Mit amerikanischen Ohren

Iris Hanika: Echos Kammern

SWR 2, 13.02.2022, 18.20 bis 20.00 Uhr

Natürlich ist es erst mal eine falsche Spur auf die der Titel von Iris Hanikas 2021 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Roman führt. Mit „Echos Kammern“ sind nicht die Resonanzräume des Internets gemeint, in denen Filterblasen von Wand zu Wand ditschen. Es sind vielmehr die Räume durch die sich die Hauptfigur Sophonisbe bewegt, wie als Wiedergängerin der Nymphe Echo und in denen sie natürlich Narziß begegnet. Hanikas Roman spielt aber nicht in den Welten der griechischen oder römischen Mythologie und auch nicht in Karthago des zweiten punischen Krieges, aus dem sich die Autorin den Namen ihrer Hauptfigur Sophonisbe geborgt hat. Vielmehr befinden wir uns in der unmittelbaren Gegenwart zwischen New York und Berlin, wo Sophonisbe als Lyrikerin ohne festen Wohnsitz von Aufenthalts- zu Aufenthaltsstipendium ihr Leben lebt.

Iris Hanika: Echos Kammern

Stephanie Eidt, Valery Tscheplanowa, Kathrin Angerer in „Echos Kammern“ von Iris Hanika. Foto: SWR, Christian Koch.

In der 100-minütigen Hörspielfassung des Romans, die Regisseur Leonhard Koppelmann für den Südwestrundfunk inszeniert hat, ist die Figur der Sophonisbe auf drei Sprecherinnen aufgeteilt: auf Sopho (Stephanie Eidt), Phoni (Valery Tscheplanowa) und Nisbe (Kathrin Angerer). Ihrem Narziß, der hier den prosaischen Namen Josh (Jeremy Mockridge) trägt, begegnet sie erstmals auf einer Party von Beyonce, der aktuellen Königin des Pop. Außerdem trifft sie einen Freund namens Bedolf wieder, der eigentlich Adolf heißt und jetzt Alf genannt wird. Alf hat reich geheiratet und lebt an der Park Avenue. Kurz: die Gesellschaft ist gediegen und eine Kammer in einer noblen Altbauwohnung für den Anschlussaufenthalt in Berlin ist auch schnell gefunden.

Der französische Schriftsteller Francis Ponge hat im Vorwort für sein Buch „Die Seife“ seine Leser gebeten, sich in Gedanken „mit deutschen Ohren“ zu versehen. Ähnlich sollte man den ersten Teil von „Echos Kammern“ hören, allerdings mit amerikanischen Ohren, denn die Texte aus dem Werk von Sophonisbe sind in einer eigenen „lengevitch“ verfasst, die englische Syntax mit deutschen Wörtern verschmilzt. Das klingt dann so: „Wenn ich war in New York City für Aufenthalt von zehn Wochen in Monate Februar, März und ein bisschen von April, ich habe gesprochen zumeist in englische Sprache, welche ist sie nicht meine Muttersprache. Darum ich spreche falsch diese Sprache und mit Akzent, und es ist kein Unterschied, ob ich spreche mündlich oder ob ich mache schriftliche Mitteilung, und deswegen, wenn ich denke an Stadt New York, ich falle in Sprache mit Akzent auch in meine eigene lengevitch.“

Den Akzent erspart uns die Inszenierung, was dem heiteren Parlieren aber keinen Abbruch tut, zumal der Effekt auch nicht totgeritten wird. „Der Hörer wird um Nachsicht gebeten und erfreue sich an den Kostproben aus ihrem Werk, die ihm nur geboten werden, solange unsere Erzählung von den Ereignissen in Manhattan handelt.“

Die Handlung des Romans ist überschaubar. Sophonisbe trifft Josh, einen Studenten, der für seine Dissertation über ukrainischen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert forscht und den sie natürlich zunächst nicht ausstehen kann, unter anderem weil er ihr ihre Lyrik erklären will. In seiner Interpretation eines dreißig Jahre alten Gedichts „Echo und Narziß“ aus Sophonisbes ersten Gedichtband „Mythen in Tüten“ trifft er möglicherweise einen wunden Punkt. Denn dort verhält sich Echo wie Narziß, sie liebt in ihm nur ihre eigene Projektion, wie der nur sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Nun will sich Sophonisbe schon lange nicht mehr als Echo verstehen, jener Nymphe, die keine Kommunikation verweigern kann, sondern immer nur wiederholt, zurückwirft und spiegelt. Es wäre leicht diese opto-akustischen Spiegelfechterei von Echo und Narziß als Repetitionen in Hörspiel zu übertragen. Aber in der Komposition von Ulrike Haage, die  mit dem Gedicht „This be the verse“ von Philipp Larkin auch selbst zu Wort kommt, zeigt sich das der Spiegel eben kein Medium der 1:1-Wiedergabe ist sondern in seinen Facetten und manchmal sogar kaleidoskopartig seinen Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven reflektiert. Wenn die Pizzicati der Streicher oder die angeschlagenen Saiten, die von einem Hackbrett oder einem präparierten Klavier herkommen mögen, aufblitzen wie vorbeistreifende Lichtreflexe, dann unterstreicht das die Metaphorik des Textes ohne illustrativ zu wirken.

In einem vierminütigen Epilog nach der Absage umreißt Sophonisbe Plan ihren nächsten Roman – dabei ist ihr New-York-Roman in der eigenen „lengevitch“ noch nicht mal fertig -, der von „Ver-, Vor- und Bespiegelung, […], von spiegelnden Gefahren, Spiegelkabinetten und Glatteis“ handeln soll. So setzte Iris Hanika nach einhundert unterhaltsamen Hörspielminuten noch eine fein dosierte selbstironische Pointe.

Jochen Meißner – KNA, 10.02.2022

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