jammers, zweite: Wem gegenüber habe ich gejammert, dritte Spalte: Was genau habe ich gejammert. Zum Beispiel habe ich der hier anwesenden Ulrike Toma am 20. Februar 2023 um 12:06 Uhr 21 Minuten lang telefonisch was vorgejammert.

Aber der Grund, weshalb ich hier stehe, ist viel simpler: Weil ich mir helfen lasse. Zum Beispiel vom Schweizer Rundfunk: Ich würde hier ganz sicher nicht stehen, wenn nicht mein Dramaturg und Redakteur Mark Ginzler und sein Chef Wolfram Höll (gebürtiger Leipziger) wären und mich der Jury des Günter-Eich-Preises vorgeschlagen hätten. Und überhaupt, lieber Mark und lieber Wolfram, danke ich Euch, dass Ihr mich unverdrossen seit Jahrzehnten fördert und fordert – mit großem Vertrauen in die Hörspiele, die aus mir herauskommen.

Wobei das „Herauskommen“ – es kommt nichts aus mir raus – jedenfalls nicht freiwillig, von alleine, spontan. Ohne Deadline schon gar nicht. Und wenn denn was kommt, dann „skurrile Einfälle“. Von denen ist es noch weit bis zum vollständigen Hörspiel. Und damit kommen wir zur Familie: Ich schreibe und produziere meine Hörspiele nicht alleine. Ich liefere Bruchstücke. Den Rest ergänzt die Familie, das sind: meine Frau Judith Lorentz und unsere Töchter Rubi & Toni Lorentz. Sie füllen nicht nur die Lücken und liefern das fehlende Ende. Sie stehen mir auch als Regisseurinnen und Schauspielerinnen fast 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

Also flutscht es unterm Strich doch gewaltig, werden Sie denken. Ja, mit Auszeichnungen bin ich gut versorgt. Andererseits: Es hat schon seine Gründe, dass ich zwei Monate meines Lebens für den Edeka-Podcast verplempert habe, weil ich dachte: Du musst Dir ein neues Standbein schaffen, Du musst der Familie eine neue Einkommensquelle sichern, Du wirst ab sofort Yummi schreiben, den monatlichen Edeka-Podcast, die Geschichte von Anna und Ben, 600 Öcken pro Folge, 20 Minuten. Gescheitert, mein Skript wurde zurückgewiesen, zu skurril, zu schwierige Wörter, ohne den geforderten authentischen Anna & Ben-Sound.

Okay, das Unken, dass es mit dem Hörspiel zu Ende geht, ist auch nicht zuverlässig. Es begleitet mich seit 1996 als ich mit 9 anderen Autorinnen das Hörspiel-Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin ergattert hatte. Da tauchte als Referent plötzlich Ekkehard Skoruppa auf, der spätere Chef des SWR-Hörspiels. Er warnte uns Hörspiel-Stipendiaten mit eindringlichen Worten:

  • Sie müssen wissen: Das Hörspiel ist eine tote Gattung.
  • Sie wissen ja sicher, dass das Hörspiel ein absolutes Nischendasein führt.
  • Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass heute kaum mehr jemand Hörspiel hört.
  • Bedenken Sie, dass in den Rundfunkanstalten das Hörspiel kaum noch eine Rolle spielt.

Bevor das Unken eines nahenden Endes des Hörspiels verstummt (und wir richtig alarmiert sein sollten), möchte ich wenigstens einem Bruchteil derjenigen namentlich danken, von denen mir Hilfe zuteil wurde:
Danke Stefanie Hoster, Barbara Gerland, Katrin Zipse, Burkhard Schlichting, Bettina Kurth, Juliane Schmidt, Thomas Fritz, Stefan Ripplinger, Lutz Glandien, Ulrike Brinkmann, Manfred Mixner, Christina Hänsel, Isabell Platthaus, Martin Zeyn, Christiane Altenburg, Johannes Groschupf, Robert Schalinski, Sibylle Bettray, Kirsten Böttcher, Jean Szymczak, Andreas Stoffels, Jens Sparschuh, Christine Grimm, Ulrike Toma und Hermann Naber.

Herzlichen Dank liebe Jury des Günter-Eich-Preises und der Medienstiftung der Stadt- und Kreissparkasse Leipzig! Respekt, dass Sie in diesen Zeiten unverdrossen diese Preise für Feature und Hörspiel verleihen.

Hermann Bohlen, Leipzig, 2. Juli 2026.


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