Hör!Spiel! in Wien 9.-30.3.2026

Vom 9. bis 30. März 2026 findet immer montags in der Alten Schmiede in der Wiener Schönlaterngasse das Hör!Spiel! statt. Hier das Programm zum Download (PDF).

Liebe Hörerinnen, Sie hören nun etwas, was Sie nie zuvor gehört haben oder hören konnten: Max Müller hat die Lockrufe von Moho nobilis, des Hawaii-Krausschwanz, nach vorhandenen wissenschaftlichen Dokumenten detailliert und naturgetreu rekonstruiert« – so zu hören in Wolfgang Müllers Radio-Séance der ausgestorbenen Vogelarten. Die Ohren zu öffnen für unsere Imaginationen von ›Natur‹, lädt Hör!Spiel! an zwei Abenden ein: mit Martin Leitner, Ralf Wendt, Hanne Römer und Wolfgang Müller (16.3. & 23.3.). Umgang mit Geistern pflegen auch Peter Pessl und Katia Sophia Ditzler in ihren Text-Performances und verweisen auf Reservoirs für Ideologie und Fanatismus (30.3.). Die Hörspielperformance Cyfre des Liquid Penguin Ensembles untersucht eine Leerstelle im Getriebe der Zahlen und Daten, davor widmet sich Bernhard Fetz ungehörten Registern von Ernst Jandls Stimme (9.3.).
Annalena Stabauer (Konzept und Moderation)

09.03.2026 Laut, Luise, Kopf und Zahl

18.30 Uhr: Bernhard Fetz & Frieder von Ammon:
Ernst Jandl, Biografie einer Stimme

Wer Ernst Jandl einmal gehört hat, behält ihn im Ohr. Was macht seine Stimme einprägsam – und: Was prägt eine Stimme? Im Titel Laut und Luise (1966) nannte Jandl den Vornamen seiner Mutter; »Form ist Erfahrung«, befand er 1998. Bernhard Fetz nähert sich über Ernst Jandls Stimme dem Zusammenhang von Biografie und Werkästhetik: »doing biography – im Augenblick der Artikulation von Lauten (…)«. Seine Studie fächert Bereiche wie Lautpoesie und Hörspiel auf und situiert Jandls Stimme im denkbar weiten Bezugsfeld zwischen »Gottes Stimme« und der »heruntergekommenen« Sprache Kurt Cobains.

Bernhard Fetz, *1963 Literaturwissenschaftler, Direktor des Literaturarchivs an der Österreichischen Nationalbibliothek und des Literaturmuseums; Literaturkritiker. Autor von: Ernst Jandl. Biografie einer Stimme. Wallstein Verlag
Frieder von Ammon, *1973; Prof. für Neuere Deutsche Literatur an der LMU München. Fülle des Lauts. Aufführung und Musik in der deutschsprachigen Lyrik seit 1945: Das Werk Ernst Jandls in seinen Kontexten (201).

20.00 Uhr: Liquid Penguin Ensemble: CYFRE – oder: Kopf und Zahl

Hörspielperformance mit Katharina Bihler Text/Stimme/Spielzeug, Stefan Scheib Komposition/Kontrabass/Zither/Elektronik
Dass man mit Zahlen auch dichten kann, zeigt nicht zuletzt die Konkrete Poesie. Das Liquid Penguin Ensemble widmet sich den Zahlen als Wörtern, Figuren, Symbolen. Im Zentrum steht die Null – und die Figur der Ermelinde: »Die Grundrechenart unserer Gesellschaft ist die Division, von Stundenkilometer bis Stundenlohn geht es fast immer um Leistung. Vor wenigen Jahren haben wir alle einen pandemischen Mathekurs in Exponentialrechnung absolviert und mit vereinten Kräften eine Kurve abgeflacht. Wir alle haben enorm viel geleistet. – Ermelinde leistet Gesellschaft. Sie verfügt über alle Zeit der Welt und bläst Kringel aus Pfeifenrauch aus: lauter weiße, fast durchsichtige Nullen.«

Liquid Penguin Ensemble, gegründet 1997 in Saarbrücken von der Autorin, Regisseurin und Performerin Katharina Bihler und dem Komponisten und Bassisten Stefan Scheib; Projekte zwischen Sprache, Musik und Performance in wechselnder Besetzung; Schwerpunkte auf Mehrsprachigkeit, historische Wörterbücher, Interspezies-Kommunikation. 2024 Günter-Eich-Preis für das Hörspiel-Lebenswerk.

16.03.22026 sounds like [naˈtuːɐ]

19.00 Uhr: Martin Leitner & Ralf Wendt im Gespräch über Naturklänge und Tierstimmen

Zuspielungen aus:
Martin Leitner/Bodo Hell/Georg Vogel: Natur Aufnahme – Von Ziegen, Zaunammern und Zikaden
ORF 2022 / Mandelbaum klangbuch 2023
Ralf Wendt: Popopopopopoporzananana, ORF 2025
Live-Performance

Nature Writing, Climate Fiction, Ecological Sound Art – Begriffe, die beispielhaft stehen mögen für die künstlerische Hinwendung zu ›Natur‹. Aber die Dichotomie Natur/Kultur trägt nicht länger und die Spezies Mensch wird im Zuge der Anthropozentrismuskritik als usurpatorische Art unter Arten neu betrachtet. Wie sich einer derart verflüchtigten ›Natur‹ nähern? Hat ein solches Vorhaben wieder nur den Menschen im Blick? Die Soundscapes – ›akustischen Landschaften‹ – von Ralf Wendt und Martin Leitner entstehen mittels Verdichtung und Montage und halten ein Ohr für die zugrunde liegende Technik offen. Natur Aufnahme ist ein poetisch-akustischer Stationengang durch Martin Leitners Klangarchiv. Ralf Wendt lauschte in Sumpflandschaften dem Kleinen Sumpfhuhn (Porzana parva) und nahm mit Stimme und Text den Faden auf.

Martin Leitner, 1964. Tonmeister beim ORF, intensive Beschäftigung mit Bioakustik. Projekte mit Autorinnen und Musiker*innen, mehrfach Zusammenarbeit mit Bodo Hell, u.a. für die Hörstücke Landschaft mit Verstoßung (mit F. Mayröcker, ORF 2014) und Tisenjoch (ORF 2016).
Ralf Wendt, *1963, lebt in Halle/Saale. Radioarbeiten, Texte, Performances, Installationen mit Fokus auf Mensch-Tier-Beziehungen; Projekte (u.a.): Buch der imaginären Wesen (Hörstück nach Texten von J. L. Borges; DLR 1997), Kunst für Tiere (Installation und Performance, 2011), Making Nature (seit 2021).

23.03.2026

19.00 Uhr: Hanne Römer: L U F T stück der Forscherin

ORF 2026. Ursendung: Ö1, 30.03.2026, 21.00 Uhr
Hörproben und Gespräch, Eine Kooperation mit Ö1 – Blaue Stunde

Wolfgang Müller: Séance Vocibus Avium / Islandhörspiele

Bayerischer Rundfunk 2008 bzw. 1996–99
Gespräch und Zuspielungen

Die Dichotomie Natur/Kultur trägt nicht länger und die Spezies Mensch wird als usurpatorische Art unter Arten neu betrachtet. Wie sich einer derart verflüchtigten „Natur“ nähern? Bei Hanne Römer und Wolfgang Müller geht sie als Phantom um: Von Pressluft bis Windstille forscht Hanne Römer im L U F T stück der Wirkung unterschiedlicher akustischer Dichte nach. Mal lässt sie sich von Maschinen in akustische Idyllen fahren, mal reicht sie ihren Hörer*innen Verschnaufpausen dar: »Luft als Tonträger transportiert unterschiedslos, was sich einmischt« (H. Römer). Wolfgang Müllers Arbeiten sind oftmals narrative Interventionen in kulturelle Phantasmen. Beginnend mit seinen Islandhörspielen befasste er sich mehrfach mit der Rekonstruktion von Stimmen ausgestorbener Vogelarten. Ausgangspunkt waren Beschreibungen der Vogellaute durch Naturforscher: Dass diese vor allem um sich selbst kreisen, zeigt ein ausgiebiges Sprachspiel.

Hanne Römer ist mit .aufzeichnensysteme eine Schnittstelle der Künste; Buch und Hörstück, Zeichnung und Aufzeichnung durchdringen einander; zuletzt in Buchform: Datum Peak (2024); 2026 erscheinen das Buch Luft und die .aufzeichnensysteme als Ausstellung im Literaturhaus.
Wolfgang Müller, *1957. Künstler, Autor, Musiker, »Missverständniswissenschaftler«; Teil der Gruppe Die Tödliche Doris; Kunstprojekte, Bücher, Hörspiele zu Island, u.a. Blue Tit. Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch (1997); Das Echo ist der Zwergen Sprache (Hörspiel; 1999). Karl-Sczuka-Preis für Séance Vocibus Avium.

30.03. 2026 Sound als Séance

Peter Pessl: Dieser seltsame Salamander Selbst

Peter Pessl Text, Stimme
Sainkho Namtchylak Stimme
Michael Fischer Ad-hoc-Soundscapes an drei CD-Playern

Katia Sophia Ditzler: Lieder der Dreistigkeit

Katia Sophia Ditzler Text, Stimme, Sounds, Video, Performance

In Peter Pessls Gedichten hält eine nach innen gerichtete, traumverwandte Sprache die Außenwelt auf Distanz und ist doch Resonanzraum für das Zeitgeschehen. Geisterhafte Figuren erheben die Stimme, das Dichter-Ich stimmt ein in ein rituelles, Silben umbildendes Sprechen. Peter Pessls Radioarbeiten erweitern dieses Sprechen um trance-induzierte Lautgesten und Gesang. Erstmals ist Peter Pessl hier in einer Live-Peformance mit Sainkho Namtchylak zu hören.
Katia Sophia Ditzler evoziert eine aus den Fugen geratene Welt: Ein Ich macht seine ungesicherte Existenz zum Freiraum und probiert Haltungen wie Masken an. Jeder Text ist Teil eines von sieben Performance-Videos, in denen die Performerin vor chimärischen Kulissen Alltag, Rituale und archaische Symbolik miteinander konfrontiert.

Peter Pessl, *1963; Autor, Radiokünstler. Zuletzt: Am Bildrand ein oder zwei verwischte Mädchen (Hörstück; ORF 2023); Ah, das Gasthaus der Wilderness! Prosagedichte (2023). Mehrfach Zusammenarbeit mit Michael Fischer.
Sainkho Namtchylak, *1957 in Tuwa (Sibirien); Vokalistin, Performancekünstlerin; Weiterentwicklung der traditionellen Techniken Oberton- und Kehlkopfgesang, seit den 80er Jahren internationale Kollaborationen in den Bereichen Jazz und Experimentalmusik.
Michael Fischer, *1963; Musiker, Instant Composer; Gründung des Vienna Improvisers Orchestra; zahlreiche Projekte mit Autorinnen.
Katia Sophia Ditzler, *1992; arbeitet interdisziplinär zwischen Text, Klang, Video, Performance und digitalen Medien. Zuletzt (u.a.): Metaversum für Auserwählte (Virtual Reality/begehbares Gedicht; 2024); Fliederblüte: Wie man zwischen den Zeilen liest (dokumentarischer Video-Essay, 2025); I Think About the Roman Empire Every Day (Poesiefilm; 2025).


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