Zwischen Tagesschau und Tanztheater
Judith Kuckart erzählt in ihrem autofiktionalen Roman „Die Welt zwischen den Nachrichten“ von Geburt, Tod und etwas Drittem, das sich jenseits von „Tagesschau“-Bildern abspielt. Nun hat sie ihn fürs Radio bearbeitet.
Judith Kuckart: Die Welt zwischen den Nachrichten
SWR Kultur, So, 28.06.2026, 18.20-20.00 Uhr
Es ginge ihr um Gegenwart, nicht um eine Hommage an die Vergangenheit, hat Judith Kuckart in einem Interview über ihren Roman „Die Welt zwischen den Nachrichten“ gesagt. Jetzt hat sie ihn selbst für das Radio bearbeitet. Und diese Gegenwärtigkeit im Radio setzt Regisseur Ulrich Lampen, der schon einige Stücke von Judith Kuckart inszeniert hat, mit sehr präsenten, nach vorne gemischten Geräuschen um.
Es beginnt mit einem O-Ton der Autorin: „Es gibt eigentlich nur drei große Themen, die die Menschen bewegen, das ist die Geburt, der Tod und …“ Was das dritte Thema ist, kann und soll man sich in den folgenden 75 Minuten fragen. Denn die Tänzerin, Choreografin, Regisseurin, Schriftstellerin und Radioautorin Judith Kuckart erzählt in ihrem autofiktionalen Text jene Welt, „die zwischen den großen Nachrichten erdrückt wird“.
Das geschieht nicht chronologisch, sondern in Rückblenden, und die Erzählerin (Juliane Köhler) ist auch nicht die Herrin ihrer Geschichte, sondern wechselt sich mit einer Autorin (Katja Bürkle) ab. Christiane Roßbach, Matthias Breitenbach, Rosalinde Renn und Isabella Demay treten in wechselnden Nebenrollen auf. Und außerdem kommen immer mal wieder O-Ton-Schnipsel von Judith Kuckart selbst vor.
Alles beginnt in Schwelm
Die Geschichte beginnt kurz vor der Geburt der Protagonistin Judith Martina am 17. Juni 1959 in der Kleinstadt Schwelm am Rande des Bergischen Landes, die sie nur „S.“ abkürzt. Diese Rollenverteilung gibt dem Text eine besondere radiophone Dynamik und emanzipiert sich von der gedruckten Vorlage, die zu Beginn des Hörspiels als Papiergeräusch präsentiert wird und dann verschwindet.
Das Geräusch des tiefen Zugs an einer Zigarette steht emblematisch für die Choreografin Pina Bausch, der sich die Protagonistin als zahnspangenbewehrter Teenager vorstellt. „Okay, du darfst für das Training heute bleiben, Judith Martina, und du kommst dann mal wieder, wenn du neunzehneinhalb bist“, wird sie freundlich abgewiesen.
Sie wird nie wiederkommen, sondern ihr eigenes Tanztheater Skoronel gründen, dessen erste Inszenierung „Ophelia – peut-être“ (“Ophelia kann sein“) in Paris Premiere haben und zwischen 1985 und 1998 in 17 Inszenierungen zu sehen sein wird.
Staunen für Fortgeschrittene
2021 – im Corona-Mai – trifft sich die neunköpfige Truppe wieder: „Ein Leben später geben die, die damals jung waren, sich eine zweite Chance“ und proben ein neues Stück. „Es ist ein Staunen für Fortgeschrittene, mit dem sie sich aus ihren Erinnerungen in die Gegenwart katapultieren. Eine Gegenwart in Schieflage“, beschreibt die Autorin die Entstehung von „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“. Das Stück wird im September auf der Bühne des hessischen Staatsballetts in Wiesbaden seine Premiere feiern.
„Zu tanzen ist eine Mischung aus Chaos und Ordnung, die Anhaltspunkte dafür geben kann, wie sich der Sinn des Lebens musikalisch strukturieren lässt – manchmal wenigstens. Körper wissen: Es gibt eine physische Form für eine seelische Aktivität und eine Technik jenseits aller Technik, um jenen Abgrund zu beherrschen, der der Mensch ist“, lauten die programmatischen Sätze dazu.
Ein „Tagesschau“-Bild
Doch es sind nicht nur der Tanz oder ihre schriftstellerische Arbeit, die unmittelbar mit der Lebensrealität von Judith Kuckart zu tun haben und die das Dazwischen der Nachrichten beschreiben. Das Leben von Judith Martinas Schwelmer Freundin Ina Siepmann beispielsweise, ist so eine Nachrichtenmeldung.
Denn die Apothekerstochter radikalisiert sich nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und tritt der Terrororganisation „Bewegung 2. Juni“ bei. Sie wird 1975 freigepresst und zu einem „Tagesschau“-Bild, als sie winkend das Flugzeug besteigt, das sie in den Südlibanon ausfliegen wird. Ina kommt 1982 bei den Massakern von Sabra und Schatila im Libanon ums Leben. 1990 erscheint Kuckarts Roman „Wahl der Waffen“ mit Ina als Hauptfigur – „eine 173 Seiten lange Suchanzeige“, nennt ihn die Autorin.
Sie erinnert sich dabei an die Bilder von Benno Ohnesorg vom 2. Juni 1967, als der Student von einem Berliner Polizisten von hinten erschossen wurde, die sie im Alter von acht Jahren zusammen mit ihrem Vater in den Nachrichten gesehen hat.
Das Sterben der Eltern
Die eindrücklichsten Szenen des Hörspiels beschäftigen sich mit dem Leben und Sterben ihrer Eltern Liz und Leo. Liz wird nach Judith Martinas Geburt noch dreimal schwanger, bringt aber nur Totgeburten zur Welt – es ist die Zeit des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan. Liz wird Ende Januar 1998 mit erst 57 Jahren sterben: „Vier Wochen nach der tödlichen Diagnose hatte Liz bereits ihr vorletztes Gesicht – wie geschminkt sah sie aus. Der Tod kann ein guter Maler sein – auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs.“ Immer wieder taucht die Mutter im Hörspiel auf, ohne allerdings eine eigene Stimme zu bekommen.
Anders als ihr Vater Leo, dem ein paar hörbare Worte vergönnt sind. Er stirbt 2020. „Sie müssen ihn rasch holen. Wir haben keine Kühlkammer“, wird Judith Martina von einer Pflegerin informiert. Erst später erfährt man, dass seine Geliebte die Tochter vom Sterbebett vertreiben wollte. Das alles ist in einer abgemessenen, empathischen Sprache beschrieben und erzählt selbst die Geschichte einer Vergewaltigung mit distanzierter Genauigkeit.
Es sind die klug komponierten Zeitsprünge, die im linearen Medium Radio den insgesamt 15 Teilen der nicht-linearen Erzählung ihre Spannung verleihen. Einen Schluss braucht es für die Autorin, die laut Pressetext noch auf „zwanzig grandiose Sommer“ hofft, nicht. Das letzte Kapitel heißt „Nicht wichtig“ und besteht nur aus zwei Sätzen: „Nicht wichtig ist, was man aus uns gemacht hat. Wichtig ist, dass wir etwas aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“ Aus ihrem Roman haben Judith Kuckart und ihr Regisseur Ulrich Lampen jedenfalls das Beste gemacht.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst 24.06.2026
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