Hörspiel des Monats Dezember 2020

Zauderwut

von Bettie I. Alfred

Regie: Bettie I. Alfred
Redaktion: Regine Ahrem
Produktion: Autorenproduktion des Balkonstudios für den RBB
Länge: 51:40
Erstsendung: 18.12.2020, RBB Kultur

Die Begründung der Jury

„Schreiben war die einzige Möglichkeit das ewige Gezaudere zu umgehen. Das Thema der Arbeiten, immer dasselbe in den verschiedensten Variationen: die Wollust der Traurigkeit. Und immer mehr auch (…): das ewige Scheitern, bedingt durch zu langes Zaudern.“

Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist: Ihre Mutter verlässt die Familie, als Lissy noch ein Kind ist, der Vater landet daraufhin in der Psychiatrie, wo er sein Leben lang Labyrinthe malt und sich nicht mehr daran erinnert, dass er eine Tochter hat. Die Auswirkungen ihrer traurigen Kindheit beschreibt die eigenwillige Protagonistin aus Bettie I. Alfreds Hörstück so: „Nun als Erwachsene hatte ich also eine Art die Realität so zu sehen, wie sie war. Gnadenlos. Dies führte dazu, dass ich zauderte. Immerzu zauderte.“ Die einzige Möglichkeit für Lissy, mit ihrer Handlungs- und Entscheidungsunfähigkeit umzugehen, ist die künstlerische Auseinandersetzung.

Mit minimalistischen Mitteln macht das Stück Lissys Zaudern hörbar und legt zugleich den künstlerischen Schaffensprozess einer Hörspielproduktion offen. Lissy rekapituliert, protokolliert und erinnert sich an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, die mit der Gegenwart verschwimmen. Durch stilistische Kniffe wie Loops und Sprachaufnahmen, in denen Lissy laut an Sätzen feilt, die sie anschließend aufschreibt, entfaltet „Zauderwut“ eine wehmütige Komik des Scheiterns. Das Hörspiel verbindet charmant und gekonnt leise Melancholie und schrägen Humor, die durch die markanten Stimmen von Jens Harzer als Lissys Ehemann und Leopold von Verschuer als Vater getragen werden, aber auch durch den besonderen Charme der von der Autorin selbst gesprochenen Teile.

Mit „Zauderwut“ kürt die Jury eine im Heimstudio der Autorin entstandene Arbeit zum Hörspiel des Monats, die sich zum Teil auch augenzwinkernd mit den Standards und Ritualen des Mediums Radio bzw. Hörspiel auseinandersetzt. Stücke wie „Zauderwut“ repräsentieren einen wichtigen Aspekt der großen Vielfalt, die das Medium Hörspiel ausmacht – einen Aspekt, den der RBB mit der Sendung von Bettie I. Alfreds Stück auf hohem künstlerischem Niveau präsentiert.

Lobende Erwähnung:

Für eine weitere Produktion, die uns im Dezember stark beeindruckt hat, möchten wir eine lobende Erwähnung aussprechen: Die vom BR aufwendig produzierte erste deutschsprachige Hörspieladaption von Elena Ferrantes Bestsellers „Meine geniale Freundin“ beeindruckt durch herausragende Sprecher*innen (u.a. Rosalie Thomass als Lenu und Enea Boschen als Lila) und eine große literarische Nähe zu Ferrantes Erfolgsroman. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die gekonnte Inszenierung der Vielschichtigkeit des ersten Bands der Neapolitanische Saga, durch die das Hörspiel dem literarischen Vorbild mehr als gerecht wird.

Das Hörspiel des Monats wird am 6.3.2021 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Nominierungen

BR, Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
DLF, Jan Wagner: Mandeville. Vaudeville
DLF Kultur, Leon Engler: Hummer & Durst
HR, Jane Austen: Mansfield Park
MDR, Wolfgang Hilbig: Alte Abdeckerei
NDR, Georges Simenon: Der Buchhändler von Archangelsk
RB, keine Nominierung
RBB, Bettie I. Alfred: Zauderwut
SR, keine Nominierung
SWR, Albrecht Kunze: Das unsichtbare Dritte
WDR, Frank Spilker: Gattung Art und Unordnung
ORF, Michael Niavarani: Niavarani über Nestroy
SRF, Petr Šourek: Der mechanische Türke

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