2. dokKa-Festival 2015 – Die Gewinner

Vom 2. bis 7. Juni fand in Karlsruhe zum zweiten Mal das dokKa-Festival für Dokumentarfilme, Hördokumentationen und dokumentarische Installationen statt. Aus zehn Filmen, sechs Radiofeatures und zwei Installationen ermittelte eine dreiköpfige Jury (Jessica Manstetten, Hannah Pilarczyk und Jochen Meißner) vier Preisträger und eine lobende Erwähnung.

Der dokKa-Preis für die beste dokumentarische Arbeit

ist mit EUR 1000,- dotiert und ging an den 74-minütigen Dokumentarfilm „Hier sprach der Preis“ von Sabrina Jäger und Stephan Weiner.

"Hier sprach der Preis" von Sabrina Jäger, Deutschland, 2014, 74 Min.

„Hier sprach der Preis“ von Sabrina Jäger

Gier. Geiz. Rücksichtslosigkeit. Aber auch: Freundschaft, Loyalität, Verantwortungsgefühl. Wenn sich die Regale leeren und die Waren verschwinden, bleibt das Menschliche übrig. Der Film, den wir mit dem DokKa-Preis auszeichnen wollen, lässt uns beobachten, wie sich ein Baumarkt in sein genaues Gegenteil verwandelt, nämlich in Schutt. Das könnte ein memento mori eines kapitalistischen Zersetzungsprozesses sein; in den Händen der Autorin – und dank ihrer großartigen Protagonistinnen – wird es zu einer Erzählung voller Leben und Humor. In der sorgfältige Kadrierung der Bilder und der raffinierten Gestaltung der Tonspur arbeitet die Autorin das Komische im Verfall heraus. Am Schluss macht nicht der Letzte das Licht aus, sondern es bleibt eine hell erleuchtete Leere.

 

Der dokKa-Preis der Globale

wurde vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) gestiftet und ist mit  EUR 1000,- dotiert. Er ging an den 85-minütigen Dokumentarfilm „Souvenir“ von André Siegers.

„Souvenir“ von André Siegers. Dokumentarfilm, Deutschland 2014, 85 Min.

„Souvenir“ von André Siegers

Ein Mann filmt sich selbst. Über Jahre hinweg, stundenlang. Aus über 400 Stunden Videomaterial hat ein Filmemacher eine 85-minütige Studie über den dokumentarischen Blick gemacht und ihn fiktional gerahmt. Aus Urlaubsbildern und Lehrfilmen entsteht das Porträt des NGO-Mitarbeiters und Demokratie-Exporteurs Alfred Diebold, das auf sein Verschwinden aus dem Bild hinausläuft. Alfred Diebold, ein Vertreter der Prä-Selfie-Ära, starrt ohne Hoffnung auf Resonanz in den adressenlosen Raum hinter der Linse. Doch er versucht sich auch dem liebenden Blick durch das Objektiv. Klug ausbalanciert bietet der Film ein spannungsreiches Panorama zwischen Komik und Tragik, Selbstinszenierung und Selbstironie und bringt den Zuschauer in eine Position, in der er auch seinen eigenen Blick auf die Person, den Film und die Welt reflektieren muss.

 

Der dokKa-Preis für die ausgezeichnete Hördokumentation

ist mit einer honorierten Ausstrahlung des Preisträgerstückes auf SWR 2 verbunden. Am Mittwoch, den 8. Juli wird um 22.03 Uhr das Stück „Oury Jalloh – Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalles von Margot Overath wiederholt.

„Oury Jalloh – Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalles“ von Margot Overath. MDR, NDR, WDR 2014.

„Oury Jalloh – Die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalles“ von Margot Overath.

Aufklärung ist eine der vornehmsten Aufgaben der dokumentarischen Form. Dazu braucht es oft jemanden, der unbeirrbar und ausdauernd seinem Thema nachrecherchiert. Eine Autorin ist dem Todesfall Oury Jalloh nachgegangen, der 2005 an Händen und Füßen gefesselt in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte. In diesem Feature hören wir, wie nach unschlüssigen Indizienketten, verschwunden Beweismittel und  kaltschnäuzigen Vertuschungsversuchen der Fall aufgrund der Erkenntnisse dieses Stückes, neu aufgerollt wird. Aus der Verbindung der minimalistischen Form, der genauen Sprecherführung und des sorgfältig geordneten Materials werden wir Zeuge, wie der Rechtsstaat seine eigenen Grundlagen unterminiert.

 

Lobende Erwähnung Hördokumentation

Die Arbeit am und mit dem O-Ton erfordert ein besonderes Gespür für die erzählerischen Dimensionen von Sprache, Stimme, Musik und Geräusch. Michael Lissek inszeniert lustvoll die radiophone Elementen und setzt jedes einzelne in sein Recht. Deswegen geht eine lobende Erwähnung an seine elegante  Dekontextualisierung und Rekontextualisierung von Ritualen in dem Feature „Zwei Seiten Leben. Drei Trauerredner. Ein Totentheater“.

 

Der dokKa-Förderpreis Dokumentarfilm

ist mit der Herstellung einer digitalen Kinokopie (Digital Cinema Package, DCP) dotiert und geht an „Portrait of a lone Farmer“ von Jide Tom Akinleminu.

„Portrait of a lone farmer“ von Jide Tom Akinleminu, Dokumentarfilm, Deutschland, 2014, 76 Min

„Portrait of a lone Farmer“ von Jide Tom Akinleminu.

„Eindeutig der Vater, aber auch jemand ganz eigenes.“ Als der Autor des Filmes, den wir mit dem Förderpreis auszeichnen wollen, vor die nigerianischen Chieftains tritt, erkennen die seine Zerrissenheit sofort. Die Mutter in Dänemark, der Vater in Nigeria und die Heimat? Immer dort wo er gerade nicht ist. Die Annäherung an den fremd  gewordenen Vater, die gleichzeitig die Selbstbefragung des hadernden Sohnes ist, vollzieht sich nicht über das Gespräch, sondern über Filmbilder. Bilder, die – mal roh und grobkörnig, mal exakt und komponiert – Impressionen einer unklaren Beziehung zeigen.

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