Drygalla stört das nicht

Kleine Radioschau. 17. bis 23. August 2012

Zweimal verübten Neonazis im vergangenen Jahr Brandanschläge auf das Anton-Schmaus-Haus der Berliner SPD-Jugend. In der Reportage »Auf der schwarzen Liste – Angriffe von Neonazis auf Berliner Falken« besucht Aglaia Dane das Haus im Süden Neuköllns mit dem Mikro. Die Versicherung hat den Falken gekündigt. Die Polizei will hohe Sicherheitszäune. Über die Lage informiert DKultur heute für Frühaufsteher um 8.20 Uhr und danach im Audio-on-demand-Angebot.

Der eingetragene Verein »Alternatives Wohnen in Rostock« (Awiro) war am Wochenende Ziel eines Brandanschlags, ziemlich genau 20 Jahre nach dem Pogrom in Lichtenhagen. Dem Freien Sender Kombinat aus Hamburg (FSK, 93,0 MhZ) gab ein Awiro-Vertreter am Mittwoch ein Interview. Er hielt fest, »daß es so etwas in den vergangenen Jahren nicht gegeben hat«. 2012 hätten die Nazis nach Schmierereien und Anschlägen mit Buttersäure nun auch wieder bewußt Menschenleben gefährdet. In dem Interview geht es auch um die von Awiro unterstützte Gedenkkundgebung für das NSU-Opfer Mehmet Turgut am 25. Februar. Sie fand im Dorf Toitenwinkel (Mecklenburg-Vorpommern) statt, wo Turgut 2004 ermordet worden war. Die gut 100 Teilnehmer wurden von 20 Nazis mit Knüppeln bedroht, die angesichts ihrer Unterzahl allerdings schnell wieder abzogen. Einer von ihnen war Michael Fischer – Freund der Olympiarudererin Nadja Drygalla, bis Mai Mitglied der NPD und »einer der führenden Köpfe der Nationalen Sozialisten Rostock«. Drygalla stört das nicht. »Es ist meine Entscheidung, zu ihm zu stehen«, meint sie, vorgeblich ohne Gesinnung, und spielt im Schlafzimmer Lebensborn. Man sollte sich neben dem Interview (www.freie-radios.net/50248) vielleicht auch den DLF-Hintergrund »Die Überzeugungstäterin – Beate Zschäpe und die Rolle der Frau in der rechten Szene« von Almuth Knigge anhören. Der lief am Montag und steht bei dradio.de noch ein halbes Jahr zum Download bereit.

Zwei weniger vergleichbare Hörspiel-Ursendungen kommen am Sonntag. hr2 bringt um 14 Uhr das Stück »Otto Mötö«, das Gabi Schaffner aus den Archiven des finnischen Industrial-Techno-Vorreiters Martti Mauri gezaubert hat. Nach dem Hören weiß man, daß es zwar keinen Motorsport, dafür aber wunderbare Motorenmusik gibt. Oder theoretisch: »Der Verdienst (Mauris) liegt in der Demontage jener Begriffswelten, die sich mit dem Mysterium des Verbrennungsmotors verbanden.« Völlig mysteriös bleibt dagegen »Dem Tod auf der Spur« von Thomas Groetz. Ohne Motorenmusik kommt diese halbstündige Quälerei 19.30 Uhr auf DKultur als Popzitatsoße daher. In Schrottgedichten des beuyshörigen »Künstlers« Jürgen Kramer ist Odin supercool, können die Deutschen am edelsten sterben, und Hitler war eigentlich nur Schwarzmagier.

Rafik Will, 17.8.2012 junge Welt

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