Hörspiel des Monats März 2018

Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen

Ivan Blatný. Bild: Christine Nagel.

Ivan Blatný. Bild: Christine Nagel.

von Christine Nagel
Regie: Christine Nagel
Übersetzung: Jan Faktor, Kathrin Janka, Alfred Simon
Komposition: Peter Ehwald
Dramaturgie: Juliane Schmidt
Produktion: RBB/DLF 2018
Erstsendung: RBB Kulturradio, 09.03.2018
Länge: 44:07

Die Begründung der Jury

Der aus Brünn stammende Lyriker Ivan Blatný (1919–1990) galt viele Jahre als verschollen. Eine Lesereise nach England nutzte er 1948 zur Flucht aus der Tschechoslowakei und wurde daraufhin zur Persona non grata erklärt. Von diesem Zeitpunkt an war Blatný staaten- und mittellos. Er fand sein Exil in der Psychiatrie und erlebte im Eingesperrtsein eine größere Schaffensfreiheit als in der damaligen kommunistischen Tschechoslowakei. Mit 280.000 Versen auf 5.500 Notizbuchseiten, notiert auf Tschechisch, Französisch, Englisch und Deutsch, erfüllte er sich seinen Lebenswunsch: im Schreiben existieren zu können – in der Sprache zu leben, die ihm Lust und Vergnügen war.

In ihrem Hörspiel „Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen“ nähert sich die Regisseurin und Autorin Christine Nagel vielsprachig Blatnýs Gedanken- und Gefühlswelt an, wirft Schlaglichter auf sein unkonventionelles Verständnis von Begriffen wie ‚Freiheit‘ und ‚freiem Denken‘. In verdichtender Montage entsteht das Portrait eines Schreibers, der nicht schreiben wollte, was ihm die Politik vorschrieb, sondern stattdessen seiner Fantasie freien Lauf ließ – auf entwendetem Toilettenpapier, abseits der Öffentlichkeit. Diese Möglichkeit, sich im Kopf eines der ungewöhnlichsten Denkers und Dichters des 20. Jahrhunderts zu befinden, durch seine Ohren, seine Augen, seine Gedichte die Welt wahrzunehmen, zumindest vierundvierzig Minuten lang, ist eine beglückende und verwirrende Erfahrung. Unter Verzicht auf filigrane Erklärung von Zusammenhängen, mit einem feinen Gespür für die Musikalität der Gesamtkomposition, lässt Nagel zusammen mit dem Komponisten Peter Ehwalds und den hervorragenden Sprecher*innen, unter denen auch die authentische Stimme Ivan Blatnýs zu hören ist, einen assoziativen Hörraum entstehen, in dem Sprachgrenzen fließend werden und durch Blatný’s (Sprach-) „Musik der Bedeutungen“ außergewöhnliche Bilder entstehen.

Die Jury spricht eine lobende Anerkennung im Sinne eines zweiten Preises aus für das Hörstück Aus dem Leben einer Schwebfliege. L. E. – Triptychon 3 (von: Robert Schoen; Konzept & Realisation Robert Schoen; Dramaturgie & Redaktion Peter Liermann; Produktion: hr). Sie hebt besonders den poetisch-unpathetischen Umgang mit dem immer noch tabuisierten Thema des Freitodes hervor und die eindrucksvolle Performance des Autors und Darstellers.

Eine lobende Erwähnung geht an „Aus dem Leben einer Schwebfliege – L.E.-Triptyhon 3“ von Robert Schoen.

Das Hörspiel wird am Samstag, den 5. Juni 2018 im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Dominic Robertson: Animalium Kepler 22B
DLF Kultur, Christian Schiller / Marianne Wendt: Hexenland
HR, Robert Schoen: Aus dem Leben einer Schwebfliege – L.E.-Triptyhon 3
MDR, Fritz Rudolf Fries: Last Exit to El Paso
NDR, Swoosh Lieu u. Katharina Speckmann: Who cares
RB, Chrstine Wunnicke: Alles Rumi
RBB, Christine Nagel: Blatnýs Kopf oder: Gott der Linguist lehrt uns atmen
SR, Madeleine Giese: Lange Schatten (ARD Radio Tatort)
SWR, Marcel Proust: Sodom und Gomorrha
WDR, Luther Blisset: Q

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