Ein Genre-Cocktail ohne „Um-zu“
Martin Heindels dreiteiliges Mystery-Hörspiel „Cronenbergs Erbe“ verbindet eine Entführung, finstere Familiengeheimnisse und nervige Teenager zu einem temporeichen Genremix aus Abenteuer, Mystery und Horror, bei dem zum Glück eine Zutat fehlt.
Martin Heindel: Cronenbergs Erbe
Bayern 2, Fr, 7.8.,14.8,, 21,8.2026. 20.03 bis 21.00 Uhr
Der Werbeclaim des Feeds „Knallhart“ auf der ARD-Plattform Sounds, die früher mal die ARD-Audiothek war, lautet „Jeden Sonntag neue Abgründe“. Der neueste Abgrund, in den man ab Sonntag hineinhorchen kann, ist die Mystery-Serie „Cronenbergs Erbe“ von Martin Heindel. Ein Thriller ist sie nicht, eher eine Abenteuergeschichte mit dem Inventar der Indiana-Jones-Filme, dem der Autor Horror-Elemente hinzugefügt hat. Für das entsprechende Sounddesign sorgen die Komponisten Michael Kamm und Felix Häge.
Die Geschichte beginnt mit der 16-jährigen Kadira von Cronenberg, die in der U-Bahn von einem fiesen, alten Sack (Michael Brandner) ziemlich creepy angemacht wird, wobei sich ein angeblich hilfsbereiter Mitpassagier (Pirmin Sedlmeir) als Komplize entpuppt: „Dachtest du, ich bin einer von den Guten? So leicht kann man sich täuschen.“
Die Belästigung war nur der Auftakt zur Entführung von Kadira (Samira Isa Benhane), um von ihrer Familie die Herausgabe des Tagebuchs ihres Ururgroßvaters Wilhelm und eine Serie von drei Fotografien zu erpressen. Auf den düsteren Bildern dieser sogenannten „Übermensch-Sequenz“ hatte der Urururgroßvater um 1900 herum seine Frau Thelma, genannt Wilhelmina, abgebildet und dabei ihre düstere Aura auf Glasnegativen fixiert.
Beachtliches Hysterie-Niveau
Damit wäre das Setting in wenigen Sätzen etabliert, und da das Hysterie-Niveau der Figuren von Beginn an bei einhundert Prozent liegt, braucht es eigentlich nur noch altägyptische Unsterblichkeitsmythen, ein paar esoterische Nazis, ein Bootshaus mit verborgenen Schätzen, eine Familiengruft mit leerem Sarkophag, eine Phonographenwalze aus Wachs und ein bisschen außersinnliche Wahrnehmung – und fertig ist der Abenteuer-Mystery-Horror-Cocktail fürs Radio.
Dass diese Mischung hier tatsächlich so gut funktioniert, liegt vor allem an Tom, Kadiras Bruder, und Sami, ihrem Freund. Noah van Moll und Florian Geißelmann sind für die beiden Rollen als nervige Teenager exzellent gecastet. In einer wilden Mischung aus ein bisschen Kleinkriminalität, jeder Menge großer Klappe, einer gehörigen Portion Dummheit und ein paar Momenten Coolness sind die beiden nie schlauer, als es ihren Rollen angemessen wäre. Über weite Strecken möchte man sie am liebsten an die Wand klatschen – also eine perfekte Figurenzeichnung.
Natürlich geht es in den drei Folgen drunter und drüber – und Löcher in der Logik sind Teil des Genres. Was die Rasanz der Geschichte ausmacht, ist ein Erzähltempo, das nahezu vollständig auf langatmige Redundanzen verzichtet. Sobald etwas passiert ist, wissen alle Figuren davon und sind damit genau auf dem Stand der Hörerschaft.
Unmittelbarkeit der Reaktion
Und die will auch nicht noch einmal rekapituliert bekommen, was sie vor wenigen Sekunden selbst gehört hat. Das ist eigentlich ein simpler Trick und man fragt sich, warum er einem hier so auffällt. Wahrscheinlich liegt es an der Unmittelbarkeit der Reaktion und an der Verdichtung der Zeit, die der Schnitt im Radio ermöglicht.
Wie man Erzählzeit und erzählte Zeit im Radio entkoppelt, hat 1938 schon Orson Welles demonstriert, indem er eine Invasion vom Mars vom Start der Raketen bis zur Vernichtung der Menschheit als einstündige Live-Radioreportage erzählte.
Martin Heindel braucht hier rund 160 Minuten, um seine Geschichte vom Erbe der Cronenbergs zu erzählen – und ein richtiges Ende hat sie trotzdem nicht. Braucht sie auch nicht, denn Heindel verfolgt keine medienkritischen Absichten. Er strebt auch keinen Metadiskurs über das Mystery-Genre an. Stattdessen bedient er es einfach. Das funktioniert natürlich nur, wenn man das Genre auch liebt. Hier gibt es kein „Um zu“, keinen Krimi, um irgendwelche Missstände zu thematisieren, keine Science-Fiction, um dem Heute sein dystopisches Ich vorzuhalten. Damit hat man schon mal den Absturz in einen Abgrund vermieden. Auch mal ganz schön.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 07.08.2026
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