Die Sprache als Körper
In „Fialas Faust“ führt Oswald Egger in die zersplitterte Wahrnehmungswelt des vergessenen Schriftstellers Oskar Fiala. Stimmen, Sprachbilder und mythische Motive verschmelzen zu einem eindringlichen Hörspiel über eine zerfallende Persönnlichkeit.
Oswald Egger: Fialas Faust
SWR Kultur, Sonntag, 04.10.2026, 23.03 bis 0.00 Uhr
Von dem vergessenen Journalisten und Schriftsteller Oskar Fiala (1893–1948) hat man zum ersten Mal 2024 in der Büchnerpreisrede des Schriftstellers und Hörspielmachers Oswald Egger gehört. Da muss sein 2025 erschienenes Buch „Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung“ schon weit gediehen sein. Mit „Fialas Faust“ legt Egger nun ein 54-minütiges Hörspiel vor, das in der Regie von Iris Drögekamp auf dem ars-acustica-Termin des Südwestrundfunks (Dramaturgie Frank Halbig) läuft, obwohl in dem Stück eigentlich permanent gesprochen wird.
1912 soll der junge Fiala nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie eingewiesen und sein Fall auf der 42. Versammlung der südwestdeutschen Irrenärzte zu Straßburg vorgestellt worden sein. Doch diese Geschichte interessiert Egger in seinem Hörspiel nicht. Vielmehr geht es um die Stimmen, die durch die dissoziative Persönlichkeit Fialas hindurchgehen oder durch die er hindurchgeht. Es sind die Stimmen von Autor Oswald Egger selbst und dem Schauspieler Jens Wawrczeck, die die Texte einer dissoziativen Wahrnehmung sprechen.
„Sie kamen von hinten und herab, glosten ineinander, keulende Bewegungen gegen die Mitbewegung; jetzt sind alle Wellen überglänzt“ – die Rede ist von Wolken, schwarzen, gleißenden, von innen stiebenden, die mit den Wassern an den Ufern der mythischen Insel Leuké verschmelzen – der Insel, wo der Gott, der tot ist, wohnt auf dampfenden Felsen, menschenleer, aber voller von Menschen zurückgelassener Dinge.
Ideen in Lautgestalten
Motive aus der klassischen Antike von Achilles und Helena treffen auf Naturbeobachtungen, die von den Stimmen von Ariane Jessulat, Katarina Rasinski und Steffi Weißmann aus dem Vokalensemble „Die Maulwerker“ hörbar gemacht werden, indem sie Ideophone intonieren – also Ideen in Lautgestalten. Manchmal sind sie onomatopoetisch, oft mit verdoppelten Vokalen oder Konsonantengruppen, die an Vogelstimmen erinnern. Denn bewohnt ist die Insel Leuké nur noch von Vögeln, die über einer postapokalyptischen Landschaft ihre Runden aufs Meer hinaus ziehen.
Das Hörspiel nach Motiven von Oskar Fiala handelt auch von der Selbstwahrnehmung einer Figur, die – in klaren Momenten – sich über sich selbst im Unklaren ist. Oskar Fiala kommt als Sterad Stedvirag mit drei verschiedenen Köpfen vor. In einem studiert er die Vernichtung der Menschheit, während er im zweiten Kopf eine Million Schimpfwörter produziert und im dritten vergiftete Gedanken sammelt. Doch ebenso wie die Motive aus unveröffentlichten Texten von Fiala – im Netz findet sich lediglich ein Artikel im Feuilleton der Leipziger Volkszeitung vom 28. Februar 1933 – bespielt das Hörspiel Motive aus Oswald Eggers vergangenen Werken. So hat der Text mehr mit Büchners „Lenz“ zu tun, den Egger im Hörspiel „Lunz und Lenz“ verarbeitet hat, als mit Goethes „Faust“.
Angstbesetzte Frauenbilder
Es sind angstbesetzte (Frauen-)Bilder, die der postapokalyptischen Landschaft entwachsen: „Ein Baum entpuppte sich als ein bizarres, schwärzliches Weib mit Füßen, die in versponnenes Wurzelwerk ausgingen. Das Haar schlängelte und kräuselte sich in ungestümen Arabesken: „Wie gefalle ich dir? Möchtest du bei mir bleiben? Ich will dich beißen und kratzen und langsam, langsam erwürgen.“ Kurz danach tritt eine Helena auf und hebt ihren Dolch „zum ziellosen Stoß“.
Natürlich ist die Sprache zugleich verrätselt und überdeterminiert. Aber es ist eben nicht nur ein Sound. „Es ist die Erinnerung an ein wirklich stattgefundenes Sprechen mit allen Organempfindungen, die man nach wirklichem und nicht bloß gedachtem oder geträumtem Sprechen in nachklingender Erinnerung zurückbehält“, heißt es im Stück. „Fialas Faust“ porträtiert eine sich vielfach spiegelnde Persönlichkeit, deren innere Zersplitterung man quasi in Echtzeit beobachten kann. Der eigene Körper, den Fiala als Gliederpuppe imaginiert, deren Fäden durchschnitten sind, ist der Sprachkörper, aus dem er besteht.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 01.10.2026
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