Startup um 1900
Stefan Weber adaptiert Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“ in seinem 55-minütigen Hörspiel als präzise Klanginszenierung über gesellschaftliche Verhältnisse und die Mechanik des ökonomischen Scheiterns zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Robert Walser: Der Gehülfe
SRF 2 Kultur, Sa, 07.202.2206, 20.00 bis 21.00 Uhr
Als der Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878-1956) im Jahr 1903 für ein halbes Jahr bei dem Erfinder Carl Dubler in Stellung ging, holte er sich dort die Inspiration für seinen 1908 erschienenen zweiten Roman „Der Gehülfe“. Dubler, der im Roman Tobler heißt und im Hörspiel von Urs Jucker gespielt wird, erwartet viel von seinem neuen Diener: „Ich brauche einen Kopf hier als Angestellten, keine Maschine […], ich brauche eine Intelligenz.“ Später wird er noch per Zeitungsanzeige einen Kapitalisten suchen, der „zwecks Finanzierung seiner Patente“ brauchen, der sein „gewinnbringendes, absolut risikofreies Unternehmen“ unterstützt. In einer Koproduktion des Schweizer und des Österreichischen Rundfunks hat der Komponist Stefan Weber den Roman als Hörspiel inszeniert.
Konstruiert hat der Herr Ingenieur eine Reklameuhr, die zeitgesteuert Werbung anzeigt, einen Schützenautomaten, der nach Münzeinwurf Munition ausspuckt, eine Tiefbohrmaschine sowie einen zusammenklappbaren Krankenstuhl. Das Portfolio ist also einigermaßen diversifiziert. Nur am Geld mangelt es, denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man seine Ideen noch nicht für dreistellige Millionenbeträge an irgendwelche Risikokapitalinvestoren oder Tech-Oligarchen verkaufen. Es war die Zeit, in der die „Buddenbrooks“ erschienen, eine Pleite noch ehrenrührig war und Schulden von Schuld kamen.
Auch wenn gegenwärtig die „Intelligenz“ in die Maschinen wandert, so gibt es mindestens eine Parallele zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Man bezahlt seine Leute nicht gerne. So bekommt der Gehülfe Joseph Marti, gespielt von Mario Fuchs, von seinem Arbeitgeber zwar Kost und Logis (“In meinem Haus wird tapfer gegessen“), aber statt seines Lohns nur gelegentlich Almosen und ein paar abgetragene Kleidungsstücke. Denn mit Geld kann der Herr Ingenieur nicht so recht umgehen. Sein väterliches Erbe steckt in der Villa „Abendstern“ in Bärenswil und in seinen Erfindungen. Seine Rechnungen kann er aber nicht bezahlen, so dass ihm schließlich sogar der Strom abgestellt wird. Selbst das Porto für die Briefe mit den Zahlungsverweigerungsgründen stellt ein Problem dar. Dafür wird die Villa ausgebaut und repräsentativ gefeiert.
Der wohlgeordnete Marsch der Aussichtslosigkeit
Tobler hat etwas von Bert Brechts Puntila – alles im Schweizer Format in Robert Walsers abgemessener Sprache, die manchmal etwas umständlich wirken mag, aber dafür eine genaue Tonalität für die Geschichte setzt: „Die Aussichtslosigkeit bildet einen wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam, aber stetig vorwärtsbewegt.“ Komponist und Regisseur Stefan Weber findet dafür eine Klangsprache, die eng an den Sounds des Romans bleibt und diese voll ausspielt. Klangvoll werden Zigarrenstumpen angezündet und das mechanische Ticken, Klackern und Ratschen der Zahnräder und Federn des Uhrwerks zeigt offensiv die Unausweichlichkeit der Entwicklung an.
Als dramaturgisches Gegengewicht zur Herr/Knecht-Dialektik zwischen Tobler und Marti sowie zur Mechanik der Ökonomie hat Robert Walser Toblers Frau Frieda, hier gespielt von Sylvie Rohrer, installiert. Zwischen ihr und Marti entwickelt sich eine zarte Beziehung, die nie den Bereich des Schicklichen verlässt. – „An diesem Lachen könnte einer, der sich darauf versteifen wollte, Geographie studieren.“
Als eine Art kommentierender Chor zu diesem mehrschichtigen Beziehungsgeflecht fungieren zwei Bärenswiler, gespielt von Carina Braunschmidt und Gottfried Breitfuss. So funktioniert das 55-minütige Hörspiel erstaunlich gut, weil es eine eigene Form für den Stoff gefunden hat. Stefan Webers Fassung erweist sich als präzise, klanglich fein austarierte Adaption, die Robert Walsers leise Ironie bei aller struktureller Aussichtslosigkeit bewahrt und akustisch vervollständigt.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 05.02.2026
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