Rot sehen

David Lindemanns Hörspiel „Wie erwartet freundlich“ führt ins wohltemperierte Fegefeuer zwischen Komödie, Kammerspiel und Zombie-Apokalypse. Eine irritierend unterhaltsame Gesellschaftssatire über Kontrollverlust.

David Lindemann: Wie erwartet freundlich

DLF, Di, 25.08.2026, 20.05 Uhr
DLF Kultur, Mi. 26.08.2026, 22.05 Uhr

Wenn das Frühstück am Drive-In-Schalter mit einem Burger-Breakfast „Purgatory“ beginnt, dann kann man sich in David Lindemanns 53-minütigem Hörspiel „Wie erwartet freundlich“ auf ein wohltemperiertes Fegefeuer gefasst machen. Josefine Geißlein, Projektmanagerin eines zu errichtenden Einkaufszentrums, vertreibt sich die Fahrzeit zur Großbaustelle mit einer Motivationskassette (“Vertriebserfolge verbessern durch Hypnose“).

Josefine, genannt Fine, ist eine Paraderolle für die Theater- und Filmschauspielerin Lina Beckmann, die auch noch in diversen anderen Männer- und Frauenrollen im Hörspiel zu hören ist. Sie scheint sich mit der Motivationstrainerin auf der Kassette zu unterhalten – und die mit ihr. Es sind subtile Signale, etwa die dezenten Überlagerungen von Stimmen, die schon zu Beginn andeuten, dass sich mediale und reale Welt überlagern.

Mysteriöse Krankheit

Die reale Welt bricht gleich auf zweierlei Weise in das Kammerspiel im Auto ein – zum einen über das Radio, in dem Meldungen über eine um sich greifende mysteriöse Krankheit verlesen werden, zum anderen in Gestalt von Sabine Wabenrauch, genannt Biene (Charlotte Müller). Biene wird, wie es sich später herausstellt, zu den Infizierten gehören. Natürlich denkt man bei dem permanenten Gehuste sofort an die Corona-Pandemie. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine beginnende Zombie-Apokalypse. Denn die Infizierten verlieren ihre Hemmungen und werden zusehends impulsiv und aggressiv – wenigstens verbal.

Dass sich Fine nicht mehr in der Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle befindet, zeigt sich, als bei einer Pinkelpause Dr. Tasheva (Jeanette Spassova), die Motivationstrainerin von der Audiokassette, einfach zusteigt. Dann übernimmt Biene das Steuer und der Kontrollverlust eskaliert. Die Autobahn wird gesperrt, ganze Regionen werden abgeriegelt, Militärhubschrauber dröhnen vorbei und es wird geschossen.

Das Gefühl im Recht zu sein

Im Radio versuchen Journalisten und Experten, die Situation einzuordnen. Man denkt unwillkürlich an Erklärungsmuster, die für rechtsradikale Umtriebe in Ostdeutschland herangezogen werden. Doch auch dort wird schon gehustet und die Sprache entgleist zunehmend ins Vulgäre. Dabei sind sich die Akteure ihrer Situation gar nicht bewusst. Im Gegenteil: „Das Gefühl, im Recht zu sein, ist bei der infizierten Person sogar gesteigert.“

Der Theater- und Hörspielautor David Lindemann, der hier auch selbst Regie geführt hat, inszeniert in seiner Komödie die unterschwellige Bedrohung anhand ihrer Symptome. Hier wird nichts erklärt, sondern viel gezeigt. Sehr schön auch, wie in einer Polizeikontrolle die Infektion getestet wird: Man zeigt den Insassen eine Farbkarte. Es gibt keine falschen Antworten, aber wenn man rot sieht, ist man infiziert. Ein Messgerät am Finger fungiert als Lügendetektor. Natürlich sieht Biene rot. Formal zwischen Komödie und Kammerspiel angesiedelt, ist Lindemanns Hörspiel eine irritierend unterhaltsame Gesellschaftssatire.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 27.08.2026


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