Der Herren eigner Geist – Der Kölner Kongress 2026
Beim 9. Kölner Kongress des Deutschlandfunks zum Thema „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ trafen Aufklärung auf Romantik, Klimadebatte auf Medienkritik – ein Panorama aktueller Konflikte um Freiheit, Narrative und gesellschaftliche Verantwortung.
9. Kölner Kongress, 27. bis 28. März 2026
Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen – Erzählen in den Medien
Was denn das Motto „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ des Kölner Kongresses mit seinem Untertitel „Erzählen in den Medien“ zu tun habe, fragte sich Jürgen Kaube gegen Ende seiner halbstündigen Eröffnungsrede. Letztendlich war ihm das aber herzlich egal: „Ich habe auch nicht angerufen.“ Denn so eine Kleinigkeit hält einen „FAZ“-Herausgeber natürlich nicht davon ab, im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks ein paar Worte darüber zu verlieren.
Wenn er gewollt hätte, hätte er wissen können, dass sich der Kölner Kongress des Deutschlandfunks seit seiner Gründung 2017 jedes Jahr mit dem „Erzählen in den Medien“ beschäftigt. Kaube redete unter dem Titel „Was ihr den Geist der Zeiten heißt …“ über den gegenwärtigen Streit zwischen Aufklärung und Romantik. Der Geist jemer Zeiten aber: „das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“, setzte Goethe im Faust seine Zeitdiagnostik fort.
In Kaubes Skizze des Verhältnisses der beiden Diskursformationen beschreibt er die Aufklärung als eine Richtung, die sich im Unterschied zur Romantik selbst korrigieren und ihre eigenen Fantasien und Gespenster negieren kan Währenddessen habe die Romantik in Samuel Taylor Coleridges „willing suspension of disbelief“, dem absichtlichen Außerkraftsetzen des Unglaubens (an Batman oder Dracula oder Elfen), mit der Selbstkorrektur so ihre Probleme.
Den Linken einen mitgeben
Was die Gegenwärtigkeit des Gegensatzes von Aufklärung und Romantik betrifft, diskutierte Kaube, indem er den Begriff der Gegenwart selbst thematisierte. Die beginnt, je nach Geschmacksrichtung, 1789, 1945 oder an einem 11. September, einem 24. Februar oder einem 7. Oktober – oder auch vor 2.500 Jahren. Die Gegenwart, als noch nicht erreichte Zukunft oder nicht mehr bestehende Vergangenheit, könne man entweder besorgt oder hoffnungsvoll betrachten. Dabei existierten Aufklärung und Romantik immer parallel. Der gegenwärtig grassierende Begriff des „Narrativs“ scheint Kaube in diesem Zusammenhang einem romantischen Impuls zu folgen. Denn im Narrativ würgen alle Argumente als Elemente von Erzählungen behandelt. Demzufolge sieht Kaube Donald Trump als die Verwirklichung des alten Sponti-Spruchs „Die Phantasie an die Macht“ und das solle man sich nicht wünschen.
Wenn unter dem konservativen Label die Rechten von Trump über Merz bis Milei den Karren mit Ansage und voller Kraft so richtig in den Dreck fahren, dann muss man den Linken noch einen mitgeben. Der Freiraum, der hier verteidigt werden soll, ist der eines Panikraums, der sich am Ende eines geweiteten Meinungskorridors befindet und auf den man zustrebt wie die Maus in Kafkas kleiner Fabel.
Der Panikraum als Heizungskeller
Der Freiraum, den die Juristin Frauke Rostalski in ihrem Gespräch mit dem Kongress-Organisator, dem DLF-Redakteur für Diskurs und Essay Thorsten Jantschek, verteidigte, ist der der persönlichen Freiheit. Frauke Rostalski fragte sich unter dem Titel „Ein bisschen Fliegen ist doch kein Problem“, wie weit die (individuelle) Verantwortung für den Klimawandel geht. Gegen Null, kann man das Ergebnis ihrer Argumentation vorwegnehmen. Warum? Weil der sogenannte „ökologische Fußabdruck“ nur eine Marketingstrategie der Ölkonzerne war, die ihre Verantwortung auf das Individuum abschieben wollte. Sicherlich. Aber vor allem, so die rechtslogische Herleitung von Rostalski, weil die Einschränkung von Freiheitsrechten durch den Staat begründungspflichtig sei, und „zu ungeeigneten beziehungsweise nutzlosen Handlungen kann auf dem Boden der Verfassung keiner verpflichtet werden.“
„Ungeeignet und nutzlos“ ist nach Rostalskis Auffassung das Pariser Übereinkommen von 2015, das völkerrechtlich verbindlich festgelegt hat, den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten. Seitdem sind die CO2-Emissionen und mit ihnen die Temperaturen aber kontinuierlich gestiegen. Laut Rostalski liege das daran, dass es zum einen keinen Sanktionsmechanismus gebe, der Zuwiderhandlungen bestraft und dass zum anderen Trittbrettfahrer Einsparungen der einen durch Steigerungen von anderen überkompensieren.
Solange es also kein effektives globales Gesamtkonzept gäbe, würden nationale Anstrengungen einfach verpuffen und die Bundesrepublik mit ihrem zweiprozentigen Anteil an den globalen Emissionen falle da eh nicht ins Gewicht. Rechtslogisch scheint das bestechend konsistent zu sein, wäre da nicht das Bundesverfassungsgericht, das in seinem Klimabeschluss auch die Freiheitsrechte künftiger Generationen beschädigt sieht, wenn die gegenwärtige ihre konsequent durchsetzt.
Hier biegt Rostalski von ihrer juristischen Argumentationslinie ab und beklagt die Beschämung von SUV-Fahrern und Fleischessern als „Umweltsäue“ und „Klimasünder“. Rostalski kann es gar nicht leiden, wenn ihr jemand moralisch kommt und ihr ein schlechtes Gewissen machen will. Trotzig wehrt sie sich gegen eine „moralische Oberschicht“, was sich auch daran zeigt, dass genau sie ihr Herz für die entdeckt, die sich ihre „luxuriösen Moralvorstellungen“ finanziell nicht leisten können, wenn sie selbst von „Zumutungen“ betroffen werden könnte.
Wenn ihre Gegenwartsbeschreibung irgendetwas mit der Realität zu tun hätte, dann müssten die Grünen in den Umfragen bei 25 Prozent liegen. Da steht aber die AfD, die am liebsten alle vermeintlich die deutsche Landschaft verschandelnden Windräder niederreißen würde. Der Panikraum, in dem sich Frauke Rostalski verschanzt, ist also der Heizungskeller, in dem sie einen negativen Freiheitsbegriff verteidigt, in den man Vibes von Wohlstandsverwahrlosung zu püren meint.
Das Gegenteil von Meinungsfreiheit
Eine andere Art, sich Freiräume zu erschließen und damit dem rechtspopulistischen Zeitgeist Widerstand zu leisten, beschrieb die Intendantin des Kunstmuseums Bonn, Claudia Emmert. Ihre Bestandsaufnahme, die in einer nicht enden wollenden Aufzählung der Maßnahmen der Trump-Regierung in den USA bestand, zeigt, dass Freiheitsräume aktiv eingeschränkt werden. Bücher werden aus Bibliotheken verbannt, kulturelle Institutionen geschlossen, Mitarbeiter eingeschüchtert oder zur Kündigung genötigt und so weiter und so fort.
Das Agieren von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer läuft in eine ähnliche Richtung, und was als Meinungsfreiheit propagiert wird, besagt das genaue Gegenteil. Da sind subversive Strategien nötig, für die Emmert auch eine ganze Reihe Vorbilder aufzählen kann, von Joseph Beuys bis Valie Export, von Pussy Riot bis Christoph Schlingensief. Ein besonderes Augenmerk richtete Emmert auf den Vorwurf des Antisemitismus, der zu vorauseilendem Gehorsam und zu Selbstzensur aus Angst vor orchestrierten Shitstorms führe. Nicht jeder ist so souverän-ironisch wie Martin Kippenberger, der ein Bild „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ benannte.
Verschenkte Sendeminuten
Neben den Vorträgen, die alle in den nächsten Wochen auf dem sonntäglichen Essay-und-Diskurs-Termin um 9.30 Uhr zu hören sein werden, gibt es beim Kölner Kongress in fliegendem Wechsel in einem zweiten Raum praktische Beispiele, wie von der Welt im Medium Radio erzählt wird. Das findet nicht nur in podcastigen Formaten wie der überaus erfolgreichen „Peter Thiel Story“ statt (Kritik hier), der mit der „OpenAI Story“ eine zweite Staffel erhalten wird. Host wird wieder Fritz Espenlaub sein und die beiden Macher Jasmin Körber und Christian Schiffer sind sich der Problematik des „zweiten Albums“ durchaus bewusst.
Ob es 2030 für formatierte Projekte trotz KI noch Autoren brauchen wird, war die Frage, die der Drehbuchautor und Filmdramaturg Oliver Schütte eindeutig mit Ja beantwortete. Da durfte sich das versammelte Publikum kurz gruseln, bevor Beispiele für menschliche Interaktionen mit der Hörerschaft vorgestellt wurden. So zum Beispiel die „Nova-auf-die-Eins“-Initiative des jungen Digitalradio vom Deutschlandradio. Das Durchschnittsalter der Hörer liegt bei 45 Jahren, wie der Redaktionsleiter Audio, Dominik Evers, verriet. Anlässlich der Media-Analyse im Herbst 2025 verschenkte man zehn Sendeminuten an die Hörer, die dann im Gespräch mit den Moderatoren ihre Geschichten erzählen und Anliegen vortragen konnten.
Micha Kranixfeld und Nadja Sühnel vom „Syndikat Gefährliche Liebschaften“ erzählten von ihrer Recherche in Ostdeutschland, aus der ihr dokumentarisches Hörspiel „Wo kommen wir zusammen? Supersong Thüringen“ geworden ist. Filme- und Radiomacherin Lea Schlude erzählt von ihrem Porträt „Stahlarbeiterin“ über die einzige Frau, die im Gelsenkirchener Stahlwerk von Thyssenkrupp arbeitet.
Das interessanteste Projekt kam von Luzia Oppermann und Caspar Weinmann vom Kollektiv „onlinetheater.live“, die sich mit „Hacking the Manosphere“ in die sozialen Netzwerke begeben haben und die besonders auf Tiktok propagierten Männlichkeitsbilder hinterfragt haben. Dazu haben sie die Ästhetik und Rhetorik des Maskulinismus adaptiert, die von Manfluencern wie Andrew Tate zelebriert wird. Statt aber einen Kult der Härte und heroischen Einsamkeit zu feiern, transportieren sie Empathie – eine irritierende Mischung, die aber zu 200.000 Likes und 4.000 Kommentaren innerhalb von drei Monaten geführt hat.
Dabei ging es nicht um eine satirische Überspitzung, sondern um echte Interaktionen mit verunsicherten Jugendlichen, die sich ihres Männerbildes nicht sicher sind. Transparenterweise wurde der Projektcharakter auch aufgedeckt, wenn sich tiefere Interaktionen ergaben, und erstaunlicherweise wurde das akzeptiert. Offensichtlich sind sich die Jugendlichen darüber im Klaren, dass in den sozialen Medien nichts echt ist – so „real“ und „authentisch“ die Inhalte-Ersteller sich auch geben.
Freiheit intertemporal sichern
I
nteraktion mit der Hörerschaft ist auch etwas, was sich der Soziologe Matthias Greffrath, Jahrgang 1945, vom linearen Radio wünscht (Sendung 12.4.26). Sozialisiert mit den Stimmen der 1950er und 60er Jahre, zitierte er den Linkskatholiken Walter Dirks aus den Frankfurter Heften, der den kleinen Mann durch das Radio gebildet sehen wollte, und ging dann in einem wilden Ritt durch die Radiogeschichte bis zum bildungseliten-feindlichen Privatradio der 1980er Jahre und der gegenwärtigen zielgruppenorientierten Marketingstrategien, in der Programm für eine fiktive Lena aus Potsdam gemacht werden soll, die in Berlin wohnt und diese und jene Wünsche hat. Der Begriff der Aufklärung sei hier im militärischen Sinne zu verstehen, so Greffrath, und er sei sich nicht sicher, ob das so gemeint war.
Mit einem Prunkzitat des kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas zog sich Greffrath aus der Affäre. Der Philosoph hatte in einem seiner letzten Texte geschrieben: „In einer schwer vorstellbaren ‚Welt‘ von Fake News, die nicht mehr als solche identifiziert, also von wahren Informationen unterschieden werden könnten, würde kein Kind aufwachsen können, ohne klinische Symptome zu entwickeln. Es ist deshalb keine politische Richtungsentscheidung, sondern ein verfassungsrechtliches Gebot, eine Medienstruktur aufrechtzuerhalten, die den inklusiven Charakter der Öffentlichkeit und einen deliberativen Charakter der öffentlichen Meinungen und Willensbildung ermöglicht.“
Übersetzt heißt das, so Greffrath, dass der Staat die Voraussetzungen freier öffentlicher Kommunikation nicht so gestalten oder vernachlässigen darf, dass künftige Generationen ihre Meinungs- und Pressefreiheit nur noch unter erheblich eingeschränkten Bedingungen ausüben können. Analog zum Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts sei „die Freiheit der öffentlichen Kommunikation intertemporal zu sichern, weil sie eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist“.
Gerahmt wurde der Kongress von zwei Hörspielperformances – dem Livefeature mit Pulikumsbeteiligung „Making of: MENSCHHEIT“ von Philine Velhagen und Felizitas Stilleke, das den Endpunkt des medialen Erzählen in einer Regression in eine matriarchale Steinzeit verortete – un der Aufführung von Fabian Sauls Variationen auf die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss.
Mit Matthias Greffrath, Claus Leggewie und Frauke Rostalski sprachen beim Kölner Kongress 2026 drei Personen, die schon den Kongress des Vorjahres geprägt hatten. Keine gute Entscheidung, weil sie im Gegensatz zum letzten Jahr eine gewisse Lässigkeit in der Durchdringung ihrer Themen an den Tag legten. Es waren die Zwischenräume, in denen der Kölner Kongress seine größte Stärke entfaltete. Dort, wo sich unterschiedliche Diskurse überlappten oder in Opposition zueinander standen, entstanden jene produktiven Spannungen, die neue Perspektiven eröffnen.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst 01.04.2026
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