Hörspiel des Monats April 2018

Karl Marx statt Chemnitz

von Thilo Reffert
Regie: Stefan Kanis
Redaktion: Thomas Fritz
Produktion: MDR
Erstsendung: MDR Kultur, 30.04.2018
Länge: 54:57

Die Begründung der Jury

Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken. Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem Etwas vor sich geht, vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios.

Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis produziert, und Thilo Reffert hat‘s geschrieben. Denn Reffert gelingt es dank einer elegant-doppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion mit „Karl Marx statt Chemnitz“, diese vielfältigen Themen in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen: Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie. Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecancelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen? Um sie doch noch günstig zu stimmen, oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor.

Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei, klagt über langweilige talking heads – „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ – und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“ Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat – von Eberhard Rangwitz‘ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker – noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangenen GegnerInnen. Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen. Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt.

Skandal! Wahnsinn? Geniale Idee, die man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität. „Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt.

Eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises spricht die Jury aus für wittmann/zeitbloms multimediales Projekt „@wonderworld – The Story of Alice and Bob“ (Redaktion: Sabine Küchler; Produktion: DLF/SWR): Eine Reise mit Pop-Appeal in eine durch Algorithmen perfektionierte Soundwelt irgendwo zwischen Philip K. Dick und Ovid, in der Fragen nach früher oder später, dem Unterschied von wahr und falsch, Matrix und Realität keinen Sinn mehr ergeben. Eine hoch-artifizielle Produktion von synthetisch-cooler Sinnlichkeit.

Das Hörspiel wird am Samstag, den 7. Juli 2018 im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Avraamov, Ammer, Einheit: Symphonie der Sirenen
DLF: wittmann/zeitblom: @wonderworld – The Story of Alice and Bob
DLF Kultur, Valère Novarina: 1111 Vögel
HR, Gregor Glogowski: Schaeffer unterwegs
MDR, Thilo Reffer: Karl Marx statt Chemnitz
NDR, Sabine Stein: Zweite Ernte (ARD Radio Tatort)
RB, Helga Bürster: Een Fall vun Leevde
RBB, Regine Ahrem: Der Mieter
SR, keine Nominierung
SWR, Claude Simon: Das Pferd
WDR, Jörg Buttgereit: Summer of hate

 

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