Gegenläufige Bewegungen

Helgard Haug: All right. Good night.

WDR 3, Sonntag, 20.03.2022, 19.04 Uhr – 20.00 Uhr

Lässt sich die Geschichte der Demenz eines Vaters erzählen wie die eines Flugzeugabsturzes? Die Autorin Helgard Haug, ein Drittel des Theaterkollektivs Rimini Protokoll, das für seine semidokumentarischen Stück bekannt ist und für „Karl Marx: Das Kapital, Erster Band“ 2008 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde, versucht es anhand des Verschwindens von Flug MH370 der Malaysia Airlines.

„All right. Good night“ sollen die letzten Worte des Piloten des Flugs MH370 gewesen sein, bevor seine Boeing 777 am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking von den Radarschirmen der Flugsicherung verschwand. „All right. Good night“ heißt auch der zweieinhalbstündige Theaterabend, der dieses Jahr zum Berliner Theatertreffen und den Mülheimer Theatertagen eingeladen ist. Die Autorin Helgard Haug hat ihr Stück über Verschwinden und Verlust nun auch als 54-minütiges Hörspiel inszeniert.

Doch was auf der Theaterbühne der paradoxe Widerspruch von physischer Anwesenheit und Abwesenheit ist, ist im Radio komplizierter zu bewerkstelligen. Denn das Radio, und hier insbesondere das aufgezeichnete Radio, ist nicht dem Prinzip Live verhaftet, sondern ein Medium der Vergegenwärtigung von Abwesenden. Schon zu Beginn der Tonaufzeichnung machten Plattenspielerhersteller damit Werbung, dass man auf ihren Schallplatten die Stimmen längst Dahingegangener hören könne. Und Albert Einstein begrüßte in seiner berühmten Eröffnungsansprache zur Berliner Funkausstellung 1930 die „verehrte(n) An- und Abwesenden“.

Die Kategorie des Abwesenden bekommt eine andere Dimension, wenn es um ein Krankheitsbild geht, bei dem sich der Mensch selbst abhanden kommt, wenn er sein Gedächtnis verliert und nach und nach den Bezug zu sich selbst. Das Krankheitsbild nennt sich Demenz. Im klaren Bewusstsein, dass die Gefahr dieser Erkrankung besteht, hatte sich der Vater im Vorhinein für den Einzug in diese Demenz-WG entschieden, nur um das später von sich zu weisen. Lange will der Vater sich noch nicht das Label „dement“ als Entschuldigung für seine kleinen Aussetzer anheften. Und durch sogenannte Konfabulationen, also Geschichten, die entstehen, wenn aus einem Gehirn mehr abgerufen werden soll, als dort noch vorhanden ist, lässt sich der Zustand noch verdecken.

Helgard Haug, die auch Regie geführt hat, gliedert die Geschichte der Demenz ihres Vaters in acht Jahre. Sie beginnt zu dem Zeitpunkt als das malaiische Flugzeug verschwindet und endet als vor der Eingangstür der Demenz-WG als Zeichen eines Todes eine große weiße Kerze angezündet wird. Die Stimmen von Emma Becker, Evi Filippou, Margot Gödrös und Mia Rainprechter erzählen parallel die Geschichte eines Familienvaters, der Frau und Kinder bei dem Absturz verloren hat und die des dementen Vaters. Als dritte und nicht unwichtigste Ebene kommt dazu die Komposition von Barbara Morgenstern für das vierzehnköpfige Zafraan Ensemble, das musikalisch eine eigene Geschichte erzählt. Auf der Theaterbühne entwickelt das Ensemble in seiner Präsenz natürlich eine andere Kraft als im Hörspiel, in der es nur ein akustisches Element neben den anderen ist.

Helgard Haug versucht die fortschreitende Krankheit als Prozess einer zunehmenden Ungewissheit und eines Verschwindens festzuhalten. Dabei kommt es zu herzzerreißenden Momenten, in denen der Vater um Nachsicht und um Verzeihung bittet, und darum, Kontakt zu halten. Im Hörspiel verlaufen zwei Erzählbewegungen gegenläufig. Während der Weg des Vaters vorwärts ins Verschwinden geht, ist die Suche nach Erklärungen und Abläufen des Flugzeugunglücks rückwärts gerichtet.

Beide sind ähnlich ergebnislos, beziehungsweise führen zu ähnlich steigenden Ungewissheiten. Der Fluchtpunkt allerdings ist derselbe – es ist der Tod von Frau und Kindern, dem sich der Familienvater annähert und der des Vaters, der auf die Tochter unausweichlich zukommt. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, zitiert Haug einen Vers des Theologen Dietrich Bonhoeffer aus dem Jahr 1944 und ergänzt ihn um die Frage: „Ach, wo gehst du hin?“. Es ist ein Ringen um Trost.

Jochen Meißner – KNA, 17.3.2022

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