Wenn Strukturen Konsequennzen haben

Lisa Sommerfeldt erzählt in „Gehen lernen“ vom Preis moderner Familienmodelle unterL vormodernen Bedingungen: Wenn Care-Arbeit zum Armutsrisiko wird und das Familienrecht an Grenzen stößt, entfalten gesellschaftliche Strukturen schmerzhafte Konsequenzen.

Lisa Sommerfeldt: Gehen lernen

WDR 5, 10.05.2026, 17.04 bis 18.00 Uhr

Als sie wegen einer Fortbildung die ersten Schritte ihres Sohnes verpasst, muss Meret heulen. Doch das neue Hörspiel von Lisa Sommerfeldt heißt nicht ohne Grund „Gehen lernen“ und nicht „Laufen lernen“. Die Figuren in Sommerfeldts Hörspielen, die Maries, Marlas, Mandys, Merets, Annas, Lenas und Ninas sowie die Fabians, Florians, Daniels, Lorenz‘, Max‘ und Tills sind alle im Krisenmodus.

Von Kinderoper bis Beziehungsdrama

Fünf Hörspiele gibt es von der 1976 geborenen Dramatikerin, die alle noch in der ARD Audiothek, die unverständlicherweise seit ein paar Wochen „ARD Sounds“ heißt, online nachhörbar sind. Los ging es mit ihrem furiosen Debüt „Dorfdisco“ (WDR 2018, Regie: Susanne Krings), in dem es um eine in ihr ostdeutsches Heimatdorf zurückkehrende Mandy, ihren dementen Vater, dessen Verrat an seiner Frau und die Zersetzungsmaßnahmen der Stasi ging. Ihr Hörspiel „Überleben – die Kinderoper ‚Brundibár‘ in Theresienstadt“ (SWR 2023, Regie: Felicitas Ott) wurde sowohl von einer Kinderjury mit dem Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe als auch mit dem Kinderhörspielpreis des MDR-Rundfunkrates ausgezeichnet.

Ihr neues Stück „Gehen lernen“ gehört in eine Reihe, die mit „wing.suit“ (WDR 2020, Regie: Matthias Kapohl) begann und mit „stadt.land.fluss oder die konstruktion der liebe“ (WDR 2021, Regie: Susanne Krings) fortgesetzt wurde. Alle drei Stücke sind Beziehungsdramen, in denen bestimmte Motive immer wieder auftauchen: verunsicherte bis toxische Männlichkeit, ein früher Kinderwunsch, die Überforderung durch die Verhältnisse und das Nachdenken über einen suizidalen Ausweg. Was die Figuren ursprünglich mal zueinander hingezogen hat, bleibt dabei stets unklar. Der Liebe fehlt jede Leichtigkeit, sie erscheint fast klischeehaft deutsch.

Familie funktioniert über Anwesenheit

In „Gehen lernen“ will Meret (Lorena Ishema), aufgewachsen als Einzelkind, viele Kinder haben und sich zusammen mit Lorenz (Sebastian Urzendowsky) die Care-Arbeit teilen. Beide wollen weiter berufstätig sein, aber das funktioniert schon beim ersten Kind mehr schlecht als recht und nach dem vierten überhaupt nicht mehr. Vater Lorenz, der Karriere machen muss, weil er allein sechs Menschen zu ernähren hat, ist nur noch selten im neuen Heim, das abgezahlt werden muss. Meret ist auch nicht gerade glücklich über ihren unbezahlten Full-Time-Job als Hausfrau und Mutter. „Familie funktioniert über Anwesenheit“, sagt Lorenz, und so scheitert sie konsequenterweise auch an seiner Abwesenheit.

Nach der Scheidung ordnet die Familienrichterin ein Wechselmodell an, bei dem die Kinder im Wochenrhythmus bei jeweils einem Elternteil sind – ein Modell für Privilegierte, bei dem alles doppelt da sein muss: Zimmer, Schreibtische, Klamotten – hier sogar alles achtfach. „Das sind nicht wir, das sind die Strukturen, gegen die kommen wir nicht an“, wird Lorenz später sagen.
Ob es aber die Strukturen sind, die dazu führen, dass sich die Männerfiguren bei Lisa Sommerfeldt des Öfteren wie Arschlöcher verhalten, oder umgekehrt ein Schuh draus wird, gleicht der Frage, was zuerst da war: Henne oder Ei. Lorenz jedenfalls wird ziemlich eindimensional als der Böse gezeichnet. Was darin kulminiert, dass er seiner Ex-Frau per Anwalt mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs drohen lässt, sollte sie zur Weihnachtsfeier mit den Kindern bei ihm auftauchen.

Ein pseudofeministischer Akt

Dass Lorenz irgendwann die Unterhaltszahlungen einstellt und Frau und Kinder zum Auszug aus dem ehemals gemeinsamen Haus zwingen will, passt da ins Bild – und ist doch nur der Anlass für Lisa Sommerfeldt, einige strukturelle Mängel im bundesdeutschen Familienrecht aufzuzeigen. Denn im Wechselmodell kann das Jugendamt keinen Unterhaltsvorschuss zahlen und ihn auch nicht einklagen.
Und privat kann sich Meret keinen Anwalt leisten – wovon auch? Die Zeiten des Ehegattenunterhalts sind seit 2008 Geschichte, der Spruch „Einmal Zahnarztgattin, immer Zahnarztgattin!“ gilt nicht mehr. Durch die Gesetzesänderung sollten besonders für Frauen Anreize geschaffen werden, wieder zu arbeiten – „ein pseudofeministischer Akt“, so Sommerfeldt. Denn die Strukturen wurden nicht so angepasst, dass Frauen auch wieder arbeiten können.

Anders als in Hörspielen, in denen das Reale nur Beiwerk für die Geschichte ist, steht es bei Lisa Sommerfeldts im Mittelpunkt. Denn diese Strukturen haben Konsequenzen für ganz normale Lebensentwürfe. Auch mit weniger als vier Kindern ist Erziehungsarbeit ein (Alters-)Armutsrisiko.

Der Zorn der Autorin

Leider geht der gerechte Zorn der Autorin bisweilen auf Kosten der Figurenzeichnung. Wenn Dramatik heißt, die Gegenthese möglichst stark zu machen, dann ist „Gehen lernen“ weniger ein dramatischer als ein anklagender Text. Regisseurin Hannah Georgi reichert ihre Inszenierung mit einer akustischen Dimension an, die das Geschehen atmosphärisch verdichtet, ohne zu verdoppeln, was gesagt wird.
Das gilt auch für die anderen Hörspiele von Lisa Sommerfeldt, egal ob sie von Susanne Krings oder Matthias Kapohl inszeniert worden sind. Am Ende konstatiert Meret, dass sie ein Ziel für ein anderes aufgegeben hat und nichts dafür bekommen hat. Aber sie findet einen Ausweg, der nicht über den Suizid führt.

Regisseurin Hannah Georgi reichert ihre Inszenierung mit einer akustischen Dimension an, die das Geschehen atmosphärisch verdichtet, ohne zu verdoppeln, was gesagt wird. Das gilt auch für die anderen Hörspiele von Lisa Sommerfeldt, ob sie von Susanne Krings oder Matthias Kapohl inszeniert worden sind, und die es sich zu hören lohnt.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 12.05.2026


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