Symbolischer Klebstoff
In seinem ARD-Radiofeature „Heilige Krieger – Christfluencer und die Neue Rechte“ zeichnet Ralf Homann nach, wie religiöse Influencer, Fundamentalismus und rechte Ideologien im digitalen Raum zusammenwirken.
Ralf Homann: Heilige Krieger – Christfluencer und die Neue Rechte
ARD Radio Feature, ab 07.06.2026 auf den Kulturwellen der ARD
Der Begriff „Christfluencer“ für professionelle Beeinflusser in religiösen Dingen auf Social Media hat es schon zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht. Und wie bei allen professionellen Content-Creatorn (Inhalte-Erstellern) ist ihre Existenz nicht nur auf Gottes Lohn gebaut. Da gibt es angegliederte Online-Shops mit Modeartikeln oder mit „Combat-Rosenkränzen (Soldiers edition, gunmetall)“. In Ralf Homanns ARD-Radiofeature „Heilige Krieger – Christfluencer und die Neue Rechte“, das ab dem 7. Juni auf den Kulturwellen der ARD zu hören sein wird und jetzt schon online auf ARD Sounds steht, erfährt man einiges Merkwürdiges aus einer wachsenden, christlich-fundamentalistischen Szene.
Leonard Jäger, selbsternannter „Ketzer der Neuzeit“, folgen auf YouTube über 580.000 Abonnenten. Er verteilt Datteln und verkauft Hoodies mit dezentem Kreuz über der Brust. Matthias von Gersdorff (56.000 YouTube-Abonnenten) ist erster Vorsitzender der „Deutschen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP), Ableger einer in Brasilien gegründeten rechtskatholischen Bewegung.
Kevin Mis, einer der Leiter des Wuppertaler Vereins „Christkönigtum“ (der mit den militärischen Rosenkränzen und schlappen 6400 YouTube-Abonnenten), und schließlich Johannes Hartl, Gründer des Gebetshauses Augsburg, der in der Philosophie der Aufklärung die Stimme des Teufels hört (140.000 Abonnenten auf YouTube). Das sind jene „heiligen Krieger“, die Ralf Homann als Akteure des Kulturkampfs porträtiert.
Für die Einordnung sorgen Madlen Geidel vom Lehrstuhl für Medienkommunikation, Medienethik und Digitale Theologie der Universität Erlangen, Sebastian Pittl, Leiter der Abteilung Dogmatik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, und Matthias Pöhl von der Nichtregierungsorganisation Fundi-Watch.
Symbolischer Klebstoff
Als „Scharnier“ zwischen den unterschiedlichen fundamentalistischen Strömungen und rechten bis rechtsextremen Strömungen in der Gesellschaft identifiziert Ralf Homann die sogenannte „Pro-Life“-Bewegung der Abtreibungsgegner. Sie lieferte den „symbolic glue“ – jenen symbolischen Klebstoff, auf den sich Antiliberale, Antidemokraten, Autoritäre und Gegenaufklärer einigen können. Homann hat dazu auf einem „Marsch für das Leben“ samt zugehöriger Gegendemonstration in München O-Töne eingeholt.
Dass nebenbei noch antifeministische Ressentiments angesprochen werden, versteht sich fast von selbst. Es ist zu hören, wie eindeutig Geschlechterverhältnisse definiert werden. Im O-Ton klingt das so: „Du hast einen wichtigen Job als Frau und das ist, dir den Mann auszusuchen, der deiner Unterordnung würdig ist.“ Keine weiteren Fragen.
Doch das eigentliche Schlachtfeld des Kulturkampfes ist die Online-Arena, in der die Botschaften an die Plattform-Logiken angepasst sind: schnell, kurz, unterhaltsam und komplexitätsreduziert. Die Logik des Gottesdienstes und der Predigt funktioniere dort nicht, sagt Madlen Geidel. Das tut sie aber in Kirchen der charismatischen Pfingstbewegung, wie beispielsweise der „Hillsong Church“, die auf Massenevents und Popmusik setzt. Lena Schmidt, eine ehemalige Pastorin und Aussteigerin, berichtet von den Rekrutierungsstrategien, die ausdrücklich auf Social Media als Missionstool setzen. Die Zielgruppe besteht, wie bei jeder Sekte, aus Menschen in persönlichen Krisen oder labilen Umständen, die man gut manipulieren kann.
Identitäre Neo-Integralisten
Wie man konservative Botschaften modern inszeniert, nimmt Sebastian Pittl auseinander. Er führt das identitäre Christentum auf die gescheiterte Bewegung des Integralismus aus dem 19. Jahrhundert zurück, die gegen Moderne und Liberalismus und für eine homogene und essenzialistische Gesellschaft plädierte. Der eigenen Identität versichert man sich hier unter anderem durch Ausschlüsse, durch Feindbilder und den Rückzug auf das „Eigene“. Dies kann die Familie, die Nation oder die Ethnie sein. Ethnopluralismus nennt man dieses im Kern rassistische Konzept im Wissenschaftsdiskurs.
Da ist es kaum überraschend, dass in Leonard Jägers „Ketzer-der-Neuzeit“-Podcast der Identitäre Martin Sellner, Alice Weidel (AfD) und Hans-Georg Maaßen (Ex-Verfassungsschutz-Präsident) zu Gast waren.
In ihrem göttlichen Auftrag, der autoritär auch gegen demokratische Entscheidungen durchgesetzt werden soll, haben die Christfluencer mächtige Verbündete. Der Anarchokapitalist Peter Thiel und der zum Katholizismus konvertierte US-Vizepräsident J.D. Vance stehen auf ihrer Seite – beide unterstützten die schon 2018 in den USA gegründete Gebets-App „Hallow“, die in der deutschen Fassung unter anderem mit Texten von Johannes Hartl bestückt ist.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 05.06.2026
siehe auch: Florian Welle: Im Namen der Religion. In epd medien 14.6.2026
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