Hörspiel des Monats November 2020

Atlas

von Thomas Köck

Regie: Heike Tauch
Komposition: Janko Hanushevsky
Redaktion: Steffen Moratz
Produktion: MDR
Länge: 69:36
Erstsendung: 09.11.2020, MDR Kultur

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel des Monats November 2020 „Atlas“ erzählt eine Geschichte der vietnamesischen Arbeitsmigranten in der DDR während der 80er Jahren, vom Niedergang des sozialistischen Staates DDR und einem Kind einer vietnamesischen Arbeiterin und eines vietnamesischen Übersetzers, das inmitten dieser Ereignisse geboren wird.

In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung. Seine Tafeln bestehen aus Sprachbildern und Gedankenströmen, die Geschichte und Gegenwart in äußerst plastischer, erkenntnisstiftender Weise verschränken – mit scharfer Polemik, aber auch mit viel Empathie gegenüber menschlichem Leid. Köck entfaltet hierbei eine komplexe Familiengeschichte von Flucht und Migration aus Vietnam nach Deutschland und zurück, die quer zu den Kollektiverzählungen der Deutschen liegt. Literarisch versiert vereint das Hörspiel die Geschichte einer dramatischen Flucht und einer entzwei gerissenen Familie gegen Ende des Vietnamkriegs, der Arbeitsmigration „ausländischer Werktätiger aus dem kommunistischen Bruderstaat Vietnam“ in die DDR und einer Vietnamreise auf der Suche nach den Vorfahren.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland stellt das Hörspiel die Frage: „was heißt das schon / vereinigung nicht wer heißt das / sondern gegen wen“. Mit der Parole „Wir sind das Volk“ wurde 1989 gegen die DDR-Regierung protestiert, heute wird diese von völkischen Rechten gegen die parlamentarische Demokratie skandiert. Aus der Perspektive der vietnamesischen Arbeiterinnen und Arbeitern wird im Hörspiel erfahrbar, dass dieses „Wir“ auch die Ausgrenzung von „Anderen“ beinhalteten kann.

Schon die historische Einzigartigkeit der deutschen Wiedervereinigung ist nur „gefühlt“, wurde Vietnam doch bereits 1975 wiedervereinigt – unter sozialistischen Vorzeichen, durch den Sieg über den Kriegsgegner USA. Je nachdem, auf welcher politischen Seite sie sich wiederfanden, kamen Menschen aus Vietnam als Kontingentflüchtlinge nach Westdeutschland (wie die Mutter im Hörspiel) oder (wie die Tochter) als Vertragsarbeiter*innen in die DDR. Der Umgang des realsozialistischen Deutschland unterschied sich dabei in seinen rassistischen Praktiken nicht wesentlich von dem Umgang mit den sogenannten „Gastarbeiter*innen“ im kapitalistischen Westen: „der / bruderstaatliche weg was / für eine farce und jeden ersten mittwoch im monat / gesundheitschecks beim arzt weil der / bruderstaatliche weg auch nur ein survival of the fittest weil / der bruderstaatliche austausch fitte körper braucht“.

„wer / damit gemeint ist mit / dem nationalen frühling wer / durch diese blühenden landschaften einmal / spazieren darf“ und wer nicht, wird im Hörspiel rasch deutlich. Etwa wenn geschildert wird, wie kranke oder schwangere Vietnames*innen als nicht mehr arbeitstauglich abgeschoben werden. Besonders augenscheinlich wird es jedoch in der Wahrnehmung der sich anbahnenden Wiedervereinigung von DDR und BRD, die nicht als Grund zum Feiern, sondern zum Fürchten empfunden wird: „wir leben auf risiko wir / leben prekär weil wir hier / gar nicht vorkommen in dieser / posttraumatischen erzählung dieser / liebesgeschichte einer nation die / jetzt endlich wieder bei sich ankommen möchte“.

Das Hörspiel würdigt die Geschichte der Vietnames*innen in Deutschland, weil es ihr nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stimmen an einer exponierten Stelle im öffentlichen Diskurs gibt. Durch das kontrapunktische Spiel mit Sprachen und Akzenten, durch straff rhythmisierte Monologe und minimalistische Chorsequenzen gibt die Inszenierung dem Text eine enorme sinnliche Präsenz. Das souveräne Sprecher*innen-Ensemble wird dabei kongenial durch die Musik von Janko Hanushevsky unterstützt. Seine spröden, an den Bruchkanten zwischen Melodie und Geräusch angesiedelten E-Bass-Figuren machen das Leitmotiv des Risses fast haptisch präsent, das sich durch den Hörspieltext zieht: „ein riss nach dem anderen weist den weg / durch die geschichte.“

Die Mängel der sogenannten Wiedervereinigung wurden zum 30. Jahrestag zumeist als eine Art kollektive Beziehungskrise von Ost- und Westdeutschen verhandelt. Man kann es der Hörspielabteilung des MDR nicht hoch genug anrechnen, dass sie mit „Atlas“ dieses Narrativ gründlich verwirft und hinterfragt. Die Neuerzählung der deutschen Nach-Wende-Geschichte, die das Hörspiel des Monats November vornimmt, zeigt: Ein zukunftsfähiges, demokratisches und vielfältiges „Wir“ muss alle Menschen einschließen, die hier leben. Mit der Wahl seiner Erzählperspektive leistet das Stück selbst einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung dieses „Wir“, denn: „gäbe es eine logik in der geschichte wir / würden sie uns nicht andauernd neu erzählen müssen“.

Die Sendung wird am 7.2.2021 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Franziska Seybolt: Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst.
DLF, Alexander I. Kuprin: Olessja
DLF Kultur, willems & kiderlen: UTOP 89 – und wer füttert die Fische?
HR, Kathrin Röggla: Bauernkriegspanorama
MDR, Thomas Köck: Atlas
NDR, Georges Simenon: Die Phantome des Hutmachers
RB, keine Nominierung
RBB, keine Nominierung
SR, Liquid Penguin Ensemble: Cyfre oder Kopf und Zahl
SWR, William S. Burroughs: The Cat Inside
WDR, Cynthia Micas: Afrodeutsch
ORF, Julian Schutting: Los des Irdischen
SRF, keine Nominierung

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