Utopisch-dystopisch plus Comic Relief

Mit gleich drei Hörspielen stellt der WDR die Science-Fiction-Welt von Alice B. Sheldon vor, die unter dem Pseudonym James Tiptree, Jr. mit radikalen Entwürfen zu Geschlecht, Macht und Gewalt verstört und fasziniert.

James Tiptree, Jr.: „Houston, Houston“, „Happiness Is a Warm Spaceship“, „Screwfly Solution“

WDR 1Live: 12., 19. und 26.01.2026, 23.00 bis 0.00 Uhr

Die amerikanische Science-Fiction-Autorin Alice B. Sheldon (1915 bis 1987) ist nicht nur mit vielen Preisen ausgezeichnet worden, nach ihr wurde sogar ein Preis benannt – der „James Tiptree, Jr Award“ – nach ihrem männlichen Pseudonym, unter dem sie die meisten Kurzgeschichten und ihre beiden Romane veröffentlicht hat. Der Preis wurde für Science-Fiction vergeben, die Geschlechterrollen untersucht und erweitert (und inzwischen in „Otherwise Award“ umbenannt. Damit lässt sich das Werk von Tiptree passgenau in das Portfolio der Hörspielabteilung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) einfügen, der sich seit den auf den ARD-Hörspieltagen 2019 verkündeten „Karlsruher Postulaten“ konsequent der Frauenförderung verschrieben hat.

Nachdem Regisseur Martin Heindel bereits 2021 Sheldons/Tiptrees Novelle „Dein haploides Herz“ für den WDR inszeniert hatte, folgen jetzt gleich drei Hörspiele als „Tiptree-Anthologie“. Den Anfang macht „Houston, Houston“, ein Kurzroman aus dem Jahr 1976, in dem eine dreiköpfige Expedition zur Sonne mit ihrem Raumschiff durch ein Zeitloch fällt und erst dreihundert Jahre später wieder auftaucht. Die Welt hat sich da spürbar verändert: Nach einer Epidemie ist die Weltbevölkerung auf zwei Millionen geschrumpft, und das sind, wie sich bald herausstellt, ausschließlich Frauen. Die „Connies“, „Dagmars“, „Janes“, „Judies“, „Julies“ und „Wulagongs“ sind allesamt spezialisierte Klone. Zusätzlich gibt es noch die „Andies“, androgen behandelte Frauen, für Jobs, bei denen man mehr Muskeln braucht.

Zwei der drei überlebenden Männer (Dave gespielt von Patrick Güldenberg und Bud gespielt von Nic Romm) benehmen sich wie Inkarnationen toxischer Männlichkeit. Es liegt offensichtlich an den Genen, konstatiert die von Gertie Honeck gespielte Kommandantin. Die Männer seien nicht einmal zum Klonen geeignet. Auch wenn es der post-androgenen Gesellschaft offensichtlich besser geht als ihrem Vorgänger, ist dies nur die Konsequenz eines biologistischen Vulgärfeminismus. Wer solche Utopien hat, braucht keine Dystopien mehr.

Aliens als Immobilienmakler

Komplementär zu „Houston, Houston“ verhält sich die dritte Erzählung der WDR-Anthologie „Screwfly Solution“ (zu Deutsch etwa „Die Schmeißfliegen-Lösung“, 1977). In dieser Welt kommt es zu massenhaften Femiziden, die auf eine komplette Auslöschung des weiblichen Geschlechts hinauslaufen. In den Meeren kollidieren Schiffe mit ganzen Netzen voller toter Frauen, und vom Flugzeug aus sind die Massengräber des Genozids zu sehen. Die Ursache wird gegen Ende des Hörspiels erklärt. Außerirdische haben entlang der innertropischen Konvergenzzone Pheromone in der Atmosphäre ausgebracht, um den Planeten zu übernehmen. Diese führten zu einer „ansteckenden Hysterie“ unter den Männern. Interessant sind dabei die religiösen Ideologeme, die sich die Männer ausdenken, um die Morde an den Frauen zu rechtfertigen.

Eine Sekte namens „Sons of Adam“ ist dabei führend und rekrutiert in den (von Frauen) „befreiten Zonen“ neue Jünger. Tiptree erzählt parallel die Geschichte eines Insektenforschers (Hans Löw), der Mottenpopulationen mithilfe von Pheromonen auf die gleiche Weise reduziert, nur dass es dazu keinen ideologischen Überbau braucht. Selbst die Einsicht, zu den Infizierten zu gehören, hilft ihm nicht. Er wird seine Tochter (Laura Janik) töten, nachdem er sie zuvor angefleht hat, sich von ihm fernzuhalten.

Interessant sind auch die Ursachen, die diesen „Hexenjagden“ zugeschrieben werden. Sie werden als Symptom psychischen oder ökonomischen Drucks verstanden und somit als rein psychosoziale Phänomene betrachtet. Abhilfe könne geschaffen werden, indem auf sensationslustige Berichterstattung verzichtet, Flüchtlingszentren eingerichtet und qualifizierte Psychologenteams für Rehabilitationsmaßnahmen abgestellt werden, lautet die Botschaft. Gegenwärtig kann man dagegen in den USA beobachten, wie maskierte, bewaffnete und paramilitärisch organisierte Gruppen Jagd auf Menschen machen – gerne auch auf Frauen und Kinder – und wie diese Praxis medial legitimiert wird.

Sieht man von der chemtrail-artigen Ursache und den mal wieder genetisch-ologisch begründeten Angriffspunkten bei der männlichen Bevölkerung ab, dann ist „Screwfly Solution“ eine erschreckend aktuelle Gegenwartsbeschreibung – bis hin zum Witz am Schluss, bei dem ein Außerirdischer, der den männlichen Sektenmitgliedern als Engel erscheint, für eine überlebende Frau eher etwas von einem Immobilienmakler hat.

Wer – wen? oder Integrationsfragen

Als „Comic Relief“ zwischen den beiden utopischen Dystopien steht das Stück „Happiness is a Warm Spaceship“, in dem der xenophobe Admiral Quent seinen Sohn (Fabian Busch) als Ersten Offizier auf ein verranztes Patrouillenschiff versetzt. Dieser Schrotthaufen ist voller „Non-Humans“. Der Captain ist ein Ursinoider aus dem Reich der Bärenartigen, der Navigator ein Lutroider, also eine Art Otter, der Wissenschaftsoffizier eine Riesenechse und der Maschinist eine schlecht gelaunte Fledermaus. Immerhin sind der Funkoffizier und die Logistikoffizierin menschlich.

Bald stellt sich heraus, dass Quent nur eine Spielfigur in einer doppelten Intrige ist. Sein fremdenfeindlicher Vater will, dass die Erfahrungen seines Sohnes die Integration der Menschheit in die interplanetarische Föderationsflotte sabotieren. Andererseits will sich die Föderation nicht von den „Humans“ dominieren lassen. Auf den ersten Blick scheinen beide Interessen identisch zu sein, auf den zweiten Blick handelt es sich um eine verzwickte Paradoxie, bei der der Integrationsbefürworter Quent in eine „Lose-Lose“-Situation gebracht wird. Auf individueller Ebene wird die Integration gelingen, kollektiv braucht die Menschheit wohl noch etwas Zeit.

Science-Fiction-Hörspiele bieten Material für ein geräuschhaftes Sounddesign, das sich einem Realismus verpflichtet fühlt, für den es in der Realität keine Basis gibt. Wie Raumschiffe, Zeitverschiebungen und Kommunikation über Speziesgrenzen klingen, ist nicht festgelegt und bietet so einen Freiraum, den Martin Heindel in allen drei Stücken weidlich ausgenutzt hat. Das darf, gerade im actiongetriebenen mittleren Teil der Tiptree-Anthologie, auch mal auf Kosten der Verständlichkeit gehen. Wenn man nur eines der drei Stücke hören möchte, dann ist „Screwfly Solution“ sicherlich das verstörendste.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 15.01.2026

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