Halbfertigprodukt aus der Kulturindustrie

Oliver Augst / John Birke: Stadt der 1000 Feuer.

Mit Sprechchortexten aus „Der gespaltene Mensch“ von Bruno Schönlank

HR 2 Kultur Mi 23.01.2013 21.30 bis 22.25 Uhr / SWR 2 Do 24.01.2013 22.05 bis 23.00 Uhr

Die sprichwörtliche „Stadt der 1000 Feuer“ ist Gelsenkirchen schon lange nicht mehr. Keine Kokerei fackelt dort ihr Koksofengas noch ab. 1927, als der vergessene Arbeiterdichter Bruno Schönlank (1891 bis 1965) seine Sprechchortexte in dem knapp 50-seitigen Büchlein „Der gespaltene Mensch. Ein Spiel für bewegten Sprechchor“ veröffentlichte, sah das noch anders aus. Schon in „Long live the people of the revolution“ (HR 2004), einem „Hörstück in 15 Songs und 6 Sprechchorkantaten“, haben Oliver Augst und Christoph Korn Texte von Bruno Schönlank verwendet, um einen wehmütigen Abschied vom revolutionären Pathos der frühen Jahre zu feiern.

Der Titel des aktuellen 55-minüigen Hörspiels von Oliver Augst (Komposition/Regie) und John Birke (Text) – „Stadt der 1000 Feuer“ – ist denn auch nur als vergilbte Banderole über einer „akustischen Studie zum Thema Arbeit im Wandel“ zu verstehen. Eine Bedeutung wächst ihm im Stück nicht zu. Es geht vielmehr darum, wie es im Hörspiel weiter heißt, den Agitprop-Texten Schönlanks „den Pfropfen Kunst aufzupfropfen, dessen heutige Ausschüttung/Veräußerung in unserem Hier als Musik begriffen wird“. So sind es denn auch allesamt Musiker (oder Hörspielmacher mit Musikhintergrund), die die manchmal etwas schwurbeligen Texte John Birkes vortragen, nämlich Françoise Cactus, Bernadette La Hengst, Frieder Butzmann und Sven-Åke Johansson. Da ist es auch kein Wunder, dass der Schweiß der harten Arbeit des Malochers von früher heute ein Qualitätsmerkmal des (Pop-) Musikers ist, der – nine to five – in den Bergwerken der Kulturindustrie schuftet. „Schweiß der Nacht, wir trinken dich gierig“ – so wird das im Hörspiel in einer ein wenig geschmacklosen Allusion an Celans „Todesfuge“ kommentiert.

Als wäre das nicht schon schräg genug, wird noch Verschiedenes „exempelhaft verbeispielt“ oder „sich die Ehre gegeben, diverse Beispielkonstellationen zur werten Erkenntnis anheimzustellen“. Solche und ähnliche altertümelnde und grammatisch nicht immer ganz unfallfreie Konstruktionen werden noch von Pseudo-Soziologensprech überboten, zum Beispiel, wenn es heißt: „Die Industriebrache schreibt den Arbeitsbegriff in seiner Obsoleszenz in Denk- und Wirkprozessen sogenannter ‘New Work’ in der Kultur fort“, und zwar innerhalb einer „Topografie der Kultur gemäß dem in dubio pro labore des politisch-philosophisch pan-performativen Work-Normativs des Work-Diskurses“. Das sind dann doch etwas zu gewollt komische Halbfertigprodukte aus dem Diskursbaukasten. Gut, dass zwischendurch der Frankfurter Jazzchor O Töne die einfachen, kraftvollen und rhythmisch-rollenden Sprechchöre von Bruno Schönlank intoniert.

Fünf „Tonklangbeispiele“ gliedern das Stück. Begonnen wird mit dem Theoretiker der Arbeit, dem furunkelgeplagten Karl Marx, der „an Marx und gegen Marx“ anarbeitet. Weiter geht es in Tonklangbeispiel 2 mit der Erzählung von einer großvolumigen Werkmaschine, die in ihren Hochzeiten („rattata schnatter“) 180 000 Einheiten von was auch immer produziert hat. Heute kommt die Maschine als verkleinertes Modell aus einem 3D-Drucker und produziert gar nichts mehr. Tonklangbeispiel 3 handelt von dem 1 000 001. Gastarbeiter in Deutschland, der als Ersatzmann für den millionsten Gastarbeiter Armando Rodrigues de Sá fungierte, aber anders als dieser eben kein Moped vom Arbeitgeberverband geschenkt bekam.

Bei Tonklangbeispiel 4 geht es um eine unbezahlte Praktikantin, die ihre Eltern als Sponsoren (neben der Sparkasse und der Kulturstiftung) auf einen Flyer ihres Arbeitgebers setzt. Denn ohne deren großzügige Spende in Form ihres Lebensunterhalts hätten weder sie noch die praktikumsgebende Stelle sich die Arbeit leisten können: „Die Arbeit ist bezahlt, nur nicht vom Arbeitgeber, sondern vom Arbeitnehmergeber.“

Tonklangbeispiel 5 schließlich handelt von einer Agentur, die Opfer vermittelt, damit Gewalttätigkeit in konsensualem Rahmen ausgelebt werden kann. Opferarbeit schafft Arbeitsplätze. „Oh endless is his misery“, ein Song für drei Stimmen in Terzen und Cantus firmus von Hanns Eisler, ist denn auch ein wiederkehrendes Motiv in dem von HR und SWR koproduzierten Hörspiel von Augst und Birke. In einem Interview, das auf der Website des Hessischen Rundfunks nachzuhören ist, zitiert Oliver Augst Antonin Artaud, dass „alles haargenau in eine tosende Ordnung gebracht werden muss“. Das funktioniert hier nur sehr bedingt. Stattdessen könnte man eine Zeile aus einem Sprechchor Schönlanks über das Hörspiel setzen: „Ihr tanzt und lahmt mit jedem Schritt.“

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 04/2013

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