Viel Pedal und wenig Licht

Eine gefühlsbetonte Betrachtung des 20. Hörspielforums NRW

20. Hörspielforum NRW GefühlsechtDie Idee habe man schon seit Jahren diskutiert, jetzt endlich sei die Zeit gekommen, verriet Anke Morawe, bei der Film- und Medienstiftung NRW für das Hörspiel zuständig, über das Thema des Hörspielforums NRW, das vom 26. bis 28. September beim WDR in Köln stattfand und dabei sein 20-jährigen Bestehen feierte. Als Titelmotto hatte man sich das Adjektiv „Gefühlsecht“ aus der Kondomwerbung geliehen, das ein Spannungsverhältnis in einen Begriff fasst. Es sollte also um echte Gefühle und ihre mediale Verhüllung gehen. In der Tat schwappt gerade eine Welle des Irrationalismus über Deutschland. Die Verletzung „religiöser Gefühle“ wird als Legitimationsgrundlage für abscheuliche Grausamkeiten zwar nicht gleich gebilligt, aber immerhin „verstanden“ und/oder „respektiert“. Verstehen statt erklären, scheint das Motto einer Kultur zu sein, die scharfes und unterscheidungsfähiges Denken scheut und lieber in den Schablonen „gefühlten Wissens“ verharrt. Da ist es nur konsequent, dass auf die Überbringer der schlechten Nachrichten aus der Ukraine oder dem Nahen Osten eingeschlagen wird, auf die Medien.

Kurz, die Gefühle um die sich die Welt gerade dreht, wären der Stoff für eine hochpolitische Tagung gewesen, die so leider nicht stattfand, sondern eher eine individualistisch geprägte Gefühlsverfassung widerspiegelte. Schon der gespannt erwartete Eröffnungsvortrag über „The (e)motive notion of Freakiness“ von Vaginal Davis war trotz aller zur Schau gestellten Affektiertheit eine überraschend langweilige Historie gegenkultureller Entwicklungen im Amerika seit den frühen 1980er Jahren. Diese „performative artist lecture“ war eine eher schwache Vorstellung der „intersexuellen Doyenne intermedialer Künste und Wissenschaften“, wie sich Vaginal Davis auf ihrer Website nennt.

Filmregisseur Oskar Roehler („Der alte Affe Angst“, „Agnes und seine Brüder“) enthüllte im Gespräch mit WDR-Hörspielchefin Martina Müller-Wallraf, dass er weniger analytisch, sondern mehr aus dem Bauch heraus arbeite – was nicht unbedingt überraschte und nichts über die Qualität seiner Filme aussagt. Doch wenn man aus rein dramaturgischen Gründen einem Nazi eine Halbjüdin als Frau andichtet, wie in seinem Projekt „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010), dann wird einem das von der Kritik auch zu Recht um die Ohren gehauen. Ohne eine diskursive Basis wabern die Gefühle nämlich unverstanden durch Kopf und Kunstprodukt. Und naiv darf man im Themenbereich Nazi-Deutschland nicht sein, war die Lektion, die Roehler aus seiner Pleite gelernt hatte.

Aucht tote Lachse haben Gefühle

„Echt“ oder „authentisch“ ist an Gefühlen zunächst einmal gar nichts – falls man nicht auf das evolutionsbiologische Reiz-Reaktionsschema im Stammhirn zurückgreifen will. Der Historiker Jan Plamper, der sich mit der Erforschung von Ängsten beschäftigt hat, räumte denn auch in seinem Überblick über wissenschaftliche Emotionstheorien mit dem blinden Empirismus der Neurowissenschaften auf. Bestimmte Basisemotionen, wie sie amerikanische Behavioristen identifiziert zu haben glauben, meint die Hirnforschung mittels der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT) in bestimmten Hirnarealen verorten zu können. Als ein schönes Gegenbeispiel zeigte Jan Plamper (Bruder des Hörspielmachers Paul Plamper) das fMRT-Bild eines Fischkopfes, in dem angeblich das Furchtzentrum rot aufleuchtete, nachdem man dem Fisch das Foto eines wutverzerrten Gesichts gezeigt habe. Der Daten erhebende Wissenschaftler versicherte, dass der Lachs 18 Kilo schwer und seit 14 Tagen tot gewesen sei, die Ergebnisse des fMRT also nichts weiter als algorithmisches und statistisches Rauschen gewesen seien – und die Methode damit unbrauchbar.

Mehr Widerspruch erntete Plamper in seinem Referat über die Emotionstheorie der englischen Ethnologin Michelle Rosaldo, die Anfang der 1970er Jahre Kopfjäger des Stammes der Ilongot auf den Philippinen beobachtete und deren Tötungshandlungen auf ein komplett anderes Emotionskonzept als das westliche zurückführte. Was wären die Konsequenzen, wenn man so einer extrem kulturrelativistischen Interpretation zustimmen würde, die Tötungen aufgrund der kulturell-emotionalen Verfasstheit der Täter rechtfertigt – in einer Zeit, in der das Köpfeabschneiden einer Mörderbande, die sich Islamischer Staat (IS) nennt, medial höchst effektiv verbreitet wird?

Akustische Kontexte

Emotionen sind nie kontextlos, sondern immer auch Rezeptionsphänomene. Das Lied „Stille Nacht“ anlässlich der Weihnachtsringsendung 1942 im Großdeutschen Rundfunk gesendet, lässt einem heute noch kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen, weil man weiß, dass man einem Chor noch lebender Toter lauscht. Im Jubel der DDR-Flüchtlinge, mit dem am 30. September 1989 der Satz von Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag unterging – „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ – teilt sich noch heute die Freude der Beteiligten mit. Dieses Phänomen hat der Hörspielmacher und Musiker Albrecht Kunze in einem seiner Stücke beschrieben. Die dort beschriebenen euphorischen Schreie der Club-Gänger seien „Frequenzen, die die Musik noch benötigte“ und die damit zum integralen Bestandteil der Musik werden, wenn Rezeption und Produktion sich rückkoppeln.

Soapandskin klein

Soap@Skin. Foto © Heike Herbertz

Emotionen, auch das konnte man beim 20. Hörspielforum lernen, erfreuen sich im deutschen Kulturbetrieb besonderer Wertschätzung, wenn man dorthin geht, wo es weh tut. Echt sind Gefühle, so lernen wir nicht nur von Oskar Roehler, wenn man die Schmerzgrenze überschreitet und keine Angst vor Pathos oder Peinlichkeiten hat. Düstere Emotionen, so eine weitere Lektion, kann man mit viel Pedal und wenig Licht erzeugen – und mit einer Stimme, in der die Emotionen sich realisieren, wie man an dem eindrucksvollen Konzert der österreichischen Pianistin und Sängerin Anja Franziska Plaschg alias Soap & Skin hören konnte, das im Rahmen des Hörspielforums stattfand.

Wie man technisch und ästhetisch mit Emotionen umgeht, sollte in den Arbeitsgruppen ausprobiert werden, die traditionell den Schwerpunkt des Hörspielforums NRW bilden. Es ging um die Arbeit am Text (Leiter der Arbeitsgruppe: Tim Staffel), an der Inszenierung und Postproduktion (Paul Plamper), am Sound (Georg Zeitblom), an der Stimme (Michael Lentz) und um hörkritische Selbstversuche (Gaby Hartel).

Hoerspielforum2014_Mueller

Volker Müller

Absolute Glücksmomente bescherte dabei ein Seminarleiter, der gar nicht im Programm vorgesehen war und in dessen Genuss auch nur die Teilnehmer der Workshops „Sound“ kamen. Der 72-jährige Volker Müller, Toningenieur im Elektronischen Studio des WDR, führte durch sein Reich, in dem Ikonen der Neuen Musik wie Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel gearbeitet haben. Das Studio wurde 2001 außer Dienst gestellt und ist in einem Keller in Köln-Ossendorf aufgebaut. Kreisförmig hängen dort zwölf voluminöse Lautsprecher von der Decke von denen man mehrkanalige Kompositionen hören kann wie sonst nirgendwo. Die ganze analoge (Mess-)Technik, die zur Komposition Elektronischer Musik (mit großem E) zweckentfremdet wurde, ist dort einsatzbereit.

Wie ein Kind im Süßwarenladen

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Karlheinz Stockhausen

Mit ein paar handgeklebten Tonbandloops und einem Aufnahme-/Wiedergabeband, das über zwei Tonbandmaschinen lief, durften die Teilnehmer komplexe Klangereignisse konstruieren. So unmittelbar und einfach kann analoge Technik sein. Ein Kind im Süßwarenladen hätte sich kaum glücklicher fühlen können. Nebenbei gab Volker Müller noch eine Einführung in Stockhausens Komposition „Kontakte“, die in zweieinhalbjähriger Arbeit buchstäblich aus dem Nichts entstand. Ohne ein einziges Musikinstrument und ohne Mikrofone – bis auf jene vier, die um einen Rotationstisch mit einer Schallquelle aufgebaut waren, was einen vierfachen Dopplereffekt erzeugte.

 

Hoerspielforum2014_Schema

Schema akustischer Vorgänge

Mit von umfangreichem Wissen und langjähriger Erfahrung befeuerter Leidenschaft kommentierte Müller die Aufbruchstimmung in der Musik Ende der 1950er Jahre mit dem emphatischen Satz: „Es gab keine Effektgeräte, aber es gab einen Willen!“ Und dass es eben auf diesen Willen zur Form ankommt, ist eine weitere Lektion, die man von diesen Hörspielforum mitnehmen konnte und die man auch künftigen Teilnehmern des Hörspielforums NRW gönnen sollte.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 42/2014

 

Hier ein weiterer Eindruck vom Hörspielforum von Christina Löw auf Woerterrausch.de

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