Wer ist das Volk?
Ein O-Ton-Hörspiel ohne O-Töne: „Wir sind das Volk“ versammelt Lebensgeschichten aus Thüringen zu einem vielstimmigen Porträt der Gesellschaft. Luise Voigt und Eva Bormann setzen den Polarisierungsparolen eine menschenfreundliche Bestandsaufnahme entgegen.
Luise Voigt, Eva Bormann: Wir sind das Volk – Weimarer Lebensgeschichten
DLF Kultur, Mi, 07. bis 28.10.2026, 22.05 bis 23.00 Uhr
Eigentlich hat man nach den ersten Minuten des Hörspiels „Wir sind das Volk – Weimarer Lebensgeschichten“ von Luise Voigt und Eva Bormann schon keine Lust mehr. Da wird zum Gestampfe von Kirmestechno aggressiv geschrien: „Wahrheit – sag mir die Wahrheit!“ Dazu gibt es ressentimentgeladene Aussagen über die Corona-Pandemie und Geraune über Überfremdung und ein Links-rechts-Hufeisen. „Selbst wenn die AfD in Thüringen stärkste Kraft würde und den MP stellen würde, also Höcke. Ne, das ist so absurd, dann denke ich mir ok, let‘s do it, weil dieser Typ ist auch nicht Gott.“ Will man das wirklich vier Folgen und dreieinhalb Stunden lang weiterhören? Eher nicht. Aber das wäre vorschnell.
Dramaturgin Eva Bormann und Regisseurin Luise Voigt haben zwischen Dezember 2023 und Januar 2025 fünfzig Interviews geführt und zu einem Theaterabend am Deutschen Nationaltheater Weimar kombiniert. Die Aussagen der zwischen 1929 und 2008 geborenen Interviewpartner wurden wort- und intonationsgenau von Schauspielern nachgesprochen. Es ist sozusagen ein O-Ton-Hörspiel ohne O-Töne geworden – ein Paradox.
Die einzigen Statements, die als „authentische“ O-Töne durchgehen, sind die Aussagen der Schauspieler (Calvin-Noel Auer, Katharina Hackhausen, Fabian Hagen, Roxana Safarabadi, Nahuel Häfliger, Bastian Heidenreich, Marcus Horn, Annelie Korn, Nadja Robiné, Janus Torp, Dascha Trautwein), die ihre realen Vorbilder spielen und von den Aufführungen berichten. Außerdem reflektieren sie die Verantwortung, die sie nicht nur gegenüber den Texten, sondern auch gegenüber den dahinterstehenden realen Personen tragen. Dialekte und Akzente kommen kaum vor, falsch gesetzte Pausen und Hesitationsvokalisationen (also „Ähs“ und „Ähms“) schon.
Differenziertes Bild der Gegenwart
Den Teaser-Statements wird man im Verlauf des Stückes wiederbegegnen, aber es sind hier keine vorweggenommenen Pointen, die sonst oft dazu verleiten, das Intro zu überspringen. Die Einordnung erfolgt über die Technobeats, denen man in den Folgen glücklicherweise nicht wiederbegegnen wird. Stattdessen hört man Lebensgeschichten, Weltsichten und Einschätzungen der gegenwärtigen Lage auf einem gedämpften Musikbett.
Alle Protagonisten werden mit vollständigen Namen und Alter vorgestellt, von einer 94-jährigen ehemaligen Tänzerin am Weimarer Nationaltheater bis zu einer 20-jährigen, in Afghanistan geborenen Aktivistin. Zu Wort kommen außerdem eine 86-jährige ehemalige Kinderärztin, eine 56-jährige Obdachlose und ein 74-jähriger Meister des Flexographenhandwerks (ein Stempelmacher). Auch zwei ehemalige Thüringer Ministerpräsidenten sind kurz (nachgesprochen) zu hören: Bodo Ramelow (Die Linke) und Thomas Kemmerich (FDP). Der eine war zehn Jahre lang im Amt, der andere gerade mal vier Wochen. Dadurch ergibt sich ein sehr differenziertes Bild unserer Gegenwart zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in Thüringen.
Relativitätstheorie für Thüringer
Den Befragten wurde ein Kurztext des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès vorgelesen (“Wenn die Erde wirklich rund ist …“), der die unterschiedlichen Geschwindigkeiten thematisiert, mit denen sich der Mensch auf der Erde bewegt, die Erde sich um sich selbst und um die Sonne dreht. Wenn man hochspringt und sich nur zwei Sekunden in der Luft hält, müsste man sich 1400 Kilometer weiter im Weltraum befinden: „Die Erde würde sich mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit von mir entfernen. Sie ist mir entwischt, ich bin ihr entwischt.“
Als literarische Metapher mag das funktionieren, naturwissenschaftlich funktioniert das natürlich nur, wenn man die Trägheit außer Acht lässt und eine Sprungkraft hat, die einen mit einer Geschwindigkeit von 11,2 Kilometern pro Sekunde in die Luft katapultiert, denn so hoch ist die Fluchtgeschwindigkeit, mit der man der Gravitation der Erde entkommt. Dankenswerterweise wird Koltès‘ Bild im Hörspiel mehrfach dekonstruiert.
Die Anmaßung der AfD
„Wir sind das Volk“ ist ein extrem menschenfreundliches Projekt, das dicht an seinen Figuren alltägliche Geschichten erzählt und auf die menschenfeindlichen Versatzstücke, Formeln und Stanzen der öffentlichen Kommunikation verzichtet. Dass diese dennoch als Grundrauschen oder Geraune vorkommen, ist nicht zu vermeiden. Seine Stärke liegt auch darin, an den emanzipatorischen Charakter des Schlachtrufs „Wir sind das Volk“ anzuknüpfen, der sich 1989 gegen die DDR-Führung richtete, die sich anmaßte, für das Volk zu sprechen, was sich gegenwärtig auch die AfD anmaßt.
Gut ein Jahr nach der Premiere des Stücks in Weimar hat im Nachbarland Thüringens, in Sachsen-Anhalt, die AfD bei den Landtagswahlen nur knapp die absolute Mehrheit verfehlt. Da ist etwas ins Rutschen gekommen, was auf etwas verweist, was im Hörspiel nicht vorkommt. Es sind die strukturellen Bedingungen von Öffentlichkeit und medialer Repräsentation der Zivilgesellschaft. Im Theater in Weimar hat sich die Gesellschaft wiedererkannt und den Polarisierungsunternehmern eine Absage erteilt. Warum sollte das im Radio anders sein?
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 13.10.2026
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