Realisierte Theorie – Begegnungen mit Gerhard Rühm

Am 12. Februar ist der „Dichterkomponist“ Gerhard Rühm 96 Jahre alt geworden. Jetzt widmet ihm Deutschlandfunk Kultur eine fünfteilige Reihe, die seine künstlerische Vita nachzeichnet und beweist, dass Avantgarde jung hält.

Carolin Naujocks & Florian Neuner: Begegnungen mit Gerhard Rühm. 5-teilige Reihe

DLF Kultur, mittwochs 6.5., 13.5., 20.5., 27.5, 3.6.2026, 20.00 bis 22.00 Uhr

Am 12. Februar ist der „Dichterkomponist“ Gerhard Rühm 96 Jahre alt geworden. Jetzt widmet Deutschlandfunk Kultur dem Gründer der „Wiener Gruppe“ auf seinem „Konzert“-Sendeplatz mittwochs um 20 Uhr eine Porträtreihe, fünfmal zwei Stunden lang. Während die Marktforschung die Aufmerksamkeitsschwelle von Radiohörern bei 1:30 Minuten verortet und Podcasts, die ein gutes Ein-Stunden-Feature ergeben hätten, auf sechs halbstündige Folgen gedehnt werden, erlaubt sich Deutschlandfunk Kultur ein insgesamt zehnstündiges Langstreckenformat ohne überflüssige Redundanzen, das keine Minute zu lang ist.

Zwischen November 2023 und Februar 2026 haben Carolin Naujocks, Redakteurin für Neue Musik bei Deutschlandfunk Kultur, und der Schriftsteller Florian Neuner in Köln und Wien mit Gerhard Rühm ausführliche Gespräche geführt – und man erfährt nicht einmal, was das mit ihnen gemacht hat – Radio kann so schön sein. Es kann aber auch ein bisschen schrecklich sein, wenn man den Fragen anmerkt, dass sie nicht an den Gesprächspartner gerichtet sind, sondern an das künftige Radiopublikum. Rühm machte jedenfalls nicht den Eindruck, dass man ihm erzählen muss, was er in den letzten siebzig Jahren alles gemacht hat.

Sich überschneidende Gewerke

Zehn Stunden geben den Werken von Gerhard Rühm den Raum, der ihnen gebührt. Seine frühen Jahre in Wien werden in der ersten Folge beleuchtet. In der zweiten Folge geht es um die Wiener Gruppe (H.C. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Oswald Wiener) und den Berliner Kreis. Die dritte Folge dreht sich um Rühm als Komponisten – er ist ausgebildeter Pianist. Die vierte Folge beschäftigt sich mit seinen transdisziplinären, grafischen Arbeiten und die fünfte mit Rühm als Radiokünstler und Hörspielmacher.

Weil sich die einzelnen Gewerke in Rühms Arbeiten öfters überschneiden, zieht er keine scharfe Trennlinie zwischen ihnen: „Für mich gab es sowieso in dem Sinn keine getrennten Welten. Ich habe ja auch Wörter gezeichnet und genauso auch Wörter in Musik übersetzt und in den sogenannten Sprechduetten […] habe ich ja sogar eine teilweise musikalische Notation gehabt.“

Begonnen hat seine literarische Arbeit mit Grenzüberschreitungen von der Schrift zum Laut. Von seinen Sprechtexten ist Rühms wortloses „atemgedicht“ zu hören, das erstmals 1954 im Buch „botschaft an die zukunft“ veröffentlicht wurde. 1988 legte der Rowohlt Verlag das Buch wieder auf und fügte eine Musikkassette bei.

Konzeptuelle Vorgehensweisen

Von atonaler Zwölfton-Musik über serielle Formate bis zu vertonten Haikus, dialektalen Wiener Liedern und Chansons bis zur Operette „Der Schweißfuß“ reicht das Repertoire von Rühm als Komponist. Auf dem Label „Seltengehörte Musik“ von Dieter Roth erschienen einige Schallplatten „totaler Musik“ – analog zum totalen Theater. Ähnlich ironisch funktioniert die Komposition „Beethoven geht vorüber“, in der sich das Motiv der Pathétique-Sonate von den tiefsten Tönen des Klaviers die ganze Tastatur entlang nach oben bewegt – als ginge der Komponist am Instrument vorbei.

Reduzierte Formen, konzeptuelle Vorgehensweisen: „Jedes Hörstück ist immer auch eine bis ins Detail realisierte Theorie“, hat Rühm gesagt, und das belegte er mit Paratexten, die sich zur Zeit des Neuen Hörspiels um 1970 besonderer Beliebtheit erfreuten. Es handelt sich um die Vorworte, die die Konstruktionsprinzipien des folgenden Hörstücks erklären. Denn man hört nur, was man weiß. „Die Gleichwertigkeit der Schallphänomene annulliert die Grenze zwischen Musik und Literatur“, ist einer der Sätze Rühms, die das Neue Hörspiel wie auch das eigene Werk beschreiben.

In seinem letzten Hörspiel, dem radiophonen Redeoratorium „Hugo Wolf und drei Grazien, letzter Akt“ aus dem Jahr 2015, nimmt das Vorwort fast ein Drittel des 40-minütigen Stücks ein. Von den Einton-Stücken seiner Frühzeit zieht sich dabei eine Linie bis zum Spätwerk. Denn in dem Oratorium, das der gespaltenen Persönlichkeit des Komponisten Hugo Wolf (1860-1903) gewidmet ist, entfallen auf ihn die Vokale „u“ und „o“, während „a“, „e“ und „i“ für seine Liebesbeziehungen zu Vally, Melanie und Frieda zu hören sind. Im Stück tanzen dann monovokale Wörter (“fragt anfangs, sagt anfangs, lacht anfangs“) im Walzertakt umeinander herum.

Kultivierte Melodramen

Eine Form hat Gerhard Rühm sowohl in seinen Kompositionen als auch in seinen Hörstücken kultiviert: das Melodram – eine im Theater des 19. Jahrhunderts beliebte Gattung mit Orchesterbegleitung. Am prominentesten nutzte er diese Form in seinem Radiomelodram „Wintermärchen“, mit dem er 1977 zum ersten Mal den Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst gewann. Ausgangspunkt des Stücks ist eine Zeitungsmeldung über einen 18-jährigen Elektromonteur, der fast nackt an einen Baum gefesselt wurde, sich befreien konnte und trotzdem am Rande einer Landstraße „verlassen und allein“ erfroren war, weil kein Auto anhielt. „Jedes Dokument ist stärker als Erfundenes“, schrieb Rühm dazu. Die Erschütterung ist dem Stück anzuhören.

Neben den Hörspiel-Hits hört man in den „Begegnungen mit Gerhard Rühm“ auch eher unbekannte Stücke, wie die „zensurierte rede“. Dabei handelt es sich um eine zerschnipselte Politikerrede vom Ende der Dubcek-Ära in der Tschechoslowakei 1968: „Kurz nachdem die „zensurierte rede“ gesendet wurde, wurde die neue Zensur verkündet“, sagt Rühm.

Selbst ein nicht realisiertes Projekt wird angesprochen: „mixacusis“. Der Terminus stammt aus einem sexualpathologischen Werk der 1920er Jahre und behandelt eine Form des akustischen Voyeurismus und sollte Essay und Hörspiel werden, was laut Rühm „das Radio der 1970er Jahre noch überfordert hat“ – und es offensichtlich bis heute tut. Gerhard Rühm ficht das nicht an. Auch mit 96 Jahren tritt er noch als Rezitator seiner eigenen Sprechtexte auf. Avantgarde hält offensichtlich jung.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 08.05.2026


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