Gut Gemeintes und gut Gemachtes – Der Prix Europa 2025
Beim Prix Europa wurden die besten europäischen Radio-, Video- und Onlineproduktionen ausgezeichnet. In der Hörspielkategorie überzeugte eine tschechische Produktion, auch wenn eine moralisch problematische Produktion der BBC gewann.
Als am Freitag im Roten Rathaus in Berlin die 14 Preise des Prix Europa für Video-, Audio- und digitale Medien vergeben wurden, konnte sich eine deutsche Produktion über die Stierkopf-Auszeichnung freuen. In der Kategorie „Video Investigation“ wurde die Dokumentation „Ausgesetzt in der Wüste – Europas tödliche Flüchtlingspolitik“ geehrt, eine Koproduktion von BR, Deutscher Welle, Lighthouse Reports und NDR. Außerdem wurde in der „Best Video Fiction“-Kategorie die Produktion „Ein Tag im September“ über die erste Begegnung des Bundeskanzlers Konrad Adenauer mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle mit einer „Special Commendation“ („besonderen Würdigung“) ausgezeichnet.
Als bestes europäisches Online-Media-Projekt wurde das Digitalformat „Dracula Exposed“ über internationale Betrugsnetzwerke ausgezeichnet, eine Koproduktion des norwegischen Rundfunks NRK mit dem Bayerischen Rundfunk und der französischen Tageszeitung Le Monde. Journalist des Jahres wurde der Bulgare Christo Grozev, der unter anderem den Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek als russischen Agenten enttarnt hatte.
Gut gemacht, aber moralisch problematisch
Aus insgesamt 538 Einreichungen wurden 162 Produktionen für die Wettbewerbe nominiert, in denen die Macher selbst die Jurys bilden. In der Kategorie Audio Fiction waren 23 Produktionen zu hören, die um die Preise für das beste europäische Hörspiel und die beste europäische Hörspielserie konkurrierten. Zum besten Einzelhörspiel wurde die britische BBC-Produktion „Sleaze“ von Joe von Malachowski und Will Close in der Regie von Anne Isger gewählt – ein handwerklich in Figurenzeichnung, Dialogen und Sounddesign makelloses und zugleich moralisch hochproblematisches Stück über das gescheiterte Revival einer Brit-Pop-Band, der in einer Radiosendung Vergewaltigungsvorwürfe gemacht werden.
Hauptfigur ist die Ehefrau eines der Bandmitglieder, die feststellt, dass sie als Fan der Gruppe wohl doch erst 15 und nicht 16 Jahre gewesen ist, als sie ihren zukünftigen Ehemann und Vater ihrer Tochter kennengelernt hat. Als fünfzehn Jahre später die Vorwürfe gegen ein Bandmitglied laut werden, fragt sie sich nicht nur, ob ihr Mann der Täter gewesen sein könnte, sondern imaginiert sich in die Rolle des Opfers. Wenn man weiß, wie flexibel das Gedächtnis ist, und dass Erinnerungen im Prozess der Erinnerns neu- und umgeschrieben werden können, so erweist sich dieses Stück als Bärendienst an der feministischen Forderung, den Opfern zu glauben. Denn die Rollen zwischen Männern und Frauen sind klar verteilt und individuelle Schuld ist nur eine nachgeordnete Kategorie. „Sleaze“ ist gut gemacht, gut gemeint und scheitert dennoch daran, strukturelle Probleme auf individuelle Schicksale herunterzubrechen. Stattdessen erweist sich das Stück unfreiwillig als eines über das Phänomen psychologischer Manipulation.
Der Preis für die beste europäische Hörspielserie ging an ein ähnlich gut gemeintes Format des schwedischen Rundfunks (SR), den Sechsteiler „Der Kinder-Influencer – ein YouTube-Clip pro Tag“ von Karin Andersson (auch Regie) und Astrid Mohlin. Darin geht es um die 12-jährige Cleo, deren Youtube-Karriere buchstäblich mit ihrer Geburt begann und die schon als 5-Jährige mit ihrem Kanal „Cleo backt“ zum Familieneinkommen beiträgt. Doch mit Beginn der Pubertät gerät die Medienstrategie der Eltern ins Wanken: Cleo will nicht mehr backen, sondern Buchtipps geben und auch der Umzug nach Italien steht zur Diskussion.
Die gefährliche Alltäglichkeit des Krieges
Die „besondere Würdigung“ in dieser Kategorie ging an den ukrainischen Zweiteiler „Nicht für den Krieg geboren“ von Anatolii Neiolov in der Regie von Svitlana Svyrydko. Nachdem im letzten Jahr die überragende slowenische Produktion „Schlechte Straßen“ der ukrainischen Dramatikerin Natalija Woroschbyt aufgeführt wurde, erwartete man mit Spannung die Auseinandersetzung mit einem laufenden Krieg.
Im ukrainischen „Radio Kultura“ gibt es in Zusammenarbeit mit den örtlichen Theatern jeden Abend um 21 Uhr ein Hörspiel. Neiolovs Stück erzählt Geschichten aus dem Krieg, die weder Propaganda noch Opfer- oder Heldenerzählungen sind, sondern aus der gefährlichen Alltäglichkeit berichten. Da ist vom notwendigen Putzen der eingeölten Granaten mit Diesel ebenso die Rede, wie von zwei ehemaligen Schulkameraden, die sich auf dem Schlachtfeld zusammenraufen müssen. Das hat anekdotenhaften Humor à la Gogol oder Babel, bekommt aber durch das Wissen, dass der Protagonist inzwischen an der Front um die Freiheit seines Landes kämpft, einen ganz anderen Horizont.
Mit dem Aggressor dieses Krieges beschäftigt sich das tschechische Hörspiel „Mutter Gottes, vertreibe Putin“ von Autor und Regisseur Jiri Adámek Austerlitz, das auf besondere Weise das Gebet des Performance-Kollektivs „Pussy Riot“ am 21. Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale thematisiert. Punk gibt es dort nicht zu hören, sondern kanonhafte Gesänge, die den nur gut 40-sekündigen Auftritt zu einem 50-minütigen Hörspiel erweitern. Der Text des „Punk-Gebetes“ wird auf eigenwillige Weise sprachlich wie inhaltlich ernst genommen. Aus Punk-Akkorden werden Litaneien, aus Beschimpfungen rhythmische Refrains. Und natürlich bekommen auch die beiden Leningrader KGB-Agenten Wladimir Putin und Wladimir Michailowitsch Gundjajew, aus denen später der Präsident Russlands und der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I. geworden sind, ihr Fett weg.
Deutschsprachige Familiengeschichten
Ebenso musikalisch wie die tschechische Produktion verfuhr das vom Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) produzierte jüdisch-queere Rachemusical – so die Gattungsbezeichnung – „Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet“ von Tucké Royale (auch Regie), das in tarantinohafter Brutalität den Feldzug einer galizischen Revuetänzerin in den 1940er-Jahren beschreibt, die Nazis jagt und umbringt, nachdem die ihre Schwester ins KZ gesteckt hatten. Ebenfalls nominiert war „Mutter Vater Land“ von Akin Emanuel Sipal in der Regie von Jakob Roth und Pauline Seiberlich, eine nicht-chronologisch erzählte deutsch-türkische Familiengeschichte zwischen Istanbul und Gelsenkirchen, zwischen Literatur und Leben und zwischen den Generationen.
Eine andere Familiengeschichte erzählt „Die Bagage“ von Martina Helfer in der Regie von Elisabeth Weilenmann, die vom österreichischen Rundfunk (ORF) eingereicht wurde, obwohl bei der Koproduktion der Hessische Rundfunk (HR) die Federführung hatte. Auch hier wird eine autofiktionale Familiengeschichte erzählt – beginnend mit ihren Vorfahren, der von der Dorfbevölkerung abfällig „die Bagage“ genannten Familie, die im Ersten Weltkrieg in bitterer Armut existieren muss. Auch hier wird nicht chronologisch erzählt, wenngleich nicht so sprunghaft wie in „Mutter Vater Land“. „Die Bagage“ ist der erste Teil einer Romantrilogie, deren weitere Teile „Vati“ und „Löwenherz“ ebenfalls von Elisabeth Weilenmann für das Radio inszeniert worden sind.
Künstliche Intelligenzen
Ähnlich dysfunktional ist die Familie in der Schweizer Produktion „Moetteli“ des Berliner Autors Hermann Bohlen in der Regie von Judith Lorenz. Hier zeigen sich die prekären Lebensverhältnisse darin, dass zu Beginn des Stückes der Drucker eingezogen wird, weil die Leasing-Raten nicht bezahlt wurden und sich der Vater von seinen Kindern das Geld für die Lebensmitteleinkäufe leihen muss. Thema des Stückes ist jedoch ein anderes: die Begegnung mit einer Künstlichen Intelligenz Schweizer Prägung namens Moetteli. Inzwischen kann man das Stück als historisches Dokument betrachten, weil die Entwicklung der Chatbots sich so rasant vollzieht, dass bestimmte Komik generierende Fehler schlicht nicht mehr vorkommen.
Auch die zweite Schweizer Nominierung, der italienisch-sprachige Zehnteiler „L‘IA e l‘io. Voci dall‘etere“ („KI bin ich: Stimmen aus dem Äther“), beschäftigte sich mit dem Phänomen, dass Künstliche Intelligenzen selbst zur Sprache kommen – was für die Journalistin Giulia zu absurden Konsequenzen führt. Um sich dem Stress digitaler Gegenwarten zu entziehen, hilft es in der Regel, Urlaub zu machen, wenn man denn nicht nur urlaubsreif, sondern auch urlaubsfähig ist. So ist es in Oliver Sturms satirischem Zehnteiler „Die Erschöpften“ zu hören, der beim Prix Europa leider auch leer ausging – vielleicht auch, weil in diesem Wettbewerb immer nur die erste Folge von Mehrteilern zu hören ist. Was auch für die ebenfalls zehnteilige Serie „Todesangst“ des österreichischen Autors Andreas Jungwirth in der Regie von Judith Lorentz galt, die vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) produziert wurde.
Dem Bedürfnis nach explizit politischen Stücken trug die dokumentarische Produktion des Isländischen Rundfunks (RUV) Rechnung. In Kristin Eiriksdottirs minimalistisch inszeniertem Hörmonolog „Im Dunkeln können sie uns nicht sehen“ erzählt ein Flüchtling aus Gaza von seiner jahrelangen Reise über die Balkanroute nach Island. Hier wurden die menschenfeindlichen Konsequenzen europäischer Abschottungspolitik eindrücklich hörbar. Das Stück galt lange als einer der Favoriten der Jury und korrespondiert in gewisser Weise mit der investigativen Reportage über Europas tödliche Flüchtlingspolitik in der Video-Kategorie.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 16.10.2025
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