Center Shock durchs Herz

In „Adlergestell“ kreuzen Reichsadler, Hakenkreuze und DDR-Erbe die Lebenswege dreier Mädchen, die 1990 eingeschult wurden. Laura Laabs hat ihren Roman selbst als Hörspiel inszeniert und mit einem liebevollen und detailreichen Sounddesign versehen, das die Geschichte bis zu ihrem deprimierenden Ende trägt.

Laura Laabs: Adlergestell

HR 2 Kultur, So, 04.10.2026, 14.00 Uhr

Man könnte meinen, die Protagonisten der Coming-of-Age-Hörspiele, die die Gemeinschaftsredaktion der ARD raushauen, würden auch immer jünger. Wäre die Geschichte, die Laura Laabs in ihrem Roman „Adlergestell“ erzählt, nicht außerhalb der ARD entstanden. Die Erstklässlerinnen Chaline, Lenka und eine namenlose Ich-Erzählerin besuchen im Jahr 1990 wortwörtlich „die erste Klasse nach dem Klassenkampf“. Statt Stiegen von Rotkohl und Rüben im Konsum gibt es jetzt gleißende Plastikboxen mit Süßigkeiten im Supermarkt – unter anderem sauer-verzuckerte „Center Shock“-Kaugummis.

2025 las Laura Laabs, Jahrgang 1985, beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt eine Kurzgeschichtenversion ihres Romans „Adlergestell“, den sie nun selbst als gut 110-minütiges Hörspiel inszeniert hat. Das Sounddesign stammt von Sebastian M. Purfürst. Einen defizitären Einsatz von Rundfunktechnik ist das Letzte, was man ihm vorwerfen kann. Im Gegenteil. Selbst wenn die erzählte Handlung von Kindern der Klasse 5a der Justus-von-Liebig-Grundschule nachgespielt wird, ist das keine Verdopplung, sondern vielmehr eine Anreicherung der sprachlich fein ziselierten Erzählung mit einem Realismus, der manchmal brutal anmutet. Man merkt an der detailreichen und kleinteilig inszenierten Soundspur, dass man das Genre Hörspiel ernst nimmt und liebevoll ausgestaltet.

Vom Holzfällerpfad zur Ausfallstraße

Die Handlungsebenen sind vertrackter angelegt, als man zunächst vermutet. In einer Rückblende erzählt die Ich-Erzählerin (Susanne Wolf) von ihren Erlebnissen mit der fleißigen Lenka (Ronja Rabea Knoblich) und der rebellischen Chaline (Alma Preiß). Erstere wird von ihrem tyrannischen Vater drangsaliert, letztere bricht gerne Mercedes-Sterne ab und kokelt den Kaugummi-Automaten an, um Geld für perfide Scherzanrufe zu erbeuten.

Das alles spielt sich in einer Siedlung in Berlin-Adlerhof ab, durch die eine sechsspurige Ausfallstraße mit dem merkwürdigen Namen „Adlergestell“ führt – ein Paradox, denn ein Gestell bezeichnete im 17. Jahrhundert einen Holzfällerpfad. Das von Adlern gesäumte Gestell wurde vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. als Weg zu seinem Schloss in (Königs) Wusterhausen angelegt. In der Lesart von Laura Laabs war es dessen Frau Sophie Dorothea, die den Soldatenkönig von der Hinrichtung seines Sohnes, dem späteren Friedrich dem Großen, abgehalten hat.

Eine weitere Frauenfigur im Hörspiel ist die 90-jährige Gerda, die drei Systeme, drei Kriege und drei Männer überlebt hatte. Da war erst der Nazi Karl, der drohte, sie zu erschießen, wenn sie ihn nicht heiratete, dann der Friedrich, der sich das Leben nahm, als er bei der Einheitspartei in Ungnade gefallen war, und schließlich der Erwin, der ein schönes Geld und einen Fernseher mit in die Ehe einbrachte.

Verzweigte Erzählstränge

Die Geschichte wird bisweilen etwas grobschlächtig um die Zentralmetapher des Adlers herum erzählt, der als Reichsadler über die brandenburgischen Kiefern streicht, als kompromittierendes Ordenszeichen im Garten vergraben wird oder als Tattoo auf der Brust des Freundes der Ich-Erzählerin in der Gegenwart endet. Die Leerstelle im Kranz zu seinen Krallen verweist auf das Hakenkreuz.

Die Nebengeschichten verweisen zurück auf die Haupterzählung von den drei Mädchen, die 1990 eingeschult wurden, als die Schulbücher plötzlich ungültig geworden waren und als die Nachbarn ihre Häuser noch einmal mit „echtem Geld“ kaufen sollten. Am Rande einer Demonstration gegen die Rückübertragung von Immobilien malt die sechsjährige Ich-Erzählerin ein verstärkendes Symbol auf das Transparent – nicht ahnend, was es bedeutet.

Es ist ein Hakenkreuz, was ihre sozialistische Mutter entsetzt. Am Rande der Demonstration wird sie zusammen mit ihren Freundinnen von einer Fußgängerbrücke aus Steine auf die Autos werfen, die das Adlergestell entlangrasen. Ihrer trifft und ihre Freundin Chaline wird dafür bestraft.

Zufälligkeiten

Dreißig Jahre später wird die emanzipierte Musterschülerin Lenka nach einem Auslandsaufenthalt im Senegal zum Islam konvertieren. Die aufmüpfige Chaline, die Kaugummiautomaten geknackt hat, wird erfolgreiche Influencerin, und die Ich-Erzählerin verliebt sich in Jan, den mit dem verkappten Nazi-Tattoo.

Verbunden werden die verschiedenen Ebenen durch zwei Erzählerinnen: Kathrin Angerer als „Ornithologin“ und Jutta Wachowiak als „Historikerin“, wie man im Abspann erfährt. Folie für das Stück ist die Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ von Anna Seghers, deren Wohnung man in Berlin-Adlerhof besichtigen kann. „Annas Wohnung war nicht weit. Aber in Annas Wohnung war man weit weg“, heißt es im Hörspiel.

Auch diese Erzählung arbeitet mit der komplexen Überblendung von Zeit- und Erzählebenen. In Seghers‘ Erzählung aus dem Jahr 1946 ist die Katastrophe bereits passiert, während sie in Laura Laabs‘ Hörspiel noch auf ihre Figuren wartet. Die Ich-Erzählerin geht auf Demos, auf denen Flaggen mit einem Adler drauf getragen werden: „Es fühlt sich ein bisschen an wie damals, auf der Fußgängerüberführung. Wie ein Prickeln auf der Zunge, wie eine Explosion im Kopf, wie ein Center Shock mitten durchs Herz“, sagt die Ich-Erzählerin. Schon damals interessierten sie die Opfer des Autos, das nach dem Windschutzscheibentreffer in den Gegenverkehr gerast ist, herzlich wenig.

Laura Laabs erzählt von den Zufälligkeiten, die die Lebenswege ihrer Figuren bestimmen, und davon, dass man Deutschland besser von unten als aus der Adlerperspektive erkennt. Keine schönen Aussichten.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 08.10.2026


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.