Verpufft im Blockbuster-Rausch

„Hologrammatica“, ein Genre-Mix aus Detektivgeschichte und Science Fiction, serviert Hologramme, Bewusstseinskopien und eine stillgelegte KI. Doch Fragen nach Identität und Menschsein gehen im Blockbuster-Spektakel unter.

Tom Hillenbrand: Hologrammatica

DLF, Sa, 11.,18, und 25.07.2026, 20.05 bis 22.00 Uhr

Manchmal will man es sich einfach gemütlich machen. Da will man nicht überrascht werden, sondern sich einfach in die warme Badewanne des Bekannten legen und sich entspannen. Das ist ein Grund, warum die Unterhaltungsindustrie das Genrekino erfunden hat, und so konkurrieren alljährlich der Actionthriller „Die Hard“ (dt. „Stirb langsam“) mit dem Märchenfilm „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ um die Aufmerksamkeit der weihnachtlich gestimmten Zuschauer.

Was das mit „Hologrammatica“ im heißen Hochsommer zu tun hat? Die neunteilige Science-Fiction-Serie nach dem 2018 erschienenen Thriller von Tom Hillenbrand ist die Hörspielvariante des hochsommerlichen Blockbusterkinos. Sie funktioniert nach den gleichen Regeln und hat die gleiche Zielsetzung.

In der Bearbeitung und Regie von Janine Lüttmann kann man sich auf eine Serie freuen, die alle Zutaten enthält, die man von einem zünftigen Science-Fiction-Stoff erwartet: ein bisschen nerdiger Tech-Talk, ein bisschen Philosophie, eine übermächtige, aber stillgelegte KI, eine Bedrohung von außen, actionreiche Verfolgungsjagden und einen Showdown, der sich gewaschen hat. Dazu ein Sounddesign (Andreas Bick), das den Klang des Jahres 2088 einfängt und außerdem die Genrekonventionen bedient.

Doch zunächst erinnert das Setting rund um den Quästor Galahd Singh eher an die Detective-Storys der 1940er Jahre. Nur das manierierte „ä“ und seine Homosexualität unterscheiden ihn von seinen Hardboiled-Vorfahren aus Federn wie der von Raymand Chandler. Die Welt, in der er sich bewegt, ist eine, deren löchrige, rußgeschwärzte Realitäten permanent von einem Netz aus holografischen Projektionen aufgehübscht werden. Das kennt man schon aus Stanislaw Lems Erzählung „Der futurologische Kongress“ oder dem ersten „Matrix“-Film. Doch auch die Menschen laufen mit Insta-Filtern (hier „Holo-Polish“ genannt) durch ihr Leben, die man nur mit speziellen Brillen (“Stripper Goggles“) ausblenden kann.

Das Descartes-Rätsel und der Turing-Zwischenfall

Wem das nicht reicht, der kann sein Bewusstsein mittels eines kleinen Quantencomputers in das Hirn eines anderen Körpers aufspielen. Diese geklonten „Gefäße“ können das Bewusstsein der digital aufgerüsteten Menschen, „Quants“ genannt, aber nur für 15 Tage halten, bevor es zum „Brain Crash“ kommt. Überleben kann das Bewusstsein nur im Originalkörper des Quants.

Um endlich die Unsterblichkeit zu erreichen, muss das sogenannte „Descartes-Rätsel“ gelöst werden, wonach Körper und Geist über einen geheimen Ort und auf unbekannte Weise miteinander interagieren. Neuro-Programmierer suchen nach diesem Ort, um diese Verknüpfung zu manipulieren. Eine dieser Programmiererinnen ist Juliette Perotte (Elisa Schlott), die die Verschlüsselungen für die „Cogits“ erstellt hat. Sie ist verschwunden und Galahad Singh hat den Auftrag, sie aufzuspüren. Bevor er sie findet, stößt Singh auf eine besondere Spielart der Cogit-Nutzer, die „Deather“, die ihre Gefäße umbringen (lassen), um sich so mittels Mindrecordern möglichst nah an die Todeserfahrung heranzurobben.

Der zweite Erzählstrang, der durch das Hörspiel führt, handelt von der verschwundenen Juliette Perotte, die sich in einem leeren Krankenhaus auf einer unbewohnten Insel wiederfindet und von sich selbst, das heißt von ihren Iterationen (ihren „Gefäßen“) Aufträge ausführt. Denn auf der abgelegenen Insel befindet sich jene KI namens Æther, die zur Bewältigung der Klimakrise gebaut wurde, aber von der ängstlichen Menschheit mittels Atom- und EMP-Bomben vernichtet werden sollte, bevor sie als Superintelligenz nach dem sogenannten „Turing-Zwischenfall“ die Kontrolle übernehmen konnte und sich seitdem „Nemo“ (Niemand) nennt.

In den letzten beiden Folgen der Serie kommt es dann zum Showdown, bei dem noch sogenannte „Hardlights“ auftreten. Das sind ziemlich unverwundbare, kristalline Lichtstrukturen mit schwarzen Samurai-Schwertern, die irgendetwas mit einem Lichtdom über Kreta, der „Knossos-Anomalie“, zu tun haben.

Der Autor als Lebensmittelchemiker

Das klingt alles sehr durchkonstruiert, wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, bekäme man im Verlauf des Hörspiels nicht den Verdacht, dass hier nicht der Autor als Koch leidenschaftlich seine Zutaten komponiert, sondern ein Lebensmittelchemiker einfach zwei Rezepturen kombiniert hat, den Detektiv-Roman und die Science-Fiction, und sie mit ein paar synthetischen Gewürzen anreichert.

Da sind die Avatare mit den Schwertern, die man aus Neil Stevensons SF-Roman „Snow Crash“ kennt. Da ist der blaue Würfel, in dem die KI Æther/Nemo kondensiert ist, den es auch im Marvel-Universum gibt. Da ist das Passwort „Bitches Brew“, das Singh für seinen Schmerzmittelkonsum braucht, und das auf das berühmte Miles-Davis-Doppelalbum von 1969 verweist. Da ist die frühkindliche Traumatisierung Singhs durch das Verschwinden seines Bruders, ein Motiv, dass schon die BBC-Serie „Sherlock“ ausmachte.

Man merkt die Absicht, einen Publikumsgeschmack zu treffen, und ist verstimmt. Denn all diese Anspielungen und Zitate führen zu nichts. Sie bleiben ein kurzfristiger Reiz, der sofort verpufft, weil er nichts bedeutet. Die angedeuteten philosophischen Diskussionen um Identitäten oder die Möglichkeit einer künstlichen Superintelligenz, die eigentlich im Zentrum stehen sollten, wirken merkwürdig randständig. Das ist schade. So reicht es nur für einen Sommerhit.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 16.07.2026


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.