Form schlägt Inhalt
Als Sicherheitsmann in einem Flüchtlingsheim sind Gültekin Güney die Geister von zwei Kindern erschienen. In ihrem halbdokumentarischen Stück recherchiert seine Tochter dem Phänomen nach und entdeckt Gespenstisches aus der deutschen Geschichte.
Ayla Güney und Jūratė Braginaitė: Babas Geister
DLF, Do, 30.1. bis 27.02.2025, 20.30 bis 21.00 Uhr
Manchmal hat man den Eindruck, dass sich in den Anforderungen an neue Stücke die Form vor den Inhalt schiebt. Auf den Erfolg einer unüberschaubaren Anzahl von True-Crime-Podcasts hat das Kulturradio mit Formaten wie „Kunstverbrechen – True Crime meets Kultur“ (NDR) oder „Tatort Kunst“ (DLF) reagiert. Dem Trend zum Mystery-Genre ist das öffentlich-rechtliche Radio mit zahlreichen Serien („Mia Insomnia“, „Dream Lab“, „Korridore“, „Forever Club“) hinterhergelaufen.
Mit der sechsteiligen Serie „Babas Geister“ von Ayla Güney und Jūratė Braginaitė haben jetzt der Südwestrundfunk (SWR) und Deutschlandfunk Kultur eine hybride Form aus Mystery, dokumentarischem Feature und Familiengeschichte für ihren Sendeplatz „Mikrokosmos“ donnerstags um 20.30 Uhr auf DLF Kultur in Auftrag gegeben.
Jūratė Braginaitė ist zusammen mit Mara May, die auch hier beratend zur Seite stand, 2023 für ihr Porträt von Weimar Nord „Vogel Igel Stachelschwein“ mit den Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet worden. Diesmal recherchiert sie zusammen mit Ayla Güney im Schwarzwald, um herauszufinden, was es mit den Geistererscheinungen von Aylas Vater Gültekin auf sich hat.
Erscheinungen im Flüchtlingsheim
Der Vater, auf Türkisch „Baba“, erzählt gerne Geschichten, unter anderem die, wie er einmal in Dubai eine Frau aus den Fängen ihres Mannes, eines Scheichs, gerettet hat, wofür er eine goldene Rolex und eine Million Euro bekommen sollte. Doch in Wirklichkeit ist er gar nicht der „Süperbaba“ aus der türkischen Kinderserie, die Ayla früher so gerne gesehen hat.
Stattdessen reihte sich ein Job an den anderen. 15 Jahre bei Daimler am Band. Dann der eigene Autoteilehandel, gefolgt von Privatinsolvenz und irgendwann der Tätigkeit als Wachmann in einem Flüchtlingsheim in Sasbachwalden. Dort sind ihm ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge erschienen. Ayla und Jurate fahren in den Schwarzwald und entdecken im nahe gelegenen Achern die „Illenau“, eine ehemalige Heil- und Pflegeanstalt, in der die Nazis im Rahmen der Aktion „T4“ körperlich und geistig behinderte Menschen ermordeten.
Ein Ort mit Vergangenheit
Doch von dort scheinen die Geistererscheinungen nicht zu kommen. Die Spur führt zum Sternen-Wirtshaus auf der Hohritt, in dessen langgestrecktem Anbau, der „die Burg“ genannt wurde, Gültekin untergebracht war. Das Gasthaus war ein beliebter Treffpunkt für die Naziprominenz von Himmler bis Göring, bevor es 1942 niederbrannte. Nach dem Neuaufbau sind dort polnische und Südtiroler Mädchen zur „Arisierung“ interniert worden. Nach Kriegsende ist das Haus kurzzeitig als Erholungsheim für traumatisierte Kinder genutzt worden. Dass dieses „Verschickungsheim“ nach 1945 ausgerechnet von einem strammen Nazi geleitet wurde, einem ehemaligen Reichsfachgruppenleiter des nationalsozialistischen Lehrerbundes für das Anstaltserziehungswesen, ist eine bittere Ironie am Rande.
Von diesem Ort gibt es also genug zu erzählen und die Autorinnen haben ein Jahr lang auch einiges recherchiert. Zum Beispiel über das Ehepaar Paula und Adolf Huber, die das Sternen-Gasthaus in den 1950er Jahren wieder zu einem beliebten Ausflugsort gemacht hatten, wo sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Schah von Persien einkehrten. Doch es ist nie ganz klar, wohin die beiden Autorinnen mit der Fülle ihres Materials eigentlich wollen.
Vollends absurd wird es, wenn die Autorinnen Konrad Stiefvater, der sich selbst „Schwarzwald-Schamane“ nennt, engagieren, um den bösen Schwingungen des Gebäudes auf die Spur zu kommen. Man hat den Eindruck, die Geistergeschichte, die eigentlich nur den Rahmen für die Reportage bilden sollte, überlagert das Stück und dementiert so seinen eigentlichen Gehalt. Dass außerdem zwischendurch immer wieder das nicht ganz unproblematische Verhältnis von Ayla zu ihrem Vater Gültekin thematisiert wird, wäre auch nicht nötig gewesen. So erschöpft sich das Stück letztendlich allzu oft im Raunen. Schade.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 13.02.2025
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