Ein unzuverlässiger Erzähler im Schnittmedium

In der Hörspieladaption von Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ wird das Porträt des Filmregisseur G. W. Pabsts zwischen Kunstanspruch und moralischer Verstrickung hörbar.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel (4-teilige Romanadaption)

DLF, Sa, 11. und 18.04.2026, 20.05 Uhr
DLF Kultur, So. 12. und 19.04.2026, 18.30 Uhr

Der Filmemacher Georg Wilhelm (G. W.) Pabst (1885–1967) kommt noch aus der Stummfilmzeit. Mit Greta Garbo und Asta Nielsen hat er 1925 „Die freudlose Gasse“ und 1929 mit Louise Brooks „Die Büchse der Pandora“ gedreht. Ab 1930 folgten die Tonfilme „Westfront 1918“ und „Die Dreigroschenoper“. 1933 ging er über Frankreich nach Amerika. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs besuchte er seine kranke Mutter in Österreich und saß dann in der „Ostmark“ fest. Daniel Kehlmann hat über Pabst den 480 Seiten langen Roman „Lichtspiel“ geschrieben, der von Film- und Hörspielregisseur Sebastian Stern nun als Vierteiler für Radio und Podcast bearbeitet und inszeniert wurde.

Im Vergleich zu den zeitbasierten Künsten Film und Hörspiel ist die Romanform relativ statisch. Eine Hörspielbearbeitung kann dem Rechnung tragen, indem sie entweder den Buchcharakter der Vorlage ausstellt oder die beiden genetisch einsinnigen Kunstformen Film und Hörspiel gegenüberstellt. Denn als „absoluter“ Stummfilm adressierte dieser primär das Auge, auch wenn er bald nach seiner Entstehung von der Klavierbegleitung über die Kinoorgel bis zum Filmorchester auch das Ohr in den Blick nahm. Stern hat sich für keine der beiden Möglichkeiten entschieden, sondern für eine dritte, die man die theatralische nennen könnte.

Entrückte Zeit

Dialoge und Spielszenen vom Papier auf die akustische Bühne zu versetzen, ist ein naheliegendes Verfahren. Die vom Leopold-Mozart-Quartett eingespielte Komposition von Markus Lehmann-Horn unterstützt den Eindruck einer entrückten Zeit. Dramaturgisch haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das sich in den letzten Jahren in den Feuilletons besonderer Aufmerksamkeit erfreut hat: dem unzuverlässigen Erzähler. Dessen Rolle wird hier von Pabsts Regieassistenten Franz Wilczek (Erwin Leder) übernommen, der sich in einem Interview nach dem Krieg nur undeutlich erinnern kann. Kehlmanns Text, das muss man vielleicht anmerken, ist kein Schlüsselroman, sondern ein fiktives Werk, bei dem nicht die historische Korrektheit, sondern das Thema der Verstrickung im Vordergrund steht.

Pabst, der in den 1930er Jahren in Hollywood gerne mal mit Fritz Lang oder F. W. Murnau verwechselt wird, kann an seine Stummfilmerfolge nicht anknüpfen und geht deswegen zurück nach Frankreich, wo er noch einige Filme dreht, bevor er zurückkehrt und sich im Dritten Reich der unangenehmen Aufmerksamkeit und Wertschätzung der Führungsclique gegenübersieht. In Kehlmanns Roman ist das ein Mitarbeiter des Propagandaministeriums, Kuno Krämer (Fabian Hinrichs), der energisch darauf dringt, dass Pabst doch wieder deutsche Filme machen solle. Die Richtung kannte er schon, seit er 1929 mit Leni Riefenstahl „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ gedreht hatte. In Kehlmanns Text trifft er die Filmdiva bei den Dreharbeiten zu „Tiefland“ wieder, was nicht gut ausgeht. Bibiana Beglau gibt die Riefenstahl angemessen biestig.

Unterwerfung unter die Macht

Thomas Loibl als G. W. Pabst hört man die Dilemmata an, vor die er sich gestellt sieht. Vor jedem Kompromiss, zu dem er gezwungen ist und den er einzugehen bereit ist. In der Begegnung mit NS-Propagandaminister Goebbels kulminiert seine Unterwerfung unter die Macht, die er vor sich selbst im Dienste der Kunst schönzulügen versucht. Für seinen letzten (verschollenen) Film „Der Fall Molander“ greift er bei den Dreharbeiten kurz vor Kriegsende in Prag aus Personalmangel auf Statisten aus einem KZ zurück und versucht, das vor sich zu rechtfertigen: „Keinem einzigen Menschen wurde wegen uns etwas angetan. Niemand wäre besser dran, aber es gäbe den Film nicht.“

Dass Pabst in einem der zwangsverpflichteten Komparsen seinen ehemaligen Kinderarzt wiedererkennt, der ihm implizit Absolution erteilt, ist schon ein bisschen dick aufgetragen. Die verlorenen Filmrollen des „Molander“-Films, werden bei Kehlmann dem Regisseur von seinem Assistenten vorenthalten. Für den Assistenten eine moralische Entscheidung, für Papst sein verschollenes Meisterwerk, hinter dem seine fragwürdige Entstehungsgeschichte verschwindet. Die moralisch-politischen Entscheidungen sind nicht dramatisch zugespitzt, sondern unterschwellig beklemmend in romanhafter Breite erzählt. Insgesamt erweist sich die Hörspieladaption als nicht durchgehend überzeugende Auseinandersetzung mit künstlerischer Verantwortung und moralischen Ambivalenzen.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 16.04.2026

 


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