Hörspiel des Jahres 2025 – Verleihung in Leipzig
Am Freitag, den 20. März 2026, um 19:00 Uhr wird im Richard-Wagner-Saal der Kongresshalle am Zoo Leipzig (Pfaffendorfer Straße 31, 04105 Leipzig) das von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (DADK) vergebene „Hörspiel des Jahres“ 2025 – „Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober“ von Sharon Otoo und Dirk Laucke – vorgestellt und geehrt.
Das Hörspiel wird in voller Länge präsentiert. Anschließend sprechen die beiden Preisträger Sharon Otoo und Dirk Laucke gemeinsam mit der Dramaturgin Juliane Schmidt (RBB) sowie den Juroren Laila Stieler und Sebastian Krumbiegel. Die Moderation übernimmt Ingrid Wenzel. Der Eintritt ist frei.
Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober
von Sharon On und Dirk Laucke
Regie: Sharon On und Dirk Laucke
Regieassistenz: Dirk Leyers
Mit Berichten von: Sivan, Hamid Abu Arar, Asaf, Ofek und Raz Liwny, Nivi Ochana,
Adi Miara, Amit Soussana, Eli Sharabi, Yowel Sharvit, eines Sprechers von ZAKA,
Sethuli Nissanka, Ricarda Louk, Natalia Casarotti-Kalfa
Sprecher*innen: Sarah Maria Sander, Ariel Nil Levy, Raschid Daniel Sidgi, Tomer Lev Tov.
Kolja Podkowik, Sebastian Urzendowsky, Richard Barenberg, Jaron Löwenberg, Natascha
Manthe, Natalie Piu Mukherjee, Lilou Smart, Elisabeth Degen, Şiir Eloğlu, Philipp Jacob, Levi
Wessel
Ton: Peter Avar und Katrin Witt
Dramaturgie & Redaktion: Juliane Schmidt
Bei Recherche und Übersetzung halfen: Jaron Löwenberg, Tomer Lev-Tov, Shani Arnheim, Hila
Bitterman
Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) 2025
Länge: 62 Min.
Die Begründung der Jury
Es sind die Details. Die kleinen Momente.
Ich muss pinkeln, sagt Sivan zu ihrem Bruder am Telefon. Geh nicht pinkeln, antwortet er. Ganze viermal schafft Fatma das Glaubensbekenntnis, erinnert sich Hamid. Beim fünften Mal stirbt seine Frau neben ihm auf dem Beifahrersitz. Yowel zieht Mor ihren Pullover an, damit er nicht friert. Obwohl er längst kalt ist, längst tot. Obwohl sie weiß, dass er tot ist, will sie nicht, dass er friert. Das Bewusstsein ist nicht dafür geschaffen, die Realität des Todes anzunehmen. Nicht so. Nach und nach vielleicht. Irgendwann. Vielleicht auch nie. Für Yowel wird Mor immer lebendig sein. Ihr Liebster, gerade einen Monat lang ihr Mann. Erschossen.
Ein Hörspiel kann Tote nicht wieder lebendig werden lassen. Oder doch? In der Fantasie? Sharon On und Dirk Laucke lassen Zeugen des 7. Oktober 2023 berichten über das, was ihnen widerfahren ist. An diesem Tag überfällt die Terrormiliz Hamas vom Gazastreifen aus Israel. Ihr Ziel sind israelische Wohnorte, Städte und Kibbuzim, und das Supernova-Musikfestival. Die Zeugen berichten sachlich, fast karg. Sie schildern Abläufe, Vorgänge. Sivan bleibt im Schutzraum und pinkelt auf einen Kissenbezug, damit sich der Urin nicht überall verteilt. Hamid gräbt eine Grube für Baby Elias, damit es nicht von den Kugeln der Hamas getroffen wird, die über sie hinwegzischen. Yowel drückt ein letztes Mal Mors Hand.
Klug ausgewählt und zusammengestellt sind diese Berichte. In fünf Kapiteln erleben wir diesen Tag aus verschiedenen Perspektiven. Da sind die Bewohner der Kibbuzim, die Besucher des Supernova-Festivals, der arabischer Landwirt, eine Pflegekraft aus Sri Lanka, Polizeibeamte und ein Sprecher der ZAKA, einer ehrenamtlichen Organisation zur Identifizierung von Katastrophenopfern. Die Wucht ihrer Erzählungen steigert sich ins nahezu Unerträgliche.
I‘ve come back from hell. I returned to tell my story, sagt Eli, dessen Familie ermordet wird und der
über ein Jahr und vier Monate in Geiselhaft ist. Mir erschienen diese 55 Tage Geiselhaft wie eine Ewigkeit, sagt Amit, die gekidnappt und von den Entführern vergewaltigt wird. Wir enden bei Natalia, der Köchin, die ihren Sohn verliert: Ich hatte die Wahl, ob ich den Rest meines Lebens im Bett bleibe oder losgehe. Sie legt auf. Als DJane. In Gedenken an ihren Sohn spielt sie am Schluss des Hörspiels sein Lied „Like a Wildflower“. Das ist kein Trost und auch keine billige Hoffnung, aber ein kraftvoller Moment, mit dem uns die Autoren aus diesem Stück entlassen.
Was muss es für eine Arbeit gewesen sein, die Interviews mit den Betroffenen zu führen, sich deren Berichte anzuhören? Auszuwählen? Sich den schlimmen Situationen immer wieder auszusetzen, sich nicht darin zu verlieren und dennoch einen mitfühlenden Blick zu behalten? Sie geben den Opfern, den Misshandelten, Vergewaltigten, Traumatisierten, Verletzten, Toten ihre Stimme und ihre Würde zurück.
Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch Juliane Schmidt, der Redakteurin. Für ihre dramaturgische Leistung. Und für ihren Mut.
Sobald von israelischen Opfern die Rede ist, wird heute in deutschen Medien geradezu reflexhaft auch an die Toten in Gaza erinnert. Als müsse man abwiegeln, einen Ausgleich suchen. Das Hörspiel tut dies nicht. Und das ist wohltuend. Denn so einfach ist es nicht. Was am 7. Oktober 2023 passiert ist, ist nicht einfach nur Krieg. Es gibt Wörter, aber sie bleiben unscharf. Grausam, barbarisch, unmenschlich … Bleiben Wörter. Angesichts dessen. Straße und jubeln. Ein Mann spuckt auf sie. Warum tun Menschen das?
Da lässt es sich leicht aus unserer Entfernung von Zweistaatenlösung reden. Sie werden nicht gehen und wir auch nicht, sagt Natalia. Aber wie soll ein Zusammenleben funktionieren? Verzeihen und vergeben? Wie genau soll das denn möglich sein? Nichts beschönigen, Fragen aufwerfen, nicht sofort eine Antwort parat haben. Genau hinschauen. Nicht anklagen und interpretieren. Einfach zeigen. Das ist so viel. Das ist das Hörspiel des Jahres.
Laila Stieler, Sebastian Krumbiegel
Zum Inhalt: Am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 überfiel die Terrormiliz Hamas den Süden Israels. Ihr Ziel waren jüdische Wohnorte, Städte und Kibbuzim und das Supernova-Musikfestival. Die Hamas beschoss das Gebiet mit Raketen, feuerte auf die Gäste des Festivals, drang in Wohnhäuser und Militärstützpunkte ein, folterte, vergewaltigte und tötete – ihr Ziel waren Juden und Jüdinnen und Israelis gleich welcher Zugehörigkeit. 1200 Menschen starben, 240 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. In fünf Kapiteln erzählen Menschen von dem, was sie an diesem Tag erlebt haben, was sie mitansehen mussten, was ihnen selbst geschah oder ihren Angehörigen. Sie erzählen davon, wie sie nach diesen Erfahrungen von Gewalt, Verlust und Trauer weiterleben.
(Kritik hier)
Das Hörspiel des Monats / des Jahres ist eine Initiative, die gemeinsam mit ARD, DLR, ORF und SRF dieser Kunstform ein eigenes Forum gibt und reihum in Kooperation mit den Sendern seit 1977 durchgeführt wird. Eine von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingesetzte Jury wählt Monat für Monat aus den Ursendungen die nach ihrer Meinung beste Produktion. Aus 12 „Hörspielen des Monats“ wählt dieselbe Jury das „Hörspiel des Jahres“. Das Preisträgerstück war Hörspiel des Monats November 2025.
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