„Bei aller Fantasie ist es die Wahrheit“

„Versteckt überleben“ von Andrew Müller und Fabian Grieger erzählt vom jüdischen Widerstand im Nationalsozialismus. Das Feature folgt jenseits einfacher Narrative den widersprüchlichen Lebenswegen von Gad Beck und Zvi Aviram.

Andrew Müller und Fabian Grieger: Versteckt überleben – Geheimer jüdischer Widerstand im Holocaust

DLF, Di, 27.02.2026, 19.15 bis 20.00 Uhr

Eine Frage, die man sich in dokumentarischen Formaten mehr stellen muss als in fiktionalen, ist die, ob, von wo aus und zu welchem Ende man eine Geschichte erzählen will. Genauer gesagt ist es die Frage, welcher narrativer Muster man sich bedienen will – und welche man damit bedient. Die beiden Journalisten Andrew Müller und Fabian Grieger haben für ihr Feature „Versteckt überleben – Geheimer jüdischer Widerstand im Holocaust“ dabei gleich noch ein zusätzliches Problem. Einer ihrer Protagonisten, Gad Beck (1923 bis 2012) war selbst ein begnadeter Erzähler, der seine Geschichten schon mal ausgeschmückte. Seine Zwillingsschwester Margot, die sich später Miriam nennt, sagte in einem Interview: „Bei aller Fantasie ist es die Wahrheit.“

Einer der Ausgangspunkte für die Geschichte ist die Küche einer Hausgemeinschaft im Berliner Wedding, in der der Autor Andrew Müller wohnt, der auch durch das Feature führt. Zwischen 1943 und 1945 war dort das geheime Hauptquartier der jüdisch-zionistischen Widerstandsorganisation „Chug Chaluzi“ (Kreis der Pioniere). Unterstützt vom späteren Staatsgründer David Ben-Gurion und alimentiert mit Geld aus der Schweiz konnten Juden, die den Razzien der sogenannten „Fabrikaktion“ vom 7. Februar 1943 entkommen waren, sich mit Hilfe der Chug Chaluzi verstecken.

Gad Beck und Heinz Abrahamsohn (1927 bis 2020), der sich später Zvi Aviram nannte, wurden später verhaftet, konnten aber in der Silvesternacht 1943/44 aus der Gestapo-Haft fliehen. Zvi Avirams Erzählung von dieser Flucht im O-Ton bildet den Auftakt des Features. Mit wenig originellen Streichern unterlegt (Regie: Anna Panknin), erwartet man ein übliches, anlassgemäßes Erinnerungsfeature – und wird im Laufe der Sendung angenehm enttäuscht.

Traumatisierende Erfahrungen und sarkastische Bemerkungen

Aus den archivierten O-Tönen von Zvi Aviram und Gad Beck seit den 1990er Jahren erfahren wir von einer Lebenswelt, die nicht den Erwartungen an das Genre entspricht. Natürlich kommen die traumatisierenden Niedrigkeiten der Diskriminierung jüdischer Schüler durch Mitschüler und Lehrerschaft zur Sprache.
Aber wir hören auch, wie der schwule Gad Beck von seinen sexuellen Eroberungen berichtet, während um ihn herum der Schrecken regiert. Da gibt es sarkastische Bemerkungen zu den Novemberpogromen 1938, und auch die Kollaboration jüdischer sogenannter „Greifer“ mit den Nazis wird nicht ausgespart. Ebenso wird von der Ausnutzung der Hilfsbedürftigen berichtet. Die Geschichte könnte mit dem 22. April 1945 enden, als ein Gestapo-Scherge Zvi und Gad nach ihrer zweiten Verhaftung aus unklaren Motiven entgegen der Anordnung nicht erschießt, sondern sie ordentlich aus der Haft entlässt.

Im letzten Viertel des 61-minütigen Features, das für die lineare Ausstrahlung auf dem dienstäglichen Feature-Sendeplatz des Deutschlandfunks auf 44 Minuten gekürzt wurde, erfährt man aus bisher unveröffentlichten Interviews von den Nachkriegsaktivitäten von Zvi und Gad. Von München aus haben sie bei der „Jewish Agency“ die teilweise illegale Emigration von „Displaced Persons“ nach Palästina organisiert und sind dann noch kurz vor der Ausrufung des Staates Israel mit gefälschten Papieren nach Palästina gegangen.

„Zionismus ist nichts Heiliges“

Bei der Musterung für das israelische Militär wurde bei Zvi Tuberkulose diagnostiziert, sein Freund Gad wurde an seiner Stelle eingezogen. Die Landnahme und Vertreibung der Araber durch zionistische Milizen sah der überzeugte Zionist Gad Beck Jahrzehnte später kritisch: „Der Zionismus hatte etwas Faschistoides, das muss ich heute sagen. […] Zionismus ist nichts Heiliges. Zionismus musste aus dem Überwinden einer verlorenen Vergangenheit so viel Kraft ziehen, dass er diese verlorene Vergangenheit siegreich überstehen kann – mit Kampf.“

1979 ist Gad nach Deutschland zurückgekehrt und leitete die jüdische Volkshochschule. Zvi blieb in Israel und wurde Tischler. Das Feature endet wieder in der Weddinger Küche, in der es begonnen hatte, mit einer von Zvis Töchtern und seiner Enkelin. Die Geschichte setzt sich fort, und die Frage nach enthumanisierender Gewalt stellt sich gegenwärtig wieder mit neuer Dringlichkeit. Die Widersprüchlichkeit der Lebenswege von Gad und Zvi entzieht sich der Vereinnahmung durch simplifizierende Narrative, und erfreulicherweise bleibt auch in „Versteckt überleben“ die Rahmung durch den Autor und Presenter Andrew Müller das, was sie sein sollte: ein erzählerischer Rahmen und kein Framing.

Jochen Meißner, KNA Mediendienst, 29.01.2026


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.