Verwandlungen
Wenn der Vater beim Betrachten einer Zeichnung seiner Tochter nur Bahnhof versteht, treffen in Bettie I. Alfreds Hörspiel „Die Riesenschnake oder: Ein Missverständnis“ zwei Wirklichkeiten aufeinander.
Bettie I. Alfred: Die Riesenschnake oder: Ein Missverständnis
RBB Radio3, So, 07.06.2026 16.00 Uhr, Mo, 08.06.2026, 19.00 Uhr
Als sich in Franz Kafkas Erzählung Gregor Samsa eines Morgens zu einem „ungeheuren Ungeziefer“ verwandelt fand, änderte das sein Verhältnis zur Welt. Als sich in Eugene Ionescos Drama die Figuren in Nashörner verwandelten, änderte sich die Welt im Verhältnis zum Protagonisten. In Bettie I. Alfreds 53-minütigem Hörspiel „Die Riesenschnake oder: Das Missverständnis“ ändert sich die Weltwahrnehmung durch den Blick auf ein Kunstwerk.
Wie oft in Alfreds Stücken ist die Konstellation eine Vater-Tochter-Geschichte. Malika, auch mal Malicek genannt, ein sehr junges, doch im Kopf bereits längst alt gewordenes Kind, malt das Bild einer roten Riesenschnake: „Ein monströses Gebilde mit elendig langen Beinen, das, wäre es nicht lediglich eine Zeichnung gewesen, es, das Kind, selbst in Angst und Schrecken versetzt hätte. Doch so, als ein Im-Papier-gefangenes-Gebilde, war es dann zwar irritierend, doch harmlos, eben bloß eine Zeichnung, und das Problem dann ein ganz anderes gewesen.“
Doch nicht diese nicht gerade radiophonen Bandwurmsätze sind das Problem – im Gegenteil. Gerade sie machen den Reiz des Hörspiels aus, wenn man einen Sprecher wie Jens Harzer hat, der schon oft in Bettie I. Alfreds Hörspielen den namenlosen Vater gespielt hat und der solche Nebensatzkonstruktionen meisterhaft aufzulösen weiß. Auch die Schauspielerin Marina Galic sowie die Autorin und Regisseurin selbst, die ihre Sätze wohl am besten kennt, sind nicht das Problem. Auch nicht die Rollen: der Vater, das Kind, sowie Mensch 1 bis 3, die als „neutrale Erzählstimme“ und „mahnende Stimme aus dem Off“ oder als „das Kind – erwachsen“ ihre Rollenbezeichnungen und die Regieanweisungen mitsprechen.
Die im Hörspiel verwendeten Mikrotonalkompositionen von Alois Hába (1893-1973) klingen dabei ein wenig nach Charles Ives und erinnern an eine Gruselgeschichte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Längere Musikpassagen bedrohlicher Streicher und insektoide Geräusche unterstützen diesen Eindruck, bevor am Schluss die Charango des argentinischen Folkmusikers Jaime Torres den Emanzipationsprozess der Tochter abschließt.
Er versteht nur Bahnhof
Das Problem aber ist ein rezeptives. Denn als das Kind dem Vater stolz seine Zeichnung präsentiert, nimmt der die Riesenschnake als etwas völlig anderes wahr: „Er, dieser Vater, hatte nicht eine Sekunde an seiner Wahrnehmung gezweifelt und es für selbstverständlich gehalten, dass er ganz und gar recht mit seiner Annahme hat, als er das Werk des Kindes, das ein Insekt, genauer gesagt eine Riesenschnake, darstellte, zu etwas vollkommen Anderem gemacht hatte, nämlich zu einem Bahnhof!“
Doch statt die Fehlannahme oder das Missverständnis einzugestehen, beginnt der stoische Vater mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, die eigentliche Wahrheit „wegzureden, wegzupredigen, wegzuschnäbeln“. Das Kind, sein Kind, nimmt er dabei nicht mehr wahr, sondern negiert es geradezu: „als sei es überhaupt kein Kind, nicht einmal ein Mensch, sondern ein Nichts.“
Auf politischer Ebene, und Ionesco ist hier Bettie I. Alfreds Kronzeuge, ist eine derartige Realitätsleugnung verheerend. Denn es gibt Momente, in denen das Kind selbst meint, in der Struktur ihres Bildes einen Bahnhof zu erkennen. „Dieser Bahnhof – er erinnert ein wenig an ein riesenhaftes Insekt. Was für ein Bauwerk!“, treibt es der Vater schließlich auf die Spitze, bevor das erwachsene Kind die väterliche Halluzination beiseite schüttelt und sich seinem Machtanspruch entzieht.
Man kann das Stück aber nicht nur als Gaslighting-Geschichte hören, sondern auch als Geschichte einer psychischen Dissoziation, die die Beziehung zwischen Tochter und Vater zerstört.
Wenn aus einer Riesenschnake ein Bahnhof wird, also aus einem absurden Missverständnis eine ganze Maschinerie, die nicht nur ein Werk, sondern eine ganze Wirklichkeit auffrisst, dann entfaltet Bettie I. Alfreds beunruhigende Parabel eine eigentümliche Wucht über politische Psychologie, die in ihrer verschlungenen Sprache zugleich überwunden wird.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst,
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