Konzentrierte Aufmerksamkeit und korrigierendes Denken

Gerhard Rühm lässt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Wort für Wort von unterschiedlichen Menschen rezitieren. Aus mehr als 1000 Einzelstimmen entsteht ein ungewöhnliches Hörspiel, das die Aufmerksamkeit auf die Materialität der Sprache und Bedeutung dieses historischen Dokuments lenkt.

Gerhard Rühm: wort für wort – totale rezitation der allgemeinen erklärung der menschenrechte

ORF Ö1, Mo, 10.08.2026, 21.00 Uhr

Wenn Worte das Material sind, aus dem sich dieses Hörspiel speist, dann sind es die Vorworte, die Gerhard Rühms Hörspiele auszeichnen. Seiner 32-minütigen „totale rezitation der allgemeinen erklärung der menschenrechte“ stellt er 5-minütige „Bemerkungen“ voran, die erklären, warum und wie er dieses Dokument, das er als „Spitze der schriftlichen Manifeste der Menschheit überhaupt“ betrachtet, inszeniert hat – nämlich Wort für Wort.

Jedes einzelne Wort der insgesamt dreißig Artikel, die am 10. Dezember 1948 in Paris als Resolution 217 A (III) verkündet wurden, wurde am 22. Februar 2025 vor dem Wiener Volkstheater aufgenommen. Jedes einzelne Wort von einem anderen Sprecher – eingeladenen Gästen und Passanten. Zufälligerweise auch von „Jedermann“-Darsteller Lars Eidinger, wie ORF-Redakteur Hans Groiss in der Anmoderation der Sendung bei der Ursendung im Österreichischen Rundfunket. Er habe den Schauspieler zufällig vor der Aufnahme in der Buslinie 13 A auf dem Weg zum Volkstheater getroffen.

Ohne die Präambel, auf die im Hörspiel verzichtet wird, umfasst die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gut 1400 Wörter, die alle „von einer eigenen Person“, so Rühm, rezitiert wurden, um die existenzielle Bedeutung des Manifests gerade in Zeiten des bedrohlichen Verfalls demokratischer Grundregeln wieder unmittelbar erlebbar zu machen. Neben dieser appellativen Funktion kommt zu diesem Stück noch eine sprachliche Dimension. Denn weil jedes Wort „von einer eigenen Person“ artikuliert wird, gewinnt es jeweils eine individuelle Ausprägung, die von der jeder anderen Person abweicht. Denn jeder hat eine eigene Sprechmelodie mit spezifischem Ausdruck in Klangfarbe, Tonhöhe und Lautstärke.

Doppelte Aufmerksamkeit

Die von dem umpuschelten Mikrofon vor dem Volkstheater aufgenommenen Wörter ergeben zusammengeschnitten eine „anfangs holprig wirkende Lautfolge“, so Rühm. „Es bedarf daher beim Abhören einer konzentrierten Aufmerksamkeit und korrigierendem Denken“, heißt es im „Vorwort“.

Die doppelte Aufmerksamkeit, die hier gefordert ist, entwickelt sich vom „Wie“ (der Inszenierung) zum „Was“ des Gegenstandes. Was ergibt sich eigentlich aus den mehr als 1400 Wörtern, die, auf einzelne Blätter gedruckt und mit einer Nummer versehen, ins Mikrofon gesagt wurden? Die Passanten wussten nur, an welcher Stelle ihr „und“, „oder“, „durch“, „ohne“, „des Weiteren“ etc. vorkommen würde, nicht aber in welchem Kontext.

Doch der Text besteht natürlich nicht nur aus Konjunktionen. Es gibt auch Verben wie „genießen“, adverbial gebrauchte Adjektive wie „willkürlich“, „unmenschlich“ oder „erniedrigend“ sowie Substantive wie „Sklaverei“, „Leibeigenschaft“, „Diskriminierung“, aber auch „Entfaltung“, „Verständnis“, „Toleranz“ und „Freundschaft“.

Unwillkürlich fragt man sich nicht nur, welche Wörter hier verwendet werden, sondern auch, in welchen grammatikalischen Konstruktionen sie vorkommen. „Niemand darf …“, „Jeder hat das Recht …“ sind Formeln, die des Öfteren auftauchen. Erstaunlich auch die vielen positiven Formulierungen. Das Verbot von Zwangsverheiratungen findet sich in Artikel 15 Absatz 2 und lautet: „Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.“ Im Englischen heißt es da „full and free consent“.

Solidarität als Brüderlichkeit

Doch es gibt auch Wörter, bei denen man kurz zurückzuckt und sich fragt, ob sie wirklich genau so in der Erklärung der Menschenrechte stehen. Schon im Artikel 1 heißt es bei Gerhard Rühm: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ Es ist das Wort „Solidarität“, dem man in diesem Kontext misstraut. Im Original der Erklärung heißt es denn auch „brotherhood“, „Brüderlichkeit“.

Warum begegnet man dem Begriff der Solidarität mit Misstrauen? Zum einen, weil er in historischer Hinsicht propagandistisch kontaminiert war, und zum anderen, weil er in den gegenwärtigen Zeiten von den Betreibern sogenannter Sozialer Medien, deren Geschäftsmodell auf der Vereinzelung ihrer Nutzer basiert, diskreditiert wird. Dort wird ein heruntergekommener Begriff von „Freiheit“ propagiert, dessen strukturelle Voraussetzungen negiert werden. Voraussetzungen, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schaffen will. Sie sind die Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit.

Neben dieser analytischen Aufmerksamkeit, die das Stück neben dem Fokus auf Sprache und Inhalt erfordert und zugleich hervorruft, sind es immer wieder die „Wortspender“ und „Wortspenderinnen“, die punktuell aufblitzen. Und das nicht, weil man durch die Anmoderation sensibilisiert wissen will, welches Wort Lars Eidinger gesagt hat, sondern weil ab und zu unerwartete Artikulationen zu hören sind, beispielsweise ein von einem Kind energisch vorgetragenes „gleichermaßen“ (Wort 1119).

Hintergründige Verkehrslärmkulisse

Außerdem hört man sich im Verlauf des Stückes in den von ORF-Tonmeister Martin Leitner gestalteten Rhythmus hinein, bei dem die hintergründige Verkehrslärmkulisse die Pausen zwischen den Wörtern bestimmt. Denn außer den Wörtern standen den Sprecherinnen und Sprechern nur ab und zu ein Komma, ein Semikolon oder ein Punkt zur Phrasierung ihres Wortes zur Verfügung. Was man aber immer hört, ist das Bemühen um eine möglichst klare Artikulation und kaum dialektale Einfärbungen. Wohl auch, um den Verkehrslärm im Hintergrund zu übertönen. Was man außerdem vermuten kann, ist, dass es den „Wortspendern“ nicht gleichgültig war, zu welchem Text sie ihren Beitrag leisten.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Hörspiel mit seinem Sprachmaterial auseinandersetzt, wie es Gerhard Rühm in seiner „totalen Rezitation“ tut. 2021 ließ Regisseur Walter Adler in Gesine Schmidts Hörspiel „Oops, wrong planet!“ (DLF 2012) seine Schauspieler Gedichte eines autistischen Zwillingspaares aufsagen – ebenfalls Wort für Wort, allerdings rückwärts, mit dem letzten beginnend. So konnten die professionellen Sprecher den Wörtern kein semantisches Vorverständnis mitgeben.

Kollektive Texte

Auch für den Versuch, mit nicht-professionellen Sprechern einen kollektiven Text zu erzeugen, gibt es Vorläufer. Für das längste Hörspiel aller Zeiten, Andreas Ammers „Unendlicher Spaß“ nach dem Roman von David Foster Wallace, konnte das Publikum eine Seite des 1575 Seiten langen Romans einlesen und als Audio-Datei hochladen. Im Corona-Jahr 2020 forderte Ammer dann seine Hörspielgemeinde auf, einen Satz aus Henry David Thoreaus Text „Walden“ zu lesen, um daraus ein „Schwarmhörspiel“ zu machen.

Gerhard Rühms kollektives Rezitationshörspiel ist nicht nur im Radio oder im Netz zu hören. Vom 13. bis 30. August wird es auch auf dem Wiener Heldenplatz den ganzen Tag über im Loop zu hören sein. Eine Replik im Schauspiel Köln ist geplant. Hauptverdienst dieses Stückes ist jedoch, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie angenehm, angstfrei und selbstbestimmt das Leben sein könnte, wenn dieses Mindestmaß an Rechten nicht permanent von Regierungen und finanzkräftigen privaten Akteuren unterminiert würde.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 13.08.2026


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