Hörspiel des Monats Februar 2021

Woanders. Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch

von Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella

Regie: Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella
Komposition: Masha Qrella, Andreas Bonkowski, Chris Imler
Redaktion: Barbara Gerland
Produktion: DLF Kultur
Länge: 50:26
Erstsendung: 24.02.2021, DLF Kultur

Die Begründung der Jury

Thomas Brasch, der von der Geschichte zu Unrecht scheinbar verschluckte Schriftsteller, bekommt eine neue Chance. Zwanzig Jahre nach seinem Tod legt das Hörspiel „Woanders“ die in jedem einzelnen Wort seiner Dichtkunst gespeicherte Kraft frei. Dafür haben Diana Näcke, Christina Runge und Masha Qrella einen bemerkenswerten musikästhetischen Weg gewählt, der die Lyrik neu zum Leben erweckt: Thomas Brasch goes Techno (nicht nur).

Die Sätze hallen keineswegs wie Relikte aus einer fernen Vergangenheit nach, sondern treffen mit den Sounds der Berliner Sängerin Masha Qrella auf verblüffend geschmeidige Weise mitten hinein in gegenwärtige Befindlichkeiten und gesellschaftspolitische Fragestellungen (Sie hat daraus erfreulicherweise ein ganzes Album gemacht). Das ist einerseits einer konzisen Textauswahl geschuldet, die jeden Satz für uns Hörerinnen und Hörer fruchtbar macht. Denn auch wir sind Formen der Entpersonalisierung und Vereinsamung ausgesetzt, wie sie Brasch immer wieder thematisiert hat. Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (…) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.“

Andererseits glückt die Wiedererweckung dieser Literatur vor allem dank der musikalischen Erzählweise. In der strengen, aber leichthändig wirkenden Partitur stehen Braschs Texte in mehreren „Seinszuständen“ nebeneinander: als von Qrella gesprochenes Zitat, als von ihr, Andreas Bonkowski und Chris Imler vertonte Lyrik oder als Originalton Braschs aus dem Archiv. Sie spiegeln sich effektvoll ineinander. Die Arbeit gibt den Sätzen Raum – Raum, den Lyrik kaum je zugesprochen bekommt.

Das Tonstudio und seine Geräusche sind dabei immer nur leicht aus der Ferne wahrnehmbar. Wir hören also ein vom Produktionsgrund emanzipiertes Hörspiel, das „woanders“ spielt, in einer ganz eigenen, unabhängigen und berückenden Tonwelt.

Eine lobende Erwähnung geht an „Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess“ von Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen, das mit einer heute kaum mehr zu realisierenden, immensen Recherchekapazität und einem schlüssigen Konzept aus verschieden wahrnehmbaren Stimmen eines Stücks (nicht aufgezeichneter) Zeitgeschichte habhaft wird.

Das Hörspiel des Monats wird am 1.5.2021 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen: Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess.
DLF, wittmann zeitblom: r_crusoe™ – Posthumane Robinsonade
DLF Kultur, Diana Näcke, Christina Runge, Masha Qrella: Woanders. Ein Hörspiel in Auseinandersetzung mit Texten von Thomas Brasch
HR, Robert Müller: Der zweite Schlaf
MDR, keine Nominierung
NDR, keine Nominierung
RB, keine Nominierung
RBB, keine Nominierung
SR, keine Nominierung
SWR, Björn SC Deigner: Der Großinquisitor
WDR, Boris Nikitin: Versuch über das Sterben
ORF, Hanne Römer und Konrad Behr: ISTZUSTAND .aufzeichnensysteme IM GRÜNEN
SRF, keine Nominierung

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