In den Untiefen des Storytellings

Massimo Bognannis Podcast „Inside CumEx – Jagd auf die Steuermafia“ erzählt vom größten Steuerraub der Bundesrepublik. Nicht frei von dramaturgischen Mätzchen – aber stark, wenn es um Netzwerke, Macht und politische Verantwortung geht.

Massimo Bognanni: Inside CumEx – Jagd auf die Steuermafia

WDR, seit 11.05.2026 auf ARD Sounds

Seit mindestens zehn Jahren geht ein Gespenst um im Journalismus – es ist das Gespenst des Storytellings. Es hat uns diese elenden „szenischen Einstiege“ beschert und Schilderungen von Ereignissen, bei denen der Berichterstatter nicht dabei gewesen sein kann. Es gibt die Beschreibungen des äußeren Erscheinungsbilds der handelnden Personen, die die Relevanzgrenze selten überschreiten und oft nicht einmal als Metapher taugen. Und es gibt Erzählstrategien, die Sachverhalte mit Bedeutung aufladen, die dieser Aufladung nicht bedürfen und sie genau darum entwerten. Der siebenteilige Podcast „Inside CumEx – Jagd auf die Steuermafia“ des Investigativ-Journalisten Massimo Bognanni ist nicht frei von derartigen überflüssigen bis ärgerlichen Mätzchen.

Schon der Untertitel „Jagd auf die Steuermafia“ weckt falsche Assoziationen von Schutzgelderpressung, Gangstern mit Betonschuhen auf dem Grund eines Flusses und heldenhaften Ermittlern, die am Ende siegen. Nichts davon trifft hier zu. Alles spielt sich auf mehr oder minder offener Bühne ab. Die Hinterzimmer sind noble Anwaltskanzleien in Wolkenkratzern, die Deals sind alle dokumentiert, und die Politik findet auch nichts dabei, wenn die Staatskasse sauber abgezockt wird. Und der Protagonist ist auch kein tapferer Ermittler, sondern ein Journalist, der seinen Job macht – und den macht er gut.

Massimo Bognanni, mehrfach ausgezeichneter Wirtschaftsjournalist, der unter anderem für seinen Film „Die unheimliche Macht der Berater“ 2020 den Deutschen Fernsehpreis verliehen bekam, hostet seinen Podcast selbst. Das ist nicht die schlechteste Entscheidung. Der Mann kennt sich schließlich aus, weiß, wovon er redet, was er recherchiert hat und wo Quellenschutz vor Enthüllung geht. Wenn es aber darum geht, seine Erkenntnisse dramaturgisch möglichst effektiv an das Publikum zu bringen, dann sollte man vielleicht mal jemanden fragen, der sich mit Storytelling auskennt und eine passende Form für den Inhalt findet. Autoren oder Dramaturgen sollen darin ja manchmal ganz gut sein. Am Ende der siebten Folge erfährt man, dass es beide gegeben hat: Headautor Adrian Breda und Dramaturgin Antonia Märzhäuser.

Kasperle-Theater statt Drama

Nehmen wir die ersten vier Folgen des Podcasts. Massimo Bognanni ist es gelungen, ein Interview mit Hanno Berger zu bekommen, der von der Presse als „Mr. CumEx“ bezeichnet und in zwei Verfahren jeweils zu mehr als acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde. Die Bildung der Gesamtstrafe aus den beiden Verfahren steht noch aus. Er ist einer von 24 Verurteilten in der CumEx-Sache, in der es bislang 40 Prozesse bei 1.800 Beschuldigten gab.

Es ist also von Anfang an klar, wer hier der Schuldige ist. Welche Form wäre für diese Erzählung die angemessene? Das analytische Drama, sollte man meinen. Oder, wenn man es etwas moderner mag, ein episches Theater. Was aber die denkbar ungeeignetste Form ist, ist die des Kasperle-Theaters, in dem Hanno Berger das Krokodil geben muss und in dem mit bedeutungshubernden Pausen vor der Namensnennung Spannung erzeugt werden soll.

Überhaupt die Namen. Schon Brecht wusste, dass das Verbrechen Namen und Anschrift hat. Bognanni scheut sich oft, sie zu nennen. So ist vom „damaligen Finanzminister“, dem „Ministerpräsidenten“ oder dem „vorgesetzten Staatsanwalt“ die Rede. Eine hohe Hamburger Finanzbeamtin, die der Hamburger Warburg-Bank – einer im CumEx-Geschäft rege tätigen Privatbank – Tipps gegeben haben soll, wird nur einmal mit vollem Namen genannt und firmiert sonst als „Frau P.“, wie in einem schlechten Gangsterfilm. Im dokumentarischen Genre ist so eine Zurückhaltung begründungspflichtig, aber leider bekommen die Zuhörer keine Begründung.

Getrübtes Hörvergnügen

Auch an anderen Stellen muss man sich Sachverhalte zusammenreimen, die einfach hätten gesagt werden können. Beispielsweise, dass Hanno Berger nach einer ersten Hausdurchsuchung wegen CumEx, Jahre bevor Staatsanwältin Anne Brorhilker auf den Fall aufmerksam geworden ist, in die Schweiz geflohen ist. Dass er da zwei Jahre gelebt hat, kommt irgendwann später en passant vor. Dass Berger Aktenzeichen und Textpassagen mit genauen Quellenangaben aus dem Gedächtnis zitiert, bleibt unkommentiert stehen. Es wäre an dem Journalisten, das zu überprüfen und entweder zu bestätigen oder als Schaumschlägerei zu entlarven. Keines von beidem geschieht. Manchmal fehlen auch einfach Jahreszahlen von Ereignissen oder Urteilen, die ein Nachvollziehen der Geschichte vereinfachen würden. Alles kleinere Mängel, die in ihrer Gesamtheit aber das Hörvergnügen trüben.

Wo es aber Gangster gibt, braucht es auch Helden, und die Not-all-heroes-wear-capes-Heldin in der CumEx-Affäre, die den größten Steuerraub in der Geschichte der Bundesrepublik mit mehreren Hundert Millionen Euro Schaden pro Jahr aufgedeckt hat, hat Namen und Gesicht: Anne Brorhilker, ehemalige Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft Köln, die die ganze Sache ins Rollen gebracht hat.

Sie hat offensichtlich im kleinen Finger mehr Loyalität zu ihrem Staatswesen als all die Finanzjongleure , die es ausrauben, weil sie es können, weil es fast risikolos ist und weil sie sich einreden, dass sie ja nur Gesetzeslücken ausnutzen, im ganzen Körper. Was im Fall CumEx nie der Fall war. Höchstrichterlich ist bestätigt, dass CumEx-Geschäfte, bei denen man sich nicht gezahlte Steuern hat erstatten lassen, schon immer illegal waren. Die Mär von der Gesetzeslücke hat sich lange in der veröffentlichten Meinung gehalten. Auch dank etwas, das sich Litigation-PR (strategische Rechtskommunikation) nennt – ein Begriff, der in Bognannis Siebenteiler leider nicht fällt.

Strukturen und Netzwerke

Nachdem in den ersten vier Folgen die Geschichte von „Mr. CumEx“ Hanno Berger endlich auserzählt ist, fragt man sich, was in den restlichen drei Folgen noch kommen kann. So einiges! Denn jetzt geht es um die Strukturen und Netzwerke, in denen es möglich und geduldet ist, sich auf Kosten der Staatskasse zu bereichern. Auch hier fühlt man sich an die Brechtschen Fragen erinnert: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? / Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Bognanni geht jetzt den Netzwerken nach und trifft auf die hamburgische SPD, die das von der Warburg-Bank gestohlene Geld nicht zurückfordern will, was die neue Bundesregierung nach der Wahl 2021 per Weisung unterbindet. Das war in der Geschichte der deutschen Finanzverwaltung noch nicht vorgekommen, zum Entsetzen von Frau P., so berichtet es Anne Brorhilker, die bei der Verkündung dabei war.

Brorhilker wollte dann auch die Finanzverwaltung in Hamburg wegen „Begünstigung im Amt“ durchsuchen lassen, was ihr Vorgesetzter verhindert hat. Woraufhin ihm sein oberster Dienstherr, der damalige Justizminister Nordrhein-Westfalens Peter Biesenbach, zwar keine Weisung erteilt, aber eine nachdrückliche Bitte geäußert habe. Die Durchsuchung hat dann doch noch stattgefunden. Anne Brorhilker wollte sich nicht nachsagen lassen, nur in eine Richtung zu ermitteln. Der CDU-Politiker ist jetzt auch in der „Initiative Finanzwende“ tätig, die Anne Brorhilker geschäftsführend leitet.

Einschüchterung gegen Journalisten

Was Anne Brorhilker in Bognannis Podcast erzählt, hat man von ihr auch schon in anderen Interviews gehört. Was man nicht gehört hat – und deshalb war es wichtig, dass Bognanni selbst den Podcast hostet – ist, dass er selbst Gegenstand von Ermittlungen geworden ist. Er soll Beamte überredet haben, Dienstgeheimnisse zu verraten. Ein Einschüchterungsversuch, der später eingestellt wurde.

Interessant ist auch das Gespräch mit dem Kronzeugen Kai-Uwe Steck, einem ehemaligen Partner Hanno Bergers, der die Klaviatur des medialen Storytellings offenbar besser beherrscht (oder sich teurere Autoren leisten kann als der WDR), der jetzt als Krisenhelfer Rednerhonorare ab 25.000 Euro aufrufen kann. Seine Steuerschulden kann er aber leider, leider nicht zurückzahlen – das Geld steckte in der Schweiz in Start-up-Aktien, die jetzt leider, leider wertlos sind.

Die sieben Teile von „Inside CumEx“ sind ein bisschen anstrengend, auch wegen der immer gleichen Nachrichten-Collage zu Beginn jeder Folge, bei der man sich fragt: War das so gewünscht? Oder nur Zeitmangel oder Faulheit der Regie? Man wünscht sich eine KI, die all die Redundanzen wegfiltert, oder wenigstens eine binge-fähige Fassung auf ARD Sounds. Abstrahiert man von all den dramaturgischen Unzulänglichkeiten, geht man aus diesem Podcast aber um einiges schlauer raus, als man hineingegangen ist.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 22.05.2026


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.