Leere Landschaft voller Geschichte

In ihrem Hörspiel „Koloniale Arten“ erzählt Maxi Obexer von ausgerotteten Tieren, kolonialer Gewalt und den Ambivalenzen menschlicher Naturbeherrschung – klug, vielschichtig und jenseits einfacher Empörung.

Maxi Obexer: Koloniale Arten

NDR Kultur, Sa, 30.05.2026, 18.04 Uhr

2023 wurde ihr Hörspiel „Mit Tieren gehen“ urgesendet, 2024 erschien ihr Roman „Unter Tieren“ und jetzt gibt es von Maxi Obexer ein neues Tierhörspiel namens „Koloniale Arten“. Die Rahmenhandlung ist einfach. Conny (Jenny Schily), Kuratorin eines Museums für zeitgenössische Kunst, fährt zusammen mit der Autorin Jenny (Inga Busch) in ein Reservat in Mosambik, um Tiere zu sehen, „die einmal nicht in Gefahr sind, von unserer Gattung dezimiert, ausgerottet, gejagt, geschlachtet, verfüttert zu werden. Deren Leben einmal nicht reduziert ist und eingeschränkt auf die Größe des menschlichen Bewusstseins.“

Jenny kann Traktorfahren und hat so auch keine Angst vor Autos, die so groß sind, dass man einen Hocker braucht, um einzusteigen. Außerdem weiß sie, dass man Sandlöchern besser ausweicht, wenn man nicht stecken bleiben und Beute wilder Tiere werden will. Doch es gibt ein Problem: Das Reservat ist leer. Keine Tiere weit und breit, bis auf eine Mamba, die kurz ihren Weg kreuzt. Was Maxi Obexer in ihrem 75-minütigen Hörspiel erzählt, ist eine Geschichte von toten Tieren. Von ausgerotteten Arten, wie dem tasmanischen Tiger, von ausgestopften Tieren, die zu Zehntausenden als „Standpräparate“ auf Sockeln in den Naturkundemuseen stehen – und zu Millionen als Balge in den Schubladen der Magazine lagern.

Enteignete Tote

Sie erzählt von der Großwildjägerin Vivienne von Wattenwyl, die eine Elefantin schießt und sich später mit den Tieren versöhnen will. Doch, „wie kann man sich aussöhnen mit den Tieren, die es nicht mehr gibt? Außer in den Schaukästen“, heißt es im Hörspiel. Und es taucht noch die Malerin Anna Held auf, die es an Kunstfertigkeit mit Dürer aufnehmen konnte und Ende des 19. Jahrhunderts eine Antilope so malte, dass man an der Licht- und Schattenzeichnung sehen konnte, dass sie eine Gefangene porträtierte.

Es sind immer Wechselbeziehungen, die Maxi Obexer schildert. Und es ist das nie widerspruchsfreie Verhältnis von Natur, Aufklärung und Kultur, das die Wahrnehmung steuert. Natürlich sind diese Wechselverhältnisse auch Ausbeutungsverhältnisse. Selbst die Toten werden enteignet. Der Naturforscher Wilhelm von Branca ließ 1909 in „Deutsch-Ostafrika“ (Tansania) ein riesiges Areal umgraben, um noch die kleinsten fossilen Knöchelchen zu extrahieren und daraus das Skelett eines Dinosauriers zusammenzusetzen. Der nach ihm benannte „Brachiosaurus brancai“ misst 13,27 Meter und ist das weltweit größte Dinosaurierskelett. Zum Ruhm des Deutschen Kaiserreichs steht es in der Eingangshalle des Berliner Naturkundemuseums. Innerhalb von vier Jahren wurden 225 Tonnen Knochen nach Deutschland verschifft. Ina und Hans Reck setzen aus Knochen verschiedener Fundorte, verschiedener Erdschichten und -zeitalter einen „Brachiosaurus altithorax“ zusammen, der in Wirklichkeit nie existiert hat. Es ist eine Chimäre, „die dem Geist der Aufklärung verpflichtet ist“, so Obexer, und zugleich das vollendete Werk einer Fantasie.

Fantasiewelt im Museum

Auch im Museum wird also eine Fantasiewelt konstruiert. Aber eine, der sich das Museum bewusst ist. In Maxi Obexers Hörspiel hat das Museum eine Stimme. Es ist die Stimme von Jens Harzer, die ihm eine Präsenz gibt, die ihresgleichen sucht. Seine Geschichte ist ihm peinlich und dennoch ist das Museum ein Ort der Erinnerung an all die Toten, aus denen es besteht und deren Mausoleum es ist. Als Ort der Überlieferung ist das Museum, nicht wegzudenken.

Wenn es aber auch als Ort der fantasievollen Konstruktion von Realität ist, wie kommt man dann dem Realen nahe? Durch die Forschung an – man ahnt es schon – Tieren. Hier kommt Jan (Paul Behren) ins Spiel, der Sohn der Museumskuratorin Conny. Er ist ein Wissenschaftler, der erforscht, wie aus Reizen Erfahrungen werden. Objekt seiner Forschung ist ein Affe, den er Haruki genannt hat – nach seinem Lieblingsschriftsteller Haruki Murakami.
Statt einer Schädelkalotte hat der Affe eine Haube aus Zement, durch die ihm mikrometergenau eine Elektrode ins Gehirn eingesetzt wird. Doch auch hier entwickelt sich ein Wechselverhältnis, in dem Jan und der Affe schließlich die Rollen tauschen: „Mit dem Sichtfenster von Haruki schaut er fortan in die Welt.“ Die Frage nach der Einschränkung durch das menschliche Bewusstsein, die Connys Leitfrage zu Beginn der Expedition in das Reservat war, wird hier auf eine Art beantwortet.

Koloniale Raubzüge

Eine andere Antwort hängt mit der Leere des Reservats zusammen, die die Kolonisatoren durch ihre Ausgrabungen und durch ihre Raubzüge in der Tierwelt hinterlassen haben. Diese Geschichte hat sich nach Maxi Obexer ins Gedächtnis der Tierwelt eingegraben. Das Territorium, das die ehemaligen Kolonisatoren als Reservat für die letzten ihrer Art vorgesehen haben, wird von diesen gemieden. Denn es ist ein ehemaliges Kriegsgebiet, das Schlachtfeld eines 15-jährigen Bürgerkriegs, den kein Tier überlebt hat – im Boden „ein Gestrüpp aus weißen Knochen; Schädel, Gerippe, Gebeine auf allen Ebenen“.

In der Regie von Christine Nagel erzählt Maxi Obexer eine Geschichte des Kolonialismus, die die üblichen Klischees vermeidet und die Ambivalenzen europäischen, aufklärerischen Denkens ausstellt, ohne es vorschnell über Bord zu werfen. Hier findet keine Empörungsbewirtschaftung statt, sondern eine Auseinandersetzung mit Denkfiguren des Kolonialismus, wie man sie in der jüngeren Hörspielgeschichte nur in Edgar Lipkis „Feedback Nigger Radio Reservation“ (WDR 2013) und Paul Plampers „Dienstbare Geister“ (WDR/BR 2017) gehört hat. Im Dialog dieser drei Hörspiele ergibt sich eine Trilogie medialer Weltkonstruktionen, die weit über ihr Thema hinausreichen.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 28.05.2026

 


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.