17. Berliner Hörspielfestival ÜBERSTEUERT – Tag 1

17. Berliner Hörspielfestival der freien Szene

11:00 CLUBRAUM

Workshop-Präsentation Kling-Klong

14:00 CLUBRAUM
Workshop-Präsentation Hörspiel, einfach – einfach Hörspiel!

15:30 CLUBRAUM
Preisverleihung Der Audiowalk-Award

17:30 CLUBRAUM
Das glühende Knopfmikro 1
Wettbewerb für Hörstücke von 1 bis 5 Minuten

19:00 SAAL

Festival-Eröffnung mit Andreas Ammer, Rainer Suckow und Verterter:innen des BHF

Die ungehaltene Eröffnungsrede:

Nach der Übersteuerung kommt die Überforderung: „Feedback ist ein Mechanismus in signalverstärkenden oder informationsverarbeitenden Systemen, bei dem ein Teil der Ausgangsgröße direkt oder in modifizierter Form auf den Eingang des Systems zurückgeführt wird.“ Woher ich das weiß? Aus einem Hörspiel natürlich. Aus einem Hörspiel über das Radio und den Kolonialismus von Edgar Lipki, dem fast auf den Tag genau vor sieben Jahren viel zu früh verstorbenen Hörspielmacher. Und woher wusste Lipki das? Aus der Wikipedia, denn daher hat er den Satz geklaut. Der Titel des Hörspiels war übrigens „Feedback Nigger Radio Reservation“. Ein Stück, in dem Astrid Meyerfeldt eine Redakteurin für „Gedenken ohne Schmerzen“ spielte, während das „fugitive sounds:Kollektiv“ für die Rückkopplungen sorgte. Bernhard Schütz, Kathrin Angerer und Fabian Hinrichs speisten Gedanken und Diskurse in die Ausgangsbedingungen des Hörspiels ein und synthetisierten dabei etwas, das man nicht erwartet hatte: Humor und Komik. Ein freies Hörspiel, wie es so 2013 im Westdeutschen Rundfunk möglich war.

Natürlich sind Feedbacks, also Rückkopplungen, und Übersteuerungen nicht dasselbe und noch nicht einmal das Gleiche, sondern etwas völlig anderes. Aber für das menschliche Ohr können sie ähnlich klingen. Führen wir also die Ausgangsgröße des freien Hörspiels wieder auf den Eingang dieses Systems zurück.

Vor zwei Jahren, anlässlich des 100. Geburtstags des Hörspiels, erklärte Andreas Ammer an dieser Stelle das Hörspiel für beendet. Einhundert Jahre nach dem ersten deutschen Hörspiel des ehemaligen Arztes und späteren Rundfunkintendanten Hans Flesch, „Zauberei auf dem Sender“, machte Andreas Ammer zusammen mit Driftmachine und Rumpeln sich unter dem Titel „Radiologie“ an eine lautstarke „Entzauberung auf dem Sender“. Gegenwärtig produziert Ammer ein neues Hörspiel – im Studio für Elektroakustische Musik hier im Haus. Jedem Ende wohnt ein Zauber inne.

Führen wir einen weiteren Teil der Ausgangsgröße auf den Eingang des informations- und signalverarbeitenden Systems Hörspiel zurück. In der systemtheoretischen Philosophie kommen Rückkopplungen als „Re-Entry“ vor – die Wiedereinführung des Unterschiedenen in die Unterscheidung. Im letzten Jahr zelebrierte Eran Schaerf so ein Re-Entry in seinem hier live uraufgeführten Hörspiel. „Allmählich beginnt das Programm damit, diese Strukturdifferenz in sich einzuspeisen und Direktiven zu generieren, wie es [das Programm] gegen sich selbst angewendet werden kann“, heißt es dort. Und warum tut es das: „um mit einer Liebe rechnen zu können, die nicht identifizieren muss, was sie liebt.“ Ähnlich wie bei Edgar Lipki entstand hier aus einem informationstheoretischen Kontext wieder etwas völlig Unerwartetes: „Irrtümliche Liebe“ – so der Titel des Stücks.
Gleich führt Ute Wassermann ihre Stimme nicht nur in das elektronische signalverarbeitende System von Joke Lanz an den Turntables ein, sondern auch in Objekte. Also erwarten wir auch hier das Unerwartete.

Morgen wird Marc Matter semantische Kollisionen provozieren – will heißen mit vorgefundenem Material in sein informationsverarbeitendes System einführen – was zu Sprachüberraschungen führen kann, soll und wird.

Am Sonntag schließlich treffen Schorsch Kamerun und Masha Qrella in einem weitgehend ungeprobten Happening auf Sound-Installationen, die in ihrer Statik das System zeitbasiertes Live-Hörspiel irritieren. Feedbacks und Übersteuerungen sind auch da nicht ausgeschlossen.

Möglich gemacht wird das ganze Berliner Hörspielfestival durch die vierjährige spartenoffene Förderung für Festivals und Reihen der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, durch die Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste, die Berlin Art Week, die Medien- und Werbepartner, die Preistifter, unsere Kooperationspartner vom Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verband, die freien Radios und natürlich die Hörspielmacherinnen und -Macher. Vielen Dank. Deshalb möchte ich – bevor es gleich mit dem „Half dead – half alive“ von Ute Wassermann und Joke Lanz weitergeht – das Team der Berliner Hörspielfestivals auf die Bühne bitten.

Und denken Sie dran, wenn Sie beim Hörspielhören dieses Kratzen und Schaben in den Gehörgängen spüren. Nicht unwahrscheinlich, dass ein Teil der signalverstärkenden oder informationsverarbeitenden Ausgangsgröße direkt oder in modifizierter Form Eingang in Ihr System gefunden hat.

19:30 SAAL
Half dead – Half alive
Live-Act von Ute Wassermann (Stimme und Objekte) und Joke Lanz (Turntables)

Jochen Meißner

21:00 CLUBRAUM
Das glühende Knopfmikro 2
Wettbewerb für Hörstücke von 1 bis 5 Minuten
anschließend: Publikumsvoting und Preisverleihung


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