Zeit, dass sich was dreht

Michèle Rusconis Hörspiel „Rosetta and the Icy Drifter“ ist eine musikalische Reise vom Ursprung des Sonnensystems zum Kometen Tschuri und eine faszinierende Klangreise zwischen Wissenschaft, Kultur und Musik.

Michèle Rusconi: Rosetta and the Icy Drifter

SRF 2 Kultur. 19.09.2026. 20.00 bis 21.00 Uhr

Alles beginnt in einem „avant – ailleurs“ („vorher – anderswo“), als sich eine Druck-Dichte-Schwankung durch das interstellare Medium bewegt und damit den Impuls setzt, unter dem eine Gaswolke unter ihrer eigenen Schwerkraft zusammenfällt, sich verdichtet und unser Sonnensystem bildet. Das 57-minütige SRF-Hörspiel „Rosetta and the Icy Drifter“ der Schweizer Komponistin Michèle Rusconi beginnt zwar nicht mit dem Urknall, aber doch einem weit zurückliegenden Anfang.

Denn eigentlich will sie von der Rosetta-Expedition zum Kometen „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ – kurz „Tschuri“ – erzählen. 2004 startete die Expedition der ESA und zehn Jahre später setzte die Raumsonde Rosetta den Lander Philae auf dem Kometen ab. Doch bevor es im Hörspiel so weit kommt, bekommen wir die Geschichte des Sonnensystems erzählt. Peter von Strombeck liefert die physikalischen Grundlagen im Duktus der Wissenschaftsvermittlung von vor 40 Jahren – angenehm sachlich-engagiert und ohne jeden Storytelling-Quatsch.

Von Ikarus zu den Kometen

Nikola Weisse steuert die kulturelle Dimension bei, von Ikarus bis zu Kometen-Mythen, und der schottische Schauspieler Graham F. Valentine empört sich („Beg your pardon“), wie nur er es kann. Der Leere des interstellaren Mediums mit ein paar Atomen pro Kubikmeter setzt Michèle die ganze Fülle ihrer Komposition entgegen. Wenn die Gaswolke zu einer flachen Scheibe wird, die sich zu drehen und zu erhitzen beginnt, dann dreht auch die Musik richtig auf.

Die Dichte, in der Instrumente und Geräusche geschichtet sind, steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Gegenstand. Wo man im Weltall nichts hören kann, weil das Medium zu dünn und die Frequenzen zu niedrig sind, da geht in der Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre auf der Erde die Post ab.

Da swingen die Planeten, da dröhnt es vom Rundkurs einer Formel-1-Strecke, da kreist alles um alles „Everything revolves as in heaven so on earth“, intoniert die sonore Stimme von Graham F. Valentine. Im Himmel wie auf Erden zirkulieren die Kardinäle um den Papst, um die zirkulieren die Bischöfe, um die die Sekretäre, um die die Stadtschöffen, um die die Handwerker, um die die Dienstleute und um die schließlich zirkulieren die Hunde, die Hühner und die Bettler – in dieser Reihenfolge.

Shakespeare und Bettler

„Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben“, heißt es bei Shakespeare. Und da sind wir endlich bei den Kometen, die im Gegensatz zu den auf ihren elliptischen Bahnen trudelnden Planeten tun, was sie wollen, wenn sie aus dem Asteroidengürtel hinter dem Mars, dem Kuipergürtel jenseits des Neptun oder gar aus der Oortschen Wolke um unser Sonnensystem kommen. Als Unheilsboten verkünden sie eher politische Umwälzungen, Bürgerkriege, Hungersnöte oder Menschenfresserei.

Doch berechenbar sind sie schon, die kurzperiodischen Kometen, die weniger als 200 Jahre für einen Sonnenumlauf brauchen. Der Halleysche Komet schafft ihn im Mittel in 75 Jahren, „Tschuri“ braucht nur sechs Jahre und sieben Monate, verliert bei jeder Sonnenannäherung aber auch erheblich an Masse.

„Rosetta and the Icy Drifter“ ist kein Wissenschaftsfeature, auch wenn man erfährt, dass in „originellen Experimenten“ bewiesen wurde, dass die nachtaktiven Skarabäen sich an der Milchstraße orientieren – die ersten Insekten, bei denen dieser Orientierungssinn nachgewiesen wurde, schreiben schwedische Entomologen. Carl Sagan, Natalie Starkey und Caroline Smith werden zitiert.

Große musikalische Vielfalt

Die mit der Rosetta-Mission befasste Schweizer Astrophysikerin Kathrin Altwegg kommt sogar im O-Ton zu Wort. Ironischerweise ist ihr Schweizerdeutsch für deutsche Ohren am unverständlichsten in einem Hörspiel, in dem zwar vorwiegend Deutsch, aber auch Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen wird. „Rosetta and the Icy Drifter“ entfaltet vielmehr eine so große musikalische Vielfalt, dass man gar nicht weiß, wo man zuerst hinhören soll: auf die Natur- und Tiergeräusche, auf die semantischen Geräusche oder die musikalischen Zitate. Oder auf das gackernde Baby, von dem man nicht weiß, ob es die Menschheit symbolisiert oder doch aus Stanley Kubricks Weltraum-Odyssee „2001“ herkommt.

Michèle Rusconis 14-köpfiges Ensemble kann es in seiner akustischen Schichtung für das Hörspiel locker mit einem Sinfonieorchester aufnehmen. Dabei ist die Klangwelt des Hörspiels immer transparent und thematisch nachvollziehbar. Vom „Vorher – Anderswo“ ist man immer im Hier und Jetzt. Schade eigentlich, dass man einen Planeten, auf dem so etwas Schönes entstehen kann, sehenden Auges zugrunde richtet. Der italienische Schriftsteller Italo Calvino wird in dem Hörspiel mit dem Satz zitiert: „Die Galaxie drehte sich wie ein Omelette in einer heißen Pfanne, selber Bratpfanne und zugleich brutzelndes Ei.“ Es ist alles nur eine Frage der Skala.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 24.09.2026

 


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