Ausbruch aus dem Fatalismus
In Beatrix Ackers‘ Hörspieladaption von Dincer Gücyeters autofiktionalem Roman „Unser Deutschlandmärchen“ verdichtet sich eine Familiengeschichte zur Erzählung über Fatalismus – und wie man ihm entkommt.
Dinçer Güçyeter: Unser Deutschlandmärchen
DLF, Sa, 13.06.2026, 20.05-21.35 Uhr
DLF Kultur, So, 14.06.2026. 18.30-20.00 Uhr
„Ich bin Fatma, die Gastarbeiterin, die Akkordbrecherin, die Reiseführerin von ‚Güçyeter Tourismus‘, die Helferin für Geflüchtete. Die Bürgin. Die Familienunternehmerin – ohne Geld und Besitz.“ Zunächst scheint es eindeutig, wer im 90-minütigen Hörspiel „Unser Deutschlandmärchen“ nach Dinçer Güçyeters gleichnamigem Roman in der Regie von Beatrix Ackers die Erzählerfigur ist. Offensichtlich ist es Fatma (Şiir Eloğlu), die Ehefrau des Nichtsnutzes Yilmaz (Ercan Durmaz), der sie aus bitterer Armut nach Deutschland geholt hat. Fatma ist die Tochter von Hanife, einer aus Griechenland in die Türkei vertriebenen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Kinder nicht „unter der lieblosen Gnade“ von dessen Familie aufziehen wollte.
Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil sie die Grundlage für eine doppelte Wiederholungsschleife bildet, die sich über Generationen fortsetzt. Denn einerseits handelt es sich hier um die Geschichte einer Emanzipation, die die eigene Würde über alles stellt, die aber andererseits zur stoischen Duldung beinahe jeder Demütigung führt.
Schwäche ist verboten
Denn was sich durch diese Familiengeschichte hindurchzieht, ist der Fatalismus, mit dem Verhältnisse als gegeben und unhintergehbar akzeptiert werden: „Nein, Fatma, die Schwäche bleibt ewig als Fleck auf der Stirn, du darfst sie niemandem zeigen“, heißt es im Hörspiel.
Yilmaz ist für Fatma kein schlechter Mann, aber in seiner Gutmütigkeit lässt er sich gerne übers Ohr hauen. Er meint, mit Import-/Export-Geschäften eine schnelle Mark machen zu können, scheitert mit einer Kneipe, fälscht Fatmas Unterschrift, sodass sie mit 20.000 D-Mark Schulden dasteht, die sie trotz Überstunden in einer Schuhfabrik sowie Zweit- und Drittjobs niemals wird abbezahlen können.
Dann bekommt sie noch drei Kinder, erleidet einen Arbeitsunfall, der sie zwei Jahre lang mit Operationen und Reha aus dem Verkehr zieht, und nimmt das alles hin, ohne zu klagen. Das erzählt Siir Eloglu als Fatma weder anklagend noch lakonisch, sondern als schicksalhafte Normalität.
Hilfe erhält sie weder von ihren Freunden noch von ihren Brüdern, die sie auch nach Deutschland geholt hat und die ihre ersten Häuser in der Türkei bauen. Von Dinçer (Mehmet Ateşçi), ihrem ältesten Sohn, erhofft Fatma die Wende. Der geht mit aufs Feld, wo die Türkinnen Spargel stechen, Erdbeeren pflücken oder Gurken ernten. Irgendwann putzt er im illegalen Bordell eines Onkels („meine erste Schreibakademie“) und macht eine Lehre als Werkzeugmacher. Er soll entschieden, kräftig und geschäftstüchtig werden, nicht so wie sein Vater.
Hier wechselt die Erzählperspektive. Jetzt ist es Dinçer, der von den 1990er Jahren erzählt. Von den fremdenfeindlichen Anschlägen in Mölln und Solingen und den Todesopfern, von der Terrorgruppe des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Währenddessen gibt es in der Türkei einen Militärputsch, dessen Flüchtlinge auch von Fatma aufgenommen werden. Aus der Familiengeschichte wird eine politische Erzählung.
Der Soundtrack (Sinem Altan) wechselt von türkischer (Pop-)Musik zu einer aggressiveren Rhythmisierung. Gleichzeitig ändert sich die Textgattung, denn Dinçer Güçyeter ist auch Lyriker, der seine Gedichte im selbst gegründeten Elif-Verlag veröffentlicht.
Abrechnung mit Alamanya
Die Frage, was die türkischen Migranten Deutschland noch schulden, außer ihrer Arbeitskraft, den Überstunden, ihrer Gesundheit und der Angst vor den Beamten: „Können wir abrechnen, Alamanya?“ Hier ist sie, die lyrische Anklage, auf die man im Hörspiel gut siebzig Minuten gewartet hat.
Gleichzeitig entzieht sich Dinçer den Erwartungen seiner Mutter: „Je mehr du Wurzeln schlagen, dir ein Stück Sicherheit pachten wolltest, desto näher am Rand, am Abgrund ging ich meinen Weg. Je stärker du einen selbstsicheren Mann in mir sehen wolltest, desto mehr habe ich alles Maskuline abgelegt.“ Für Fatma scheint sich die Geschichte zu wiederholen, sie sieht in ihrem Sohn mehr und mehr die Gestalt ihres Mannes.
Doch die Geschichte wiederholt sich nicht.Dinçer, das Alter Ego seines Autors, sagt von sich: „Ich möchte allen fremd bleiben, die von Sicherheit reden, für diese Welt habe ich keine Zugehörigkeit übrig“ – doch irgendwie steht ihm die Pose des einsamen Poeten nicht. Und weil es sich bei Dinçer Güçyeters autofiktionalem Roman um ein Märchen handelt, geht letztendlich alles gut aus.
Und das nicht nur in der Fiktion. Der Roman „Unser Deutschlandmärchen“ wurde 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und vom Berliner Maxim-Gorki-Theater adaptiert. Der Elif-Verlag wurde mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis und Güçyeter selbst mit zwei Lyrikpreisen und einem Stadtschreiber-Stipendium ausgezeichnet. Für den Protagonisten wie für seinen Autor ist der Ausbruch aus dem Fatalismus der Wiederholungsschleifen gelungen. Die einfühlsame Hörspielinszenierung von Beatrix Ackers trägt zweifellos dazu bei.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 19.06.2026
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