Die drei Finalisten des 69. Hörspielpreis der Kriegsblinden 2020

Die drei Finalisten des 69. Hörspielpreises der Kriegsblinden sind:

„AUDIO.SPACE.MACHINE“ von wittmann/zeitbom (DLF)

Christian Wittmann & Georg Zeitblom, Bild: Martin Walz.

Christian Wittmann & Georg Zeitblom, Bild: Martin Walz.

Die Jurybegründung:
In besonders geglückten Momenten überschreitet das Hörspiel die Grenzen von Körper, Raum und Zeit. Dann zieht es sein Publikum mithilfe von Musik, Geräuschen, von zwingenden Rhythmen und den Timbres der SchauspielerInnen-Stimmen tief in einen unendlichen Erfahrungsraum. In einen, wo Gedanken, Gefühle und Intellekt nicht durch einen Bildschirm begrenzt werden, von dem sie vielleicht ermüdet abgleiten. Lange bevor die Coronakrise solche Ermüdungserscheinungen durch Rezeptionspsychologen erläutern ließ, haben Wittmann/Zeitblom mit ihrer künstlerischen Forschung zur Bauhaus-Bewegung einen lebendigen Radionerv getroffen. Basierend auf gründlichen Recherchen erzählen sie frei von verklärender Nostalgie den komplexen kulturellen Gründungsmythos der Moderne mit den tiefenwirksamen Mitteln des Hörspiels. In immer neuen Perspektiven besuchen sie den Moment der Weichenstellung für das heutige Verhältnis von Mensch und Maschine; für unsere Position im Öffentlichen, für die Rolle von Urbanistik und Design im Allgemeinen. Sie fügen die Konzepte und Glaubenssätze der Bauhäusler zu Dialogen und postumen Telefonkonferenzen und kleben ihnen auch selbstkritische Erkenntnisse ins Album: „Wer möchte schon Hitler auf einem Freischwinger sehen?“ Diese Frage verweist auf die problematische Nähe totaler Gesellschaftspläne zu nationalsozialistischen Vorstellungen. Neben den Theorien der Konkurrenten Johannes Itten und Walter Gropius führt das komische, als „Bauhausfiction“ eingeführte Videospiel „Gropemon“ in unsere Wirklichkeit. Akustisch wir das Konzeptalbum zusammengehalten, vorangetrieben und getragen von Rhythmus und Komposition, die durchgehend als gleichberechtigte Agenten der Analyse fungieren. Mit Humor und ohne in einer allwissenden Belehrungsperspektive zu erstarren, machen die Künstler konsequent erlebbar, wie viel der hochfliegenden Bauhauskonzeption im Heute zu finden ist.
Audio. Space. Machine“ ist also kein historisches Stück. Es ist brandaktuell: Indem sie den vergangenen Stoff in unsere Zeit fortschreiben, geben Wittmann / Zeitblom uns ein Werkzeug an die Hand, mit dem wir, im Rückblick auf Geschehenes, unsere Zukunftsmöglichkeiten durchdenken können.

„Das Ende von Iflingen“ von Wolfram Lotz (SWR)

Wolfram Lotz. Bild: Carsten Tabel.

Wolfram Lotz. Bild: Carsten Tabel.

Die Jurybegründung:
Apokalyptische Werke der Weltliteratur waren in den letzten Monaten sehr gefragt, denn wenn etwas so Unheimliches wie eine Pandemie um sich greift, wird nach Formen gesucht, um das gewaltig um sich-Greifende zu verstehen. Vorstellungen des Weltuntergangs in übergroßen Gesten scheinen der Menschheit im Moment ihrer existentiellen Bedrohung wenigstens eine Bedeutung zu geben. Umso überraschender ist der Hörspiel-Coup von Wolfram Lotz, der – vor unserer jetzigen Situation produziert – dennoch so gut in die Zeit zu passen scheint. Allerdings setzt das Stück von Anfang an auf eine Bescheidenheit im Ausdruck, die quer zur Tradition des Genres steht, in dem es agiert.

Gewissermaßen geduckt aber mit Mordeifer und großem Selbstbewusstsein schnauft sich Erzengel Michael in die erste Szene. Unter dem Flügel hat er den wichtigen Auftrag, das Nest Iflingen auszulöschen: denn angebrochen ist der letzte Tag des Universums, und seine Aufgabe nimmt der Todesengel sehr ernst. Als sein Gehilfe, Engel Ludwig, verspätet und ein wenig ungeschickt mit der Posaune als nötigem Accessoire herbeischeppert, entsteht ein Misston: Letzterer scheint nicht so recht an die Mission zu glauben. Und auch die Zuhörerin wundert sich darüber, dass der Engel mit Namen Ludwig, doch eigentlich ein Heiliger ist und nicht so ganz in diese Rolle gehört. Und so bewegen sich die beiden durch die gewollte Schieflage dieses Stücks: Der Plot, wie die Engel ihn sich denken, gerät ins Wanken durch den Plot, den sich die Dörfler ausgedacht haben. Keiner ist da, wo er oder sie zum Zeitpunkt ihrer Auslöschung hätte sein sollten: Nicht vor dem Fernseher und nicht beim Abendbrot. Und munter oszilliert dieses Endspiel zum Lustspiel und zurück, während die Himmelsboten mit veraltetem Weltbild weiter und weiter durch den Ort stolpern. Einzig die sprechenden Tiere des Dorfes treffen sie an, das Schwein oder den Mauersegler, und die erzählen in fabelhafter Manier vom Leiden der Kreatur. Aus ihren detailgenauen Auftritten lassen sich Rückschlüsse auf die Menschen von Iflingen ziehen.
Versponnen, märchenhaft und denkwürdig konkret in seiner figurativen akustischen Präsenz taucht Das Ende von Iflingen sein Publikum in eine entrückte Wirklichkeit, die ein völlig überraschendes Ende findet.

„Die Entgiftung des Mannes“ von Holger Böhme (MDR)

Holger Böhme. Bild: MDR/Olaf Parusel.

Holger Böhme. Bild: MDR/Olaf Parusel.

Die Jurybegründung:
Erst dreißig Jahre ist das her? Irgendwie fühlt es sich doch viel länger an. Oder? 1989, im Demo-Sommer vor der Wende, landeten Steffi und Isabel auf der Flucht vor der Volkspolizei in einen Leipziger Brunnen. Die beiden jungen Frauen blieben unentdeckt, fühlten sich auf ewig verbunden durch ihren gelungenen Coup aber ihre und die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Wie in vielen erzählerischen Annäherungen an diese Zeit der deutsch-deutschen Annäherung spielt das Hörstück auch mit persönlichen Erinnerungen der HörerIn an diese Zeit (sofern sie damals dabei war). Aber selten sind die Folgen der verflossenen Zeit wohl so gut ausformuliert und in Dialoge gegossen worden, so witzig in Szenen zusammengedacht und so „liebevoll spöttisch, so schön gesprochen worden“ (eine Jurykollegin) wie in Holger Böhmes Mundart-Komödie. Die Wege der beiden Freundinnen verliefen nach der Brunnenszene sehr unterschiedlich und kreuzen sich nach dreißig Jahren per Zufall wieder. Steffi, auf den ersten Blick ganz passive, brave Ehefrau, gibt bei Isabel, der Indienreisenden und nun scheinbar erfolgreichen Besitzerin einer Werbeagentur, Plakate in Auftrag. Für ihren Mann. „Pegida“-Plakate! Nur die von schönen Szenen belebte alte Verbundenheit hält die Frauen nach dieser Enthüllung zusammen und diese Sympathie bringt sie auf die irrwitzige Idee, den vom Leben enttäuschten Mann zu „entgiften“. Mit sicherem Gespür für Dialekt und Dialoge verfolgt Böhme nun die immer abenteuerlicher sich entwickelnden und verwickelnden Entgiftungsstationen. Er skizziert seine Figuren mit leichter Hand und lässt sie in quirligen Telefonaten, konspirativ mitgelauschten Treffs, in ihrer gesamten verblüffend erfolgreichen, kichernden Intrigen zu wahrer Größe aufleben. All das geschieht mit beachtlichem Verständnis für Gespräche „unter Frauen“ und unter Vermeidung billiger Klischees. So verfolgen wir bis zu seinem überraschenden Ende hin amüsiert und auch nachdenklich ein über das „Boulevard“ weit hinausgehendes radiogenes witziges Bekehrungsstück.

Alle drei Hörspiele sind auf der Website der Film- und Medienstiftung NRW nachhörbar.
Der Gewinner wird am 24. Juni im Rahmen einer Podcastverleihung bekannt gegeben. Ab diesem Jahr gehört der Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) neben der Filmstiftung NRW zu den Ausrichtern des Preises.
Die 15-köpfige Jury unter Vorsitz der Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel hat aus insgesamt 21 Einreichungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Favoriten gewählt.

Die Nominierten

Bayerischer Rundfunk

Das neue Alphabet (zweiteiliges Hörspiel)
von Alexander Kluge
Regie: Karl Bruckmaier Komposition: Jeb Loy Nichols/Antye Greie/Nicholas Desamory
Produktion: BR 2019
Länge: 48’39 (Teil 1) / 52’22 (Teil 2)
Sendung: 01.12.2019 / 08.12.2019
Ante oder der Thunfisch
von Joël László
Regie: Henri Hüster
Produktion: BR 2019 Länge: 68‘46 Sendung: 25.10.2019

Hessischer Rundfunk

Jule, Julika, Julischka
von Frank Witzel
Regie: Leonhard Koppelmann
Produktion: hr 2019
Länge: 84‘20
Sendung: 14.07.2019
Unterland
von Björn SC Deigner
Regie: Björn SC Deigner
Produktion: hr 2019
Länge: 50‘09
Sendung: 18.12.2019

Mitteldeutscher Rundfunk

Die Entgiftung des Mannes. Eine Radiokomödie in zehn Szenen
von Holger Böhme
Regie: Stefan Kanis
Produktion: MDR 2019
Länge: 54‘01
Sendung: 04.11.2019

Norddeutscher Rundfunk

Peace Island
von Rainer Merkel
Regie: Detlef Meissner
Produktion: NDR 2019
Länge: 54′
Sendung: 19.06.2019
Ida
von Katharina Adler
Regie: Iris Drögekamp
Produktion: NDR 2019
Länge: 90
Sendung: 18.09.2019

Radio Bremen

Das letzte Bier war schlecht (ARD Radio Tatort)
von Ben Safier
Regie: Janine Lüttmann
Produktion: RB 2019
Länge: 53‘30
Sendung: 18.11.2019
DREISSIG. Eine Suche nach dem Glück
von Laura-Nadin Naue und Wolfgang Seesko
Regie: Laura-Nadin Naue, Wolfgang Seesko
Produktion: RB 2019
Länge: 53‘30
Sendung: 28.04.2019

Radio Berlin Brandenburg

Oberwasser
von Frank Naumann
Regie: Steffen Moratz
Produktion: rbb 2019
Länge: 43‘14
Sendung: 30.06.2019
Reisewut
von Bettie I. Alfred
Regie: Bettie I. Alfred
Produktion: rbb 2019
Länge: 48‘02
Sendung: 29.09.2019

Saarländischer Rundfunk

Steve Jobs
von Alban Lefranc
Regie: Martin Zylka
Produktion: SR 2019
Länge: 55´42
Sendung: 25.08.2019

Südwestrundfunk

Das Ende von Iflingen
von Wolfram Lotz
Regie: Leonhard Koppelmann
Produktion: SWR 2019
Länge: 68‘09
Sendung: 30.05.2019
Der Zauberer von Ost
von Henning Nass in Zusammenarbeit mit Bernhard Schütz
Regie: Henning Nass
Produktion: Südwestrundfunk 2019
Länge: 59‘22
Sendung: 08.12.2019

Westdeutscher Rundfunk

Guter Rat – Ringen um das Grundgesetz
Aus den Protokollen des Parlamentarischen Rates 1948-49
Produktion: WDR/DLF/BR 2019
Teil 1 – „Berufung auf Gott“
von Georg M. Oswald
Regie: Annette Kurth, Benjamin Quabeck
Länge: 16‘43
Sendung: 22.05.2019
Teil 2 – „Parlament und Volksentscheid“
von Georg M. Oswald
Regie: Annette Kurth, Benjamin Quabeck
Länge: 28‘07
Sendung: 22.05.2019
Teil 3 – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“
von Trézia Mora
Regie: Claudia Johanna Leist
Länge: 27´29
Sendung: 23.05.2019
Teil 4 – „Die Rechte unehelicher Kinder“
von Terézia Mora
Regie: Claudia Johanna Leist
Länge: 27´44
Sendung: 23.05.2019
Teil 5 – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“
von Frank Witzel
Regie: Thomas Leutzbach
Länge: 28´55
Sendung: 24.05.2019
Teil 6 – „Eine Zensur findet nicht statt“
von Frank Witzel
Regie: Thomas Leutzbach
Länge: 27´25
Sendung: 24.05.2019
Teil 7 – „Deutschland in Europa“
von Özlem Özgül Dündar
Regie: Petra Feldhoff, Benjamin Quabeck
Länge: 26´43
Sendung: 25.05.2019
Teil 8 – „Das Wahlrecht“
von Özlem Özgül Dündar
Regie: Petra Feldhoff, Benjamin Quabeck
Länge: 28´19
Sendung: 25.05.2019
Nichts, was uns passiert
von Bettina Wilpert
Regie: Susanne Krings
Produktion: WDR 2019
Länge: 53´56
Sendung: 15.09.2019

Deutschlandfunk / Deutschlandfunk Kultur

AUDIO.SPACE.MACHINE – Ein Bauhaus-Konzeptalbum
von wittmann/zeitblom
Regie: wittmann/zeitblom
Produktion: Dlf/NDR/SWR 2019 in Zusammenarbeit mit der Interactive Media Foundation
Länge: ca. 60‘
Sendung: 12.01.2019
Die Gesänge der Raumfahrer. Ein Fernlehrgang
von Patricia Görg
Regie: Anouschka Trocker
Produktion: DLF Kultur 2019
Länge: 56‘19
Sendung: 17.07.2019

Österreichischer Rundfunk

GEH DICHT DICHTIG! Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl
von Ruth Johanna Benrath
Regie: Christine Nagel
Produktion: ORF/BR 2019
Länge: 42‘00
Sendung: 07.04.2019

Schweizer Radio (SRF)

Rauschunterdrückung. Ein Aufnahmezustand.
von Ulrich Bassenge
Regie: Ulrich Bassenge
Produktion: WDR/SRF 2019
Länge: 53‘26
Sendung: 24.02.2019
Triptychon eines seltsamen Gefühls
von Beatrice Fleischlin
Regie: Reto Ott
Produktion: SRF 2019
Länge: 80‘06
Sendung: 17.11.2019

 

Die Jury des 69. Hörspielpreises der Kriegsblinden
Blinde Juroren: Paul Baumgartner, Joachim Günzel, Hans-Dieter Hain, Dietrich Plückhahn, Siegfried Saerberg, Dörte Severin, Thade Rosenfeldt
Kulturschaffende: Gaby Hartel (Kulturwissenschaftlerin, Vorsitzende der Jury), Thomas Irmer (Freier Journalist, u.a. Theater der Zeit), Eva-Maria Lenz (Freie Journalistin, FAZ, epd), Doris Plöschberger (Suhrkamp Verlag), Diemut Roether (epd medien), Hans-Ulrich Wagner (Universität Hamburg, Hans Bredow-Institut), Isabel Zürcher (Kritikerin, Lektorin und Publizistin), Jenni Zylka (Journalistin, Autorin und Moderatorin)

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