„Trivialisierung einer Kunstform“

Das 17. Berliner Hörspielfestival kritisierte Übersteuerung des Mediums

Mit der Verleihung des Jurypreises und der Publikumspreise ging am 20. September das 17. Berliner Hörspielfestival in der Akademie der Künste zu Ende. Vier Tage lang traf sich die freie Szene, um insgesamt 39 Hörspiele zu hören, diverse Soundinstallationen zu belauschen und in Workshops und Diskussionen die Zukunft ihres Genres zu debattieren. Live trat erstmals die „Kamerun Qrella Group“ (Schorsch Kamerun und Masha Qrella) zusammen mit Gästen auf.

Das Motto des Festivals war „Übersteuert“, was auf eine spezifische Weltwahrnehmung verweist, aber auch auf einen willentlich herbeigeführten Zustand von Deregulierungen und Disruptionen. In seiner Eröffnungsrede „Von der Gefahr zu Übersteuern“ kritisierte der vielfach ausgezeichnete Hörspiel- und Fernsehmacher Andreas Ammer die Übersteuerung des Hörspiels innerhalb der ARD, die zugunsten mainstreamiger Programmierung immer mehr künstlerische Freiräume beschränkt. Es werde überreguliert und vom Raum der Kunst in den der Massenkompatibilität überführt. Auf der Audioplattform ARD Sounds werde einem die „Trivialisierung einer Kunstform um die Augen und Ohren gehauen“, indem Hörspiele sich in die Kategorien „Autofahren“, „Entspannung“, „Einschlafen“ (!) und „Aufräumen“ einsortiert finden.

Sprachen und Sprechweisen

Aufgrund seines weiten Hörspielbegriffs, der erzählerische, dokumentarische und klangkünstlerische Formen sowie deren Mischungen erlaubt, gruppiert das Berliner Hörspielfestival seine Stücke lediglich nach ihrer Länge. Der Jurypreis in der Kategorie „Das lange brennende Mikro“ für Hörstücke bis 60 Minuten ging an „Mamluk Versuch #3“ des Kollektivs „Anderer Kunstverein e. V.“ aus Leipzig. In dem Stück treffen Geschichten aus Berlin, Hauptstadt der DDR der 1970er Jahre, auf Storys aus dem gegenwärtigen Leipzig – deutsche Vergangenheiten mit migrantischen Gegenwarten.

Kids rappen über Döner und Olaf Scholz, Mädels über feministisches und sexuelles Empowerment, Jungs über Drogen und Selbstbehauptung. Verschiedene Sprachen und Sprechweisen treffen – bestenfalls fragmentarisch übersetzt – auf die deutsche Nacherzählung eines Textes des syrischen Dramatikers Sadalla Wannous (1941-1997). Die Jury lobte die Rekontextualisierung des disparaten Materials und den nicht-hierarchisierenden Umgang damit. Das Stück ist unter anderem aus Workshops mit den Betroffenen hervorgegangen, die sich selbst spielen.

„Das kurze brennende Mikro“ für Hörstücke bis 20 Minuten ging an das Stück „Milchhunde“ von Jürg Andreas Meister, das mit einer erpresserischen E-Mail begann: „Interessante Videos wurden von ihrer Kamera und ihren Handlungen aufgenommen beim Pornoschauen.“ In einer ironischen Reaktion findet die Protagonistin Gefallen an dem Gedanken, „für Scham bezahlen“ zu können.

In der Kategorie „Das glühende Knopfmikro“ für Hörstücke bis 5 Minuten Länge ging der Publikumspreis an „FemFrequency – Ein Lebenskaleidoskop“ von Ingrid Adler und Marie Nest, eine akustisch fein gearbeitete Miniatur über weibliche Wahrnehmungswelten. „Der MikroFlitzer“ schließlich – ein Wettbewerb für 1-Minüter, die innerhalb von 14 Tagen produziert werden mussten und den Satz „Ich kann das alles nicht mehr hören“ sowie das „Geräusch überschießender Hoffnung“ enthalten mussten – ging an „Leon geht es gut“ zum Thema exzessive Handynutzung.

Der Förderpreis des Trägervereins, der mit der Möglichkeit der Neuproduktion eines Hörspiels im Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste dotiert ist, ging an die Radiosatire „Weltraumradio Satinfunk“ von Kamala Dubrovnik und Max Hurlebaus – eine Abschlussarbeit an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM).

Zwischen Stimmlippen und Plattennadeln

Im Rahmen des Festivals präsentierte die Vokalistin Ute Wassermann zusammen mit Joke Lanz an den Turntables, dass in ihrem Stück „Half dead – half alive“ zwischen Stimmlippen und Plattennadeln etwas entstehen kann, das man experimentell-avantgardistischen Konzerten selten zuschreibt: Komik und Humor. Ebenso komisch waren die semantischen Kollisionen in „Language Monsters“, die Marc Matter im Dialog mit seinem KI-Selbst zeigten.

Schorsch Kamerun und Masha Qrella schließlich, deren erste gemeinsame Platte demnächst erscheint, füllten ihre Bühne mit Soundinstallationen des vor einschneidenden Transformationen stehenden Studiengangs „Sound Studies and Sonic Arts“, der bisher an der Berliner Universität der Künste beheimatet war und jetzt wohl doch nicht eingestellt, sondern an anderer Stelle fortgeführt wird. Einige der Soundinstallationen auf der Bühne waren während des gesamten Festivals in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen und zu hören.

Das Berliner Hörspielfestival war am Wochenende vor seiner Durchführung auch Teil der „Berlin Art Week“ und legte seinen Schwerpunkt dort auf die Szene der freien Community-Radios. Cashmere Radio, Mutant Radio, Refuge Worldwide und Radio Industry/Radio Woltersdorf öffneten ihre Studios und präsentierten unter anderem Soundperformances von MAF (Chris McWayne) und Oda Starheim. Das Festival wurde auf dem Digitalkanal des Deutschlandradios „Dokumente und Debatten“ via DAB+ live übertragen und auf dem YouTube-Kanal des Festivals gestreamt, wo es weiterhin abrufbar ist.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 29.09.2026
Der Autor dieses Textes ist Teil der Festivalleitung.


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