Das Unbewusste ist kein Lagerraum
Leon Englers Hörspiel „Die kindischste aller Fragen“ erzählt von Noel, der sich als Psychologe mit der eigenen Familiengeschichte, dem Unbewussten und der Angst vor psychischer Erkrankung auseinandersetzt.
Leon Engler: Die kindischste aller Fragen
WDR 3, Sa,15.08.2026, 19.04 – 20.00 Uhr
Irgendwann wird er doch in der Psychiatrie landen, sagt Noel, Hauptfigur und Erzähler in Leon Englers 60-minütigem Hörspiel „Die kindischste aller Fragen“ – allerdings nicht als Patient, sondern als Psychologe. Das Hörspiel basiert auf Englers Roman „Botanik des Wahnsinns“ und bildet zusammen mit dem Hörspiel „Satellitenbilder deiner Kindheit“ (Kritik hier) das Triptychon einer Familiengeschichte.
Im Vorgängerhörspiel wird die Kindheit der Hauptfigur „umrahmt von der Theologie der Schuld“ bestimmt. Dort geht es um die Beziehung zu seinem Vater, der sich metaphorisch auf dem absteigenden Ast befindet, und auch seine „Strategie der Kiefer“ – ständig auf Nischensuche nach Extremstandorten – kommt irgendwann an ihr elendes Ende.
Die Angst vor dem Abstieg betrifft auch Noel, der im Rahmen seiner Ausbildung zum Psychotherapeuten eine Lehrtherapie absolvieren muss. Acht Wochen lang erzählt er seinem Therapeuten (Heinrich Giskes) seine Geschichte und ist recht unzufrieden mit dem Therapieerfolg. „Ich wollte sie nicht unterbrechen“, sagt der Therapeut nach acht Wochen nächtlicher Sitzungen am Ende des Hörspiels. Damit ist ein erzählerischer Rahmen für Noels Familiengeschichte abgesteckt.
Das Unbewusste ist kein Lagerraum
Seine eigene Geschichte, das heißt sein Jahr als Psychologe in der Psychiatrie, in dem er es hauptsächlich mit Suchtpatienten zu tun hatte, wird als zweiter Erzählstrang in Rückblenden erzählt. Beide Geschichten kreisen um das Unbewusste, das „kein privater Lagerraum“ sei, sondern „zwischen Menschen, in dem, was nicht gesagt wird, zwischen den Zeilen, in der Stille“ entsteht. Außerdem ist das Unbewusste eine mächtige Instanz, die im Fall seiner Mutter „das altbekannte Unglück wiederherstellen will“.
Der Mutter war es gelungen, aus kleinen Verhältnissen aufzusteigen, als sie, ohne studiert zu haben, eine Dissertation für eine Freundin verfasste. Daraufhin macht sie als Journalistin Karriere, fängt an zu trinken, bis sie zwangsgeräumt wird. Dabei werden versehentlich ihre zur Einlagerung vorgesehenen Habseligkeiten vernichtet, und der für die Müllverbrennung vorgesehene Krempel bleibt erhalten. Eine schreckliche Metapher, mit der der Roman „Die Botanik des Wahnsinns“ beginnt und die im Hörspiel nur eine, wenn auch zentrale, Episode ist.
Normal ist ein Zimmermannswinkel
Die Angst Noels, bei seiner familiären Vorbelastung selbst in der Psychiatrie zu landen, ist berechtigt. Die schizophrene Großmutter, „die so viele Symptome hatte, dass man sie mit Diagnosen überschüttete“, starb nach sechs Suizidversuchen dann doch eines natürlichen Todes. Noel rechnet die Wahrscheinlichkeiten für Depressionen, bipolare Störungen, Suchtanfälligkeiten und andere erblich bedingte Defekte aus und wird dafür von seinem Nachbarn (Branko Samarovski) verspottet, der bei ihm eine 168-prozentige Wahrscheinlichkeit für Hypochondrie feststellt.
Außerdem rät er ihm ab, Psychologie zu studieren, weil man da nur lerne, „Hunde zu dressieren, Ratten zu quälen und Statistiken zu berechnen“. Über Menschen erfahre man dabei nichts. Überhaupt bezeichne der aus dem Lateinischen stammende Begriff „normal“ ursprünglich lediglich einen Zimmermannswinkel und erst später sei er für die Bezeichnung des statistischen Durchschnitts verwendet worden.
Schreckliches Leid zu normalem Unglück
Doch das Studium zahlt sich für Noel in dem Moment aus, in dem für ihn in der Suchtklinik Patienten zu Menschen werden und ein Therapieerfolg darin besteht, schreckliches Leid in normales Unglück zu verwandeln. Auch Noels Mutter überlebt den Anschlag ihres eigenen Unbewussten. „Das Erinnerungsvermögen kann nicht von der Vorstellungskraft getrennt werden, sie gehen Hand in Hand. Auf die eine oder andere Weise sind wir alle Erfinder unserer Vergangenheit“, zitiert Noel die Schriftstellerin Siri Hustvedt.
„Die kindischste aller Fragen“ ist nicht ganz so monologisch angelegt wie die „Satellitenbilder deiner Kindheit“. Aber wieder ist es Niklas Draeger als Noel, von dessen Schauspielkunst die Hauptfigur und das ganze Hörspiel lebt, und der wenig tun muss, um seine Figur plastisch zu machen. Denn Autor Leon Engler, Jahrgang 1989, weiß nicht nur, wovon er spricht, sondern ist auch in der Lage, es in Worte zu fassen. Er hat nicht nur Kulturwissenschaften, sondern auch Psychologie studiert und kennt die Ausbildung zum Psychotherapeuten aus eigener Anschauung.
„Wovon wir nicht sprechen können, darüber müssten wir schreiben“, sagt Noel im Hörspiel und fährt fort: „Wer nicht mehr erzählt, verschwindet hinausgeworfen aus dem Haus der Sprache, zwangsgeräumt.“ Und die kindischste aller Fragen, die nach dem Warum, kann zwar gestellt, aber kaum beantwortet werden.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 20.08.2026
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